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Brexit: Ein britischer Analyst sagt in 23 Tweets, was passieren wird

Alex White ist Analyst ist London - und keiner, der zu Pathos neigt. In 23 knochentrockenen Tweets bewertet White die Zukunfsaussichten Großbritanniens nach dem Brexit. Hier sind sie.

Der Tag nach dem Brexit an der Londoner Börse

Absacker: Die Londoner Börse am Tag nach dem Brexit.

Die renommierte liberale britische Wochenzeitschrift "The Economist" betreibt neben dem Mediengeschäft eine Beratung namens "Intelligence Unit" (EIU), die politische und ökonomische Analysen für zahlende Kunden erstellt. Dort arbeitet Alex White im Rang eines Direktors. Er ist für die Analyse einzelner Länder zuständig. White war zuvor politischer Analyst bei der US-Bank JP Morgan, Wall-Street-Kommentator und Berater der britischen Regierung. Sein Lebenslauf lässt darauf schließen, dass er ziemlich genau weiß, wie der Hase läuft.

Auf Twitter hat er nun im Namen der EIU seine Prognose veröffentlicht, wie es mit Großbritannien nach dem Brexit weitergeht. Es ist davon auszugehen, dass viele britische Follower nach der Lektüre not amused waren. Hier sind seine Tweets - teilweise direkt von uns übersetzt. Alle Original-Tweets finden Sie auf Whites Account.

1. Der Brexit hat Großbritannien in politische und ökonomische Turbulenzen gestürzt. Wir erwarten, dass diese Turbulenzen anhalten.

2. Die Finanzmärkte werden unruhig bleiben, während die Unsicherheit über die künftigen Beziehungen zur EU die Realwirtschaft beeinflussen wird.

3. Wir haben unsere Wirtschaftsprognose deutlich abgeändert. Nach einem Wachstum von 1,5 Prozent in diesem Jahr erwarten wir für 2017 einen Rückgang um 1 Prozent.

4. Die Investitionen werden 2017 voraussichtlich um 8 Prozent zurückgehen, der private Konsum um 3 Prozent nachlassen. Das Pfund könnte sich bei 1,24 Dollar einpendeln.

5. Die Brexit-Abstimmung hat unsere Steuerschätzung verändert. Sinkende Steuereinnahmen und höhere Sozialtransfers bei steigender Arbeitslosigkeit.

6. Wir erwarten jetzt, dass die öffentliche Verschuldung 2018 einhundert Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen wird.

7. Dieser Schlag stoppt Großbritanniens Erholung nach der . 2018 wird das reale Bruttoinlandsprodukt fast 4 Prozent unter der Prognose vor dem Referendum liegen (2020: 6 Prozent darunter).

8. Währenddessen werden die großen politischen Spannung anhalten. Die Regierung, die großen Parteien, das Parlament und die Union: Alle sind gefährdet.

9. Wir erwarten zwei Monate Chaos. Der neue Premier Johnson (oder May) wird im September im Amt sein und beginnen, nach Lösungen zu suchen.

10. Großbritannien wird Artikel 50 vermutlich vor Jahresende ziehen, was bedeutet, dass die Verhandlungen spät im Jahr 2018 enden werden.

11. Um die Einwanderung zu beschränken, wird Großbritannien einen Deal akzeptieren, der den Zugang zum EU-Binnenmarkt für Dienstleistungen deutlich beschränkt.

12. Ein guter Teil der Finanzindustrie wird im Regen stehen bleiben.

13. Der neue Premier wird einen heroischen Canossa-Gang antreten müssen, um den Deal zu bekommen; Großbritannien wird bei allen großen Entscheidungen nichts mehr zu melden haben.


14. Nach den Verhandlungen wird dieser neue Deal durch ein zweites Referendum oder Neuwahlen bestätigt werden.

15. Brexit-Befürworter werden den Wählern sagen, dass sie in Bezug auf Einwanderung nicht das bekommen, was sie wollen. Das wird eine starke Reaktion auslösen: den struktuellen Aufstieg von Rechtsradikalen.

16. Das ist vor allem für die Labour-Partei bedrohlich. Wir erwarten, dass Ukip auch in die Labour-Hochburgen einbricht (selbst wenn Corbyn abgelöst ist).

17. Das Establishment in Großbritannien wird eine Zeit brauchen, um sich wieder zu behaupten. Die Planlosigkeit und das Glaubwürdigkeitsproblem wird aber zu anhaltenden Zweifeln an seiner Leistungsfähigkeit führen.

18. Viel von Großbritanniens Ruf einer "erstklassigen politischen Stabilität", die auf Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit basiert, könnte für lange Zeit verloren sein.

19. Sobald Großbritannien die verlässt, ist Erholung in Sicht, aber  Wirtschaft und Politik werden sich strukturell verändert haben.

20. Wir prognostizieren im Moment kein zweites Referendum in Schottland, aber die verfassungsrechtlichen Grundlagen müssen geändert werden (inklusive Londons Status und Wahlsystem?)

21. Die Effekte in ganz Europa werden substantiell sein. Wir sehen 0,2 Prozent weniger Wachstum und große politische Risiken - vor allem in Italien/Frankreich.

22. Die Region kann den Brexit verkraften und andere vereinzelte Krisen. Es könnte sie überfordern, verschiedene Krisen gleichzeitig zu managen.

23. Wir erwarten, dass die Dinge beieinander bleiben, sehen aber die Risiken einer deutlichen Verschlechterung - zum Beispiel, dass die EU nicht verhandeln wird oder die Krise außer Kontrolle gerät.


lk