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Analyse zur US-Wahl: Obamas Chance auf einen "New Deal"

Kein Triumph, ganz im Gegenteil: Nach der Wahl zeigte sich ein ernster, fast düsterer designierter US-Präsident. Barack Obama dämpfte die Erwartungen, er forderte Opfer. Obama hat noch 77 Tage bis zur Amtseinführung. Aber er wird sofort loslegen - und keinen Zweifel daran lassen, wer das Sagen hat.

Von Katja Gloger, Chicago

Chicago, der 4. November 2008. Ja, es ist eine historische Nacht. Eine laue Nacht unter Sternen, eine Stadt im Freudentaumel und ein Land, das sich endlich einmal wieder feiern darf. An diesem Abend ist es wie eine Befreiung. Als ob ein ganzes Land aufatmet.

Er hat wieder einmal alle Erwartungen übertroffen. So wie er sein Leben lang alle Erwartungen übertroffen hat. Er hat diese Wahl gewonnen, aber er hat schon jetzt viel mehr erreicht: Er hat die Chance, ein gespaltenes Land zu vereinigen. Und der Welt das andere, das gute Amerika zurückzugeben.

Obama übt Demut

Ungezählten Menschen im ganzen Land standen die Tränen in den Augen, als Barack Hussein Obama, 47, um 23 Uhr Ortszeit das Podium im Grant Park zu Chicago betrat. Über ihm stand der zunehmende Mond, hinter ihm wehten 25 amerikanische Flaggen, er blickte auf ein Meer von Menschen, dahinter die glitzernde Skyline seiner Stadt. Wie immer war er ruhig und konzentriert - aber Obama wirkte auch traurig, beinahe ein wenig düster.

Da stand kein Triumphator, kein Mann, befreit durch einen grandiosen Sieg. Da stand der designierte Präsident einer Supermacht, beinahe demütig, ein Mann, der weiß, dass ihn schwere Zeiten erwarten. Der die hohen Erwartungen dämpfen, die Menschen auf Opfer einschwören muss.

"Die Herausforderungen, die uns erwarten, sind die größten in unserem Leben", sagte er, mahnend fast, wie in dunkler Vorahnung. "Vor uns liegt ein steiler Berg. Es kann sein, dass wir ihn im ersten Jahr nicht erklimmen. Und vielleicht werden wir es auch in der ersten Amtszeit nicht schaffen. Aber wir werden unser Land erneuern. Und wir müssen der Versuchung widerstehen, in alte Muster zurückzufallen. Wir müssen der Versuchung widerstehen, uns unreif zu verhalten."

Obama motiviert

Da stand ein Mann, der fest entschlossen scheint, von seinen Bürgern Opfer zu verlangen. Opfer und mehr Dienst für die Gemeinschaft. Einer, der von seinem Land fordert, endlich erwachsen zu werden.

Was dieser erste schwarze Präsident in der Geschichte der USA schon jetzt erreicht hat, ist beispiellos in der Geschichte der amerikanischen Demokratie.

Noch nie hatten sich so viele Menschen zur Wahl registriert, noch nie war die Wahlbeteiligung so hoch, noch nie haben sich so viele Bürger in einem Wahlkampf engagiert, noch nie wählte man gleich in mehreren republikanischen Staaten den Kandidaten der Demokraten. Barack Obama gewann in Ohio, er gewann Virginia, Florida und er gewann im Westen, in Colorado und New Mexiko und Nevada. Es dauerte gerade einmal drei Stunden nach Schließung der Wahllokale, und es war klar: John McCain hatte keine Chance mehr. Von nun an ging es nur noch darum, wie groß Obamas Triumph sein würde. Es wurde ein Erdrutschsieg. Ein Sieg, über alle Rassengrenzen hinweg.

"No drama, Obama"

Er warb mit seiner Botschaft der Hoffnung und Kompetenz, und er lieferte einen nahezu perfekten, den ersten multimedialen Wahlkampf des 21. Jahrhunderts, allein damit schreibt er schon Geschichte. Sein Sieg wurde mit militärischer Präzision geplant. Er nutzte das Internet als Spendenkasse für mehr als 640 Millionen Dollar - aber viel mehr noch als landesweites Netzwerk für Gleichgesinnte und Freiwillige. Dazu die langfristige, detailgenaue Planung, über Tausend Wahlkampfbüros und mehrere Millionen Freiwillige. Sein Wahlkampf, hart geführt, aber ohne schmutzige Tricks. "No drama, Obama" lautete das Motto. Und jeder blieb strikt "on message": Was nicht nach außen dringen sollte, drang nicht nach außen.

Es war der längste Wahlkampf aller Zeiten, und es war ein eleganter, ja, meist sogar ein schöner Wahlkampf. Ob ihm 1000 Menschen zuhörten oder 100.000 stundenlang anstanden, um die Sicherheitskontrollen zu passieren - stets war die Stimmung friedlich, zuversichtlich, optimistisch. Barack Obama schuf eine Bewegung der mündigen Bürger.

Ein Ruck geht durchs Land

Es scheint, als will sich das Land nach acht dunklen Jahren nun einen entscheidenden Ruck geben.

Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung stimmten für Obama - die absolute Mehrheit der Wähler hatte bei den Demokraten zuletzt Jimmy Carter, und das ist dreißig Jahre her. Er hat satte demokratische Mehrheiten im Kongress und im Senat, und er hat genug Geld, dem Druck von Lobbyisten aller Art zu widerstehen.

Barack Obama hat das Mandat für eine echte Zeitenwende. Es ist eine gewaltige Chance. Und welch eine große Last. Denn die Erwartungen sind hoch, vielleicht zu hoch. Jetzt liegt es an ihm. Welche Prioritäten setzt er? Kann er es schaffen, dem Land sein Selbstvertrauen zurückzugeben? Könnte Barack Obama gar ein großer Präsident werden?

Katastrophale Hinterlassenschaft von Bush

In den vergangenen Wochen schien es manchmal, als könne er es kaum erwarten. Als sei er seiner immergleichen, exakt 30 Minuten dauernden Wahlkampfrede überdrüssig, der jubelnden Massen müde. Manchmal wirkte er, als sei er längst woanders. Als wisse er, dass all das Gerede von dieser historischen Wahl schon bald vergessen sein wird - denn wirklich Geschichte wird er erst schreiben, wenn er etwas vollbracht hat im Weißen Haus. Und er will schnell beginnen. Am besten schon heute.

Er tritt ein schweres Erbe an. Katastrophal ist die Hinterlassenschaft des George W. Bush. Zwei Kriege, die globale Finanzkatastrophe, das dramatische Haushaltsdefizit von bis zu einer Billion Dollar, die rasch steigende Arbeitslosigkeit, Kreditkrise und Rezession.

Kein zweiter Bill Clinton

Seit fünf Monaten arbeitet sein "transition team" unter Leitung des klugen John Podesta, einst Stabschef von Bill Clinton. Es bereitet ihn präzise auf die Amtsübernahme vor. Das Team fasste die dringendsten Probleme in einem "briefing book" zusammen - und alleine das umfasst schon 50 Kapitel. Schon führte er erste Gespräche mit Harry Reid, dem Mehrheitsführer im Senat. Hakte dabei eine ganze Themenliste ab, die er auf einem Zettel notiert hatte. Noch in den kommenden beiden Wochen könnte der US-Kongress ein Hilfspaket über 100 Milliarden Dollar verabschieden: die Verlängerung der Arbeitslosenunterstützung, die Unterstützung für Kommunen in Finanznot, Winterhilfe für Arme. Noch in diesem Monat will er die Namen seines Außen- und seines Finanzministers bekanntgeben.

Er tritt so ganz anders auf als Bill Clinton, der einst unvorbereitet ins Weiße Haus stolperte. "Er muss das Chaos umarmen", sagt John Panetta, einst selbst Stabschef im Weißen Haus. "Und die schmerzhaften Entscheidungen sollte er zuerst treffen." Schon am Mittwoch wollte er zwei weitere enge Vertraute zu Leitern seines Übergangsteams ernennen, darunter auch seine langjährige Förderin Valerie Jarrett. Klar scheint auch, dass Rahm Emanuel, Politfreund aus Chicago und eisenharter Fraktionsführer im US-Kongress, den Posten des Stabschefs antreten wird. Und fast jeden Tag telefoniert Obama jetzt mit Finanzminister Paulson.

Er will eine Politik der Mitte propagieren, Kompromisse mit den Republikanern, eine breite Machtbasis anstreben - auch wenn es ihm Ärger mit den Linken in der demokratischen Fraktion einbringen wird. Denn die fordern die rasche Einlösung seiner Wahlversprechen, vor allem die versprochenen Steuersenkungen für die Mittelklasse und eine Krankenversicherung für alle.

Er weiß, was er will

Seine Fans sagen, Obama ist pragmatisch. Seine Kritiker lästern, der Mann sei nur opportunistisch. Und niemand weiß, wie er unter Druck reagiert. Ob er harte Entscheidungen auch wirklich durchsetzt. Doch mit ihm wird ein neuer Politikstil ins Weiße Haus einkehren. Sachlich, pragmatisch, kompetent. Experten werden gehört, Diskussion ist Pflicht. Entschieden wird mit dem Kopf - nicht durch den Bauch, so wie sich George W. Bush stets rühmte, es zu machen.

Schon macht in Washington ein Wort die Runde, mit dem Präsident Franklin D. Roosevelt vor 76 Jahren eine Zeitenwende in den USA einläutete: der New Deal. Ein staatliches Konjunkturprogramm, mit dem Millionen Arbeitsplätze geschaffen wurden. Ein Programm, mit dem der Wohlstand etwas gerechter verteilt werden soll, wie Roosevelt damals sagte. Der New Deal begründete Amerikas Wiederaufstieg nach der Weltwirtschaftskrise. Und schon spekuliert man, dass Barack Obama zu seinem Amtsantritt einen "New Deal" verkünden wird, ein staatlich finanziertes Programm zur Verbesserung der maroden Infrastruktur, ein gigantisches Programm auch zur Förderung einer neuer Energiewirtschaft. All das wird Hunderte Milliarden Dollar und harte politische Kämpfe kosten.

"Es reicht nicht, nur Präsident sein zu wollen."

Aber der Mann scheint fest entschlossen, Geschichte zu schreiben. Vor knapp zwei Jahren sagte Barack Obama in einem Interview einmal: "Es reicht nicht, nur Präsident zu sein zu wollen. Nein, es geht vielmehr darum, ein großer Präsident zu sein."

Eins muss man Barack Obama lassen: Er weiß genau, was er will.

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