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Reportage der Woche

Barack Obama in Köln: Führungskräfte-Seminar mit dem meist vermissten Chef der Welt

Wenn 14.000 Menschen zu einer Fortbildung für Chefs kommen, dann kann da was nicht stimmen. Stimmt. Denn niemand Geringeres als Barack Obama hatte sich angekündigt – der Chef aller Chefs kam, sprach und begeisterte.

Von Niels Kruse, Köln

Barack Obama in Köln

Barack Obama in auf der Veranstaltung in Köln

DPA

Womöglich suchen viele Besucher gar keinen Rat in Sachen Personalumgang. Womöglich interessiert viele nicht einmal, wer die Coaches überhaupt sind, obwohl doch alles angerichtet ist für Führungskräfte und solche die noch führungskräftiger werden wollen: Zwei Handvoll Stände draußen versprechen Chef-Fortbildung, Chef-Optimierung und Chef-Sinnsuche, und später erzählen drinnen auf der blau ausgeleuchteten Bühne Menschen mit Personalverantwortung mehr oder weniger erbauliche Anekdoten über, nun ja, gute Führung. Und mittendrin, der wohl bekannteste und meist vermisste Chef der Welt: Barack Hussein Obama.

14.000 Menschen sind an diesem vernieselten Donnerstagnachmittag in die Lanxess-Arena rechts des Rheins gepilgert, dort wo sonst die Kölner Haie Eishockey spielen oder Maroon 5 auftritt. Offiziell heißt die Veranstaltung etwas breitbeinig "World Leadership Summit", sechs Motivationstrainer und Führungsexperten berichten, wie aus Vorgesetzten bessere Vorgesetzte werden. Die lokale Presse aber füllt seit Tagen ihre Spalten mit dem eigentlichen Ereignis, dem Promi-Besuch aus den USA. Der "Kölner Stadtanzeiger" etwa wusste zu berichten, dass im Hyatt gegenüber vom Dom die Präsidentensuite belegt gewesen sei, weswegen Obama mit einer normalen Suite vorliebnehmen müsse. Oder auch, dass 100 "Golden Tickets" verkauft worden seien: für je 5000 Euro, Dinner und Foto inklusive.

Besucher total aus dem Häuschen

Ex-US-Präsident sein ist ein lukrativer Job. Vor allem wenn man Barack Obama heißt und vor allem in Deutschland. Hier verzückte er schon im Sommer vor elf Jahren die Massen, da war er noch nicht einmal gewählt. Und in wehmütiger Euphorie johlt die Menge auch jetzt noch, wenn Alexander Müller vom Veranstalter "Gedankentanken" neben einem Flipboard steht und sagt, "er" sei jetzt unterwegs zur Halle. Lautes Entzücken später, als "er" dann in echt die Beine übereinanderschlägt und wohlduftende Worte ins Mikrofon spricht. "Er" hatte die Deutschen einst wieder mit Amerika versöhnt, und am liebsten hätten sie ihn zur Präsidentschaft auf Lebenszeit verdonnert, doch nun sitzt im Weißen Haus, nun ja, eben nicht mehr der 57 Jahre alte Hawaiianer. Andererseits: Der amtierende Präsident in seiner Plumpheit lässt den früheren Präsidenten noch einmal heller erstrahlen.

Um 19.37 Uhr, das Publikum ist kurz davor zu lernen, dass ein Gießkannen-Chef nur von Konferenz zu Konferenz eilt, also überall und nirgends ist, solange, bis er überflüssig wird - im Gegensatz zum Brennglas-Chef, der Dinge fokussiert regelt. Um kurz nach halb acht also verkündet Alexander Müller dann: "Er ist da!". Natürlich tosender Applaus. Dann aber vergeht dennoch fast eine halbe Stunde, bis "er" dann tatsächlich erscheint. Angekündigt von seiner perfekt Deutsch sprechenden, großen Schwester Auma. Müllers Bemerkung, dass sie ja gleich ihren Bruder sehen werde, konternd sie witzelnd: "Welchen? Ich habe so viele."

Obama, wie man ihn kennt: locker, selbstironisch und authentisch

Unter Lichtblitzen betritt Obama die Bühne, er trägt wie so oft einen dunkelblauen Anzug, das blaue Hemd ist offen, irgendjemand hat ihm einen Coffee-to-go-Becher hingestellt, an dem der einst mächtigste Mann der Welt ausgiebig nippt. Seine Haare sind noch etwas grauer geworden, manchmal schließt er einen zu langen Augenblick die Augen beim Sprechen. "Was mussten Sie erst wieder lernen, nachdem sie aus dem Amt geschieden sind?", fragt Interviewer Christian Galvez. "Kaffee kochen. Ich wusste nicht, wie die Maschine funktioniert, er schmeckte fürchterlich."

