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Kolumne "Was die Welt bewegt": Die Stimme der Vernunft

Erinnern Sie sich noch an einen gewissen George W. Bush? An seine letzte Reise in die moslemische Welt? Auf einer Pressekonferenz flogen zwei Schuhe. Zwei staubige Schuhe ins Gesicht des amerikanischen Präsidenten - größer konnte man Verachtung nicht ausdrücken. Nachfolger Barack Obama tritt bei seiner Grundsatzrede in Kairo ein schweres Erbe an.

Von Katja Gloger

Und jetzt also er, der Menschenversteher, ein Mann mit arabischem Mittelnamen, Sohn eines Moslems, bejubelt, bewundert, ersehnt. Größer könnten die Unterschiede kaum sein, wenn Barack Hussein Obama nun zur moslemischen Welt spricht. Mittendrin, im historischen Kuppelsaal der Universität zu Kairo, wird er für einen neuen Dialog werben, für neues Verständnis. Er will Wunden heilen, den Menschen seinen Respekt erweisen, und die Fernsehkameras werden ihn in Millionen Wohnzimmer in der arabischen Welt bringen. Dazu Twitter, live-blogs, facebook, my space, Übersetzungen in 13 Sprachen. Das Weiße Haus macht diese Rede zur PR-Großoffensive, das Ziel sind Abermillionen junge Moslems. Es ist ein Reparaturversuch von historischer Dimension. Und er richtet sich vor allem an die Millionen junger Menschen.

Und wieder einmal wird Barack Hussein Obama versuchen, einen vernünftigen Dialog zu führen. So, wie es seine Art ist, so wie er es neulich in seiner Rede zu Guantanamo versucht hat. Der ehemalige Jura-Dozent will Kompliziertes erklären, Widersprüche ansprechen, und er scheut die Wahrheiten nicht. Er hat eine besondere Art, zu kommunizieren: vorsichtig, nuanciert, prononciert. Als ob er sicher sei, dass die Menschen ihm folgen würden, wenn er auf Augenhöhe mit ihnen spricht. Stets will er alle einbeziehen, und er will sie auf ein gemeinsames Ziel verpflichten. Und jeder soll dazu beitragen.

Es ist sein vierter Annährungsversuch an die moslemische Welt, sein erstes Fernsehinterview gab er einem arabischen TV-Sender, er schickte eine Neujahrsbotschaft in den Iran, sprach in der Türkei. Die PR-Strategen im Weißen Haus haben diskret-indiskret darauf hingewiesen, dass Obama noch während des Wahlkampfes begonnen habe, an dieser Rede zu arbeiten. Und er habe sich in den vergangenen Wochen gleich mehrmals mit amerikanischen Moslems getroffen.

Er weiß, dieser erhoffte Neuanfang ist Millimeterarbeit. Und seine Rede, so heißt es in den USA, sie wird der Mount Everest seiner Reden.

Doch egal, wie eloquent, wie elegant diese Rede auch sein mag, so mahnt die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright, sie könne nicht ablenken von den gigantischen Problemen zwischen Amerikanern und Moslems im Irak, im Iran, in Pakistan und Afghanistan. Und vor allem: Man erwartet konkrete Vorschläge. In Kairo soll Obama zeigen, dass seiner Charmeoffensive auch Taten folgen.

In der wohl kompliziertesten, gewalttätigsten und hoffnungslosesten Region der Welt muss Barack Obama beweisen, dass sich "soft power" lohnt. "Der Präsident wird wohl keine grundsätzlich neue Politik verkünden", so Madeleine Albright. "Also muss er die Moslems davon überzeugen, dass sie unsere Politik in neuem Licht sehen."

Er sagt, er wolle dem Nahen Osten einen Spiegel vorhalten. "Offen und ehrlich", wie sein Redenschreiber Ben Rhodes sagt. Aber er weiß nicht, ob seine Gesprächspartner überhaupt in diesen Spiegel schauen wollen.

Er soll Frieden schaffen ohne Waffen. Er muss sich mit allen anlegen, aber nicht zuviel. Immerhin: Obama hat offenen Krach mit der neuen erzkonservativen Regierung in Israel begonnen. Er fordert einen Stopp des Siedlungsbaus, ein Bekenntnis zur Zwei-Staaten-Lösung und warnt unmissverständlich vor einem israelischen Alleingang, einem Angriff auf den Iran. Zugleich aber muss er sich als engster Verbündeter Israels erweisen. Er muss über islamistischen Extremismus sprechen und zugleich erklären, wie die USA Frieden in Pakistan und Afghanistan schaffen wollen, Er muss Demokratie und Freiheit in der arabischen Welt erwähnen, doch den ägyptischen Alleinherrscher Mubarak will er nicht als "Autokraten" bezeichnen. Er will den Iran zum Dialog einladen - und muss gleichzeitig vor dem vollkommen "unakzeptablen" iranischen Nuklearprogramm warnen. "Noch nie hat ein Präsident eine so komplexe, wichtige Rede geplant", meint der demokratische Politstratege David Gergen." Wie soll er nur all die Erwartungen erfüllen, die er damit weckt?".

Er sei bereit zu führen, sagte Obama vor seiner Abreise. Er besteht darauf, dass er mehr ist als Mr. Soft Power. Er hat 17.000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan geschickt. Er lässt Truppen im Irak stationiert. Er lässt unbemannte Drohnen Angriffe in Pakistan fliegen. Aber all die anderen da draußen in der Welt, die müssen mehr tun. Sie müssen sich den Realitäten stellen. Es ist, als wolle Obama seine Zuhörer in der ganzen Welt zur Vernunft zwingen.

"Wir haben eine Art Witz hier im Weißen Haus", sagte er der New York Times: "Wir sagen die Wahrheit, bis auch das nicht mehr geht."

Der Mann macht sich offenbar wirklich keine Illusionen.