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Brzezinski über Obama: "Besser als alle anderen"

Er war Sicherheitsberater Jimmy Carters. Im stern-Interview erklärt Zbigniew Brzezinski, weshalb Barack Obama ihn an John F. Kennedy erinnert - und warum die USA demnächst einen größeren Einsatz der Deutschen in Afghanistan fordern könnten. Das Interview können Sie hier auch in der englischen Originalfassung nachlesen.

Herr Dr. Brzezinski, wie haben Sie Obamas Sieg erlebt?

Mit Freunden vor dem Fernseher. Wir waren überzeugt, dass er gewinnen würde. Aber als sein Sieg dann wirklich wahr wurde, da war ich sehr bewegt.

Ausgerechnet Sie? Sie galten immer als einer der härtesten Politiker überhaupt.

Ich sah in die Gesichter so vieler Menschen, schwarz und weiß. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass dies eine historische Wahl ist. Damit könnte Amerika sogar zum Prototyp einer globalen Gesellschaft werden.

Und warum gerade Amerika?

Kein anderes Land der Welt hätte so einen Mann zum Präsidenten gewählt. Barack Hussein Obama wird akzeptiert, mehr noch, er wird verehrt, weil er die Vielfältigkeit Amerikas verkörpert. Einer Gesellschaft, in der Menschen verschiedener Hautfarben gleichberechtigt leben. Eine Gesellschaft, die sich auf Demokratie und ein grundlegendes Maß von sozialer Gerechtigkeit verpflichtet.

So sahen die USA zuletzt aber nicht aus.

Ich habe Obama im vergangenen Jahr kennengelernt, und er beeindruckte mich so wie sonst nur John F. Kennedy. Sein Intellekt und seine Wesensart machen ihn für das höchste Amt besser geeignet als alle anderen in der jüngeren Geschichte.

Wird Obama Präsident einer Supermacht im Niedergang?

Blödsinn. Wir erleben das Ende einer dummen Supermacht. Unter Präsident Bush handelten wir arrogant, unilateral, und - am schlimmsten - seine Regierung kultivierte die Angst. Die Freiheitsstatue als Symbol Amerikas wurde durch Guantánamo ersetzt. Das Land verlor an Selbstvertrauen. Das gehört zu den schlimmsten Hinterlassenschaften der Ära Bush.

Was ist die größte außenpolitische Herausforderung für den neuen Präsidenten?

Afghanistan gehört dazu. Wir werden mehr Truppen stationieren müssen. Aber das ist nicht die Lösung. Die liegt in der Entmilitarisierung unseres Einsatzes. Man sollte auf lokaler und regionaler Ebene mit den verschiedenen Gruppen der Taliban verhandeln. Und wenn die beispielsweise al Kaida-Aktivitäten unterbinden würden, könnten wir uns aus begrenzten Gebieten zurückziehen.

Sie fordern den Abzug der Nato-Truppen.

Nein. Die Nato muss in der Zwischenzeit aktiv bleiben. Und wenn wir es wirklich ernst meinen mit der Allianz, dann müssen wir auch mit der Verteilung von Lasten ernst machen. Es kann nicht sein, dass einige Soldaten Tag und Nacht ihr Leben riskieren und andere nachts nicht mal auf Patrouille gehen dürfen.

Erwartet Obama mehr deutschen Einsatz?

Das amerikanische Volk erwartet dies. Die Europäer können die miserable Bush-Politik nicht länger als Alibi benutzen. Aber auch wir haben keines mehr. In Zukunft werden wir uns beraten müssen und kooperieren.

Russlands Präsident hat Obama mit der Ankündigung begrüßt, Kurzstreckenraketen an der Ostsee zu stationieren ...

... ja, aber wir können entspannt sein.

Entspannt?

Russlands Machthaber müssten wissen, dass sich das Land nicht vom Rest der Welt isolieren und eine imperialistische Einflusssphäre beanspruchen kann. Ich bin fassungslos, wie unklug sie vorgehen.

Sollte man auch die nuklearen Ambitionen des Iran entspannter betrachten?

Wir brauchen einen realistischeren, flexibleren Ansatz. Wir sollten verhandeln, vielleicht sogar ohne Vorbedingungen. Eine erfolgreiche Iranpolitik muss unsere Sicherheitsinteressen, aber auch die des Iran berücksichtigen. Dieser Ansatz könnte dazu beitragen, dass der Iran wieder zur Kooperation mit den USA zurückfindet.

Interview: Katja Gloger / print
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