Das ist so einer dieser Barack-Obama-Momente: locker, mit einer Prise Selbstironie, authentisch. Normal. Oder so normal, wie man als Ex-US-Präsident eben sein kann. "Er" wirkt selbst dann noch gänzlich uneitel wenn er erzählt, dass er am Freitag nach Berlin weiterfahre und Angela Merkel treffe, "my friend" wie er sie nennt. Wieder brandet Applaus auf, der ein wenig klingt wie: Herzlich Willkommen, Angela. Freunde von Obama sind auch unsere Freunde. Niemand würde dem begnadeten Überzeuger Gefall-Kalkül unterstellen, aber natürlich ist er Profi und weiß, was die Leute hören wollen. Woher, verrät er auf die Frage, was einen guten Chef ausmache. "Die Leute glauben immer, als Präsident müsse man Reden halten, dabei geht es darum, den Leuten zuzuhören." Zuhören und verstehen, dann ergebe sich der Rest. Diese Worte lassen sich, wie so viele an diesem Abend, auch als Spitze gegen Donald Trump verstehen.

Barack Obama in Köln

"Er" ist da: Barack Obama in der Lanxess-Halle in Köln

stern

Obama kritisiert Trump - wenn auch indirekt

Der Name des 45. Präsidenten fällt nicht einmal, aber er ist präsent wie ein Elefant im Raum. Obama versteht es, dem Nachfolger hier und da einen mitzugeben und das Publikum lauscht den Seitenhieben nur allzu gern. "Ich glaube an Fakten, Vernunft und Logik", sagt er und allein, dass ein früherer Staatschef für diese Selbstverständlichkeit ernstgemeinten Applaus erntet, ist schon grotesk. "Unsere Demokratien leben von der Diskussion. Aber bei allen Meinungsverschiedenheiten muss es doch Einigkeit über grundlegende Tatsachen geben", empört sich Obama beinahe und zeigt zwischen sich und Interviewer Galvez. "Das ist ein Tisch. Ich meine, wenn jetzt jemand sagt, das sei ein Baum – ganz ehrlich, was soll man denn darauf antworten?"

Exakt eine Stunde dauert das milde Gespräch der beiden Männer. Wie hoch der Stundenlohn des Amerikaners ist, wollte Veranstalter Müller nicht erzählen. Vorvorgänger Bill Clinton ist oder war für 300.000 Dollar zu haben, für weniger dürfte es Obama kaum machen. Müller jedoch sagt diplomatisch wie selbstlobend, dass es dem prominenten Gast nicht allein ums Geld ginge, sondern auch um Inhalt und Art der Veranstaltung. Tatsächlich halten es überraschend viele Politiker oder ehemalige Politiker für Zeitverschwendung, wenn sie bei Auftritten keine Botschaft unterbringen können. Obama ist da keine Ausnahme. "Der Vorteil, wenn man in relativ jungen Jahren US-Präsident wird, ist ja, dass man ein relativ junger Alt-Präsident wird", sagte er lächelnd. "Ich habe also noch ein paar Jahre."

Obama stellt sich hinter Klima-Demos

Dass er diese Zeit nicht als Politrentner verbringt, macht Obama schon seit einiger Zeit deutlich. Anders als George W. Bush, der sich zurückgezogen hat und Bilder malt, wuselt Staatschef Nummer 44 noch ordentlich herum. Selbst im vergangenen Wahlkampf hatte er sich eingeschaltet, sich gegen den Amtsinhaber positioniert, was für frisch aus dem Amt geschiedene Präsidenten eher unüblich ist. Obamas Stiftung vernetzt weltweit junge Aktivisten miteinander und also fordert er die Jugend auf, stärker gegen den Klimawandel zu kämpfen. "Er passiert nicht in 50 Jahren, er passiert jetzt", ruft er in die riesige Halle und verziert seine Botschaft mit einem hübschen Zuckerguss: "Ihr lasst doch nicht eure Großeltern entscheiden, was ihr anzieht oder welche Musik ihr hört. Warum überlasst ihr es denn den Großeltern, darüber zu bestimmen, was mit dem Klima passiert?" Greta Thunberg gefällt das.

Um 20.07 Uhr, nach wie gesagt einer Stunde, verschwindet der Superpromi in den Katakomben der Lanxess-Arena. Die Veranstalter wollten niemand geringeren als den Nummer-eins-Redner der Welt buchen und das ist ihnen gelungen. Auch zu dem Preis, dass er so gut wie alle anderen Redner überstrahlte. Nach seinem Auftritt ist 20 Minuten Pause. Als Alexander Müller danach wieder auf der Bühne steht, sind viele Plätze leer. Und nur noch wenige füllen sich mit Nachzüglern, obwohl noch vier Coaches an der Reihe sind, darunter Frank Thelen von der "Höhle der Löwen". Doch beim vielleicht größten Führungskräfte-Seminar der Welt hatte der Chef aller Chefs gesprochen. Es hatte sich ausgeführt – was sollte jetzt noch kommen?

"Fake or No Fake": "Vollidiot": Beschimpft Obama hier Trump oder ist dieses Video eine dreiste Fälschung?

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