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Bürgerkrieg in Libyen: Bischof bestätigt Tod von Gaddafis Sohn

Die Angaben über den Tod von Saif el Arab Gaddafi scheinen sich zu bestätigen. Ein Bischof erklärte, der Sohn des Machthabers sei gestorben.

Der apostolische Vikar von Tripolis hat den Tod von Saif el Arab Gaddafi, einem Sohn des libyschen Machthabers Muammar el Gaddafi, bestätigt. Der 29-Jährige sei tot, sagte Bischof Giovanni Martinelli am Sonntag telefonisch dem italienischen Fernsehsender Sky TG24. Martinelli rief die internationale Gemeinschaft auf, das Bombardement Libyens einzustellen. Der jüngster Sohn Gaddafis, Saif al-Arab, sowie drei Enkelkinder Gaddafis seien bei den Anschlägen in der Hauptstadt Tripolis ums Leben gekommen, teilte Regierungssprecher Mussa Ibrahim am Sonntag mit. Die britische Regierung konnte diese Berichte nach eigenen Angaben jedoch nicht bestätigen. "Ich fürchte, wir wissen nicht, ob es stimmt oder nicht", sagte Alistair Burt, Staatsminister im britischen Außenamt. Die Nato wies die Vorwürfe der libyschen Regierung zurück, Gaddafi und seine Familie ins Visier genommen zu haben. Derweil verurteilten Großbritannien und Italien Angriffe auf ihre Botschaften in Tripolis.

Aufruhr am Botschaftsgebäude

Die BBC berichtete, auch UN-Gebäude wurden von aufgebrachten Massen angegriffen. Die Vereinten Nationen würden ihr Personal aus Tripolis abziehen. Britische Diplomaten waren bereits vor mehreren Wochen aus dem Botschaftsgebäude in Tripolis ausgezogen. Das Personal verließ zu großen Teilen das Land. Ein kleiner Stab war zunächst in Tripolis geblieben und hatte sich der türkischen Botschaft angeschlossen. Eine Ministeriumssprecherin sagte: "Wir glauben, dass auch andere ausländische Residenzen angegriffen wurden." Nationalitäten nannte sie nicht. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes gibt es keine Hinweise, dass die deutsche Botschaft attackiert wurde.

"Dies war ein direkter Anschlag, um den Führer dieses Landes zu ermorden", warf der libysche Regierungssprecher Ibrahim der Nato vor. Gaddafi selbst und seine Frau seien unverletzt. Nