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Obamas Amtseinführung: Ein Fest, das jeden Rahmen sprengt

Die Einführungsfeier für den 44. Präsidenten der USA, Barack Obama, wird ein Volksfest, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Bis zu drei Millionen Menschen pilgern nach Washington D.C., kaufen Obama-Devotionalien und zahlen jeden Preis für eine Unterkunft. Während sich die Begeisterung der Amerikaner bis zur Ekstase steigert, bleibt einer cool: Obama selbst.

Von Katja Gloger

Wer immer noch nicht weiß, was ihn an diesem historischen Tag wirklich erwartet, der findet Hilfe in der Washington Post: die bietet Ratsuchenden und Ratlosen einen "Überlebensleitfaden zur Amtseinführung" an, mit Tipps und Tricks. Welche U-Bahn-Stationen sind geschlossen? Wo erstrecken sich die längsten Verkehrsstaus, wo kann man verloren gegangene Kinder einsammeln, welche Bars haben bis zum Morgengrauen geöffnet? Die New York Times schickt Lesern den "News Alert", den jeweils aktuellen Nachrichtenüberblick: Tipps und Tricks, dazu die Wettervorhersage und natürlich jede Menge Fotos. Den Service gibt's aufs Handy - so man ihn denn überhaupt empfangen kann. Zwar haben die Telefongesellschaften in den vergangenen Monaten Millionen in die Aufrüstung der Funknetze investiert - doch dem Ansturm der telefonierenden Massen werden sie wohl nicht standhalten. Wer im Chaos des kollektiven Freudentaumels jeden Wimpernschlag der Geschichte mitbekommen will, kann sich auch von unzähligen Twittern und Bloggern versorgen lassen, sie dokumentieren jede Sekunde des großen Tages. Die Fernsehsender senden ab 10 Uhr Morgens Ortszeit, live und ohne Unterbrechung.

Es wird ein Spektakel, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Nur Romantiker wagen den Vergleich mit Lady Di's Hochzeit - die Zyniker mit ihrer Beerdigung.

Weltpresse im Fronteinsatz

Selbst die hartgesottenen Superstars unter den TV-Moderatoren kriegen schlotternde Knie. Da dachten sie, nach 22 Monaten Obamamania könnte sie nichts mehr erschüttern. Doch noch nie haben sie eine Amtseinführung dieser Dimension erlebt.

Dutzende Mitarbeiter des TV-Senders CNN etwa verbrachten die vergangene Nacht auf Luftmatratzen gleich im Studio. Geduscht wurde in einem nahegelegenen Fitnessclub. Tausende Reporter aus buchstäblich jedem Land der Welt haben sich akkreditiert, selbst eine Tageszeitung aus Luxemburg schickt eigens einen Pressevertreter. Altgediente Lokalreporter hingegen überlegen, morgens ins Büro zu joggen, weil sonst ohnehin kein Durchkommen ist. Inauguration Day wird für sie eine Mischung aus Pfadfinderlager, Studentenparty und, na ja, Fronteinsatz.

Alle lieben Obama

Wieder einmal bricht Barack Hussein Obama alle Rekorde: Hunderttausende hatten ihm schon auf seiner Zugfahrt von Philadelphia nach Washington zugejubelt. Hunderttausende jubelten, als er beim großen Popkonzert vor dem symbolträchtigen Lincoln Memorial eine kurze, ernste Rede hielt. Und er beginnt diesen historischen Dienstag, seinen Dienstag, mit der Gewissheit, dass ihn 84 Prozent der Bevölkerung unterstützen, selbst 60 Prozent der Republikaner mögen ihn. Keiner startete mit so viel Sympathien in seine erste Amtszeit - von Jimmy Carter einmal abgesehen. Diesen Vergleich mögen Obamas Berater allerdings gar nicht - denn Jimmy Carter verlor seine Wiederwahl krachend.

George W. Bush? Keiner spricht mehr von ihm. Dieser Mann, so der bissige Kolumnist Frank Rich von der New York Times, werde vielleicht einmal als ein Präsident erinnert, nach dem man zuletzt mit Schuhen warf. "Er ist kleiner als das Leben. Schon vergessen."

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Was sich an diesem Dienstag in Washington, D.C. abspielen wird, sprengt alle Dimensionen. Inauguration Day - die Stadt befindet sich buchstäblich im Ausnahmezustand. Präsident Bush hat den Notstand über die Stadt verhängt - so können immerhin Bundesgelder angefordert werden, um die enormen Kosten zu decken. Normalerweise gilt so ein Notstand nur nach einem Hurrikan oder einer Sturmflut, wie etwa nach Katrina.

Zwei Millionen Besucher werden heute erwartet, vielleicht auch drei, wer weiß es schon genau. 40.000 Polizisten sind im Dauereinsatz, Dutzende gesperrte Strassen, die Brücken über den Potomac sollen komplett dicht sein. Checkpoints an jeder Ecke, "crowd control" heißt das beim Secret Service, Kontrolle der Massen. Nur wie, weiß keiner so genau. Allein die Zahl der erwarteten Reisebusse ist so groß, dass sie aneinandergereiht eine Schlange von mehreren Hundert Meilen bilden würden.


50.000 Dollar für vier Eintrittskarten

Die Stadt ist ausverkauft. Hausbesitzer haben ihr Heim für Tausende Dollar an Obama-Fans vermietet. Im Luxushotel Four Seasons gab es eine Suite zum Sonderangebot von 10.000 Dollar. Nur die wenigsten waren so generös wie der Unternehmer Earl Stafford aus Virginia: Er lud mehr als 400 sozial benachteiligte Bürger nach Washington ein, Arme, Obdachlose. Spendierte ihnen den Smoking, das Ballkleid, das Hotel, ein Ticket zum Ball, Limousinentransfers inklusive. Allein die Hotelzimmer ließ sich Stafford eine Million Dollar kosten.

Tickets für einen guten Platz an der Pennsylvania Avenue? Dort, wo der Präsident auf seiner ersten Fahrt ins Weiße Haus vorbeifährt und vielleicht sogar einmal kurz aussteigt, Hände schüttelt, so wie einst Kennedy und seine Jackie? Ein paar Eintrittskarten wurden verlost, ein paar Tausend gab es für volksnahe 25 Dollar über einen Kartenverkauf im Internet. Doch wer auf Nummer Sicher gehen wollte, der hatte bis zu 50.000 Dollar für vier Karten hingeblättert. Diverse Hollywood-Stars sollen von dem Angebot diskret Gebrauch gemacht haben - aus Angst, sonst leer auszugehen.

Ein Volksfest der Superlative

Es wird die spektakulärste, die öffentlichste und die teuerste Amtseinführung aller Zeiten - bis zu 160 Millionen Dollar sollen ausgegeben werden. Den Hype um die demokratische Krönungs-Zeremonie kontrolliert das mächtige PIC, das Presidential Inaugural Committee.

Unter der Leitung erfahrener Wahlkampf-Veteranen organisiert es auch dieses Giganten-Ereignis ganz nach Obama-Art: cool, präzise, profitabel. Man wolle, so heißt es in Spendenaufrufen, ohne Lobby-Gelder und ohne Spenden aus der Großindustrie auskommen. Ein Volksfest - finanziert vom Volk selbst.

"Amerika gemeinsam erneuern"

Und so blühen Kommerz und Obama-Kitsch wie nie. Wer gibt sich in diesen rauschenden Tagen schon mit einem schnöden Obama-T-Shirt oder einem simplen Aufkleber fürs Auto zufrieden? Es sollte schon eine Lava-Lampe drin sein, ein Porzellan-Teller mit Goldrand für Sammler oder auch ein Skateboard für die coolen Kids. Champagner-Gläser mit Emblem, versilberte Bilderrahmen, Einkaufstaschen, Wolldecken, Bronzemedaillen mit Obama-Konterfei. Und wer dann immer noch nicht genug hat, der schleckt Eiscreme, Sorte Pekannus mit dem Namen "Yes Pe-Can", in Anlehnung an Obamas berühmtesten Slogan: Yes. We. Can.

Vor allem aber ist es, auch dies ganz Obama-Style, die erste Multimedia-Inauguration der amerikanischen Geschichte. Natürlich wird das Spektakel genutzt, um die Basis zu agitieren. Es gilt, die Bewegung Obama lebendig zu halten. "The Movement", das sind die Millionen Helfer aus dem Wahlkampf, die Freiwilligen, Engagierten überall im Land. Und sie sollen in den kommenden Jahren helfen, Amerika wieder aufzurichten. "Lasst uns Amerika gemeinsam erneuern", lautet der Slogan. Jeden Tag verschicken die PR-Experten in Obamas Zentrale in Chicago Millionen E-Mails: "Melde Dich an! Organisiere eine Veranstaltung in Deiner Gemeinde! Verwandelt Eure Hoffnungen in echte Taten!" Obamas Armee soll weiter marschieren.

Jeder soll seinen Teil leisten - so soll eine Volksbewegung entstehen, die Amerika aus der Krise hilft. Und quasi ganz nebenbei den Grundstein für den nächsten Wahlkampf in vier Jahren legt.

Er triumphiert nicht. Ganz im Gegenteil. Triumph, das schmeckt ihm nicht. Er bleibt cool, besonnen, ganz ruhig. Vor der Amtseinführung besuchte er schwer verwundete Soldaten im Militärhospital Walter Reed. Dann strich er eine Wand in einem Washingtoner Zentrum für obdachlose Kinder - symbolträchtig in himmelblau. Schrieb Briefe an Soldaten im Irak und in Afghanistan. "Der wahre Charakter einer Nation zeigt sich daran, dass sie auch das Richtige tut, wenn die Zeiten hart sind"' sagt er.

Ein Hort des Glücks

An diesem historischen Dienstag wird Barack Obama den Amtseid ablegen, die Hand auf der historischen Bibel, auf die einst schon Abraham Lincoln schwor. Dann wird es einen Moment ganz still sein. Dann ist es, als halte das Land, sein Land, einen Moment den Atem an. Und über viele Gesichter werden Freudentränen laufen.

Und dann wird Barack Hussein Obama eine seiner wunderbaren Reden halten, und er wird nicht jubilieren. Ganz ernst wird ihr Grundton sein, vielleicht ein wenig düster, er wird die Nation noch einmal auf Opfer einschwören, auf harte Zeiten und auf die Kraft gemeinsamen Handelns. Und dann wird er sich auf den Weg zum Weißen Haus machen, wird sein Büro beziehen, und am Abend noch in einem Smoking neben seiner strahlend schönen Frau auf zehn Bällen tanzen, jung und voller Leben. Entzückt wird man ein neues Camelot ausrufen, einen Hort des Glücks. Schon heißt es: "Obama-lot." Und am Mittwochmorgen, wohl recht früh, wird er an die Arbeit gehen. Schon gleich am ersten Tag, heißt es, werde er seinen Generälen befehlen, den Abzug aus dem Irak zu beschleunigen.

Er appelliert an die "besseren Engel in uns". In diesen Tagen will sein Land ihm folgen. Und wie heißt es doch in einem Video der Blogger von der Huffington-Post? "Heute legt jeder von uns den Amtseid ab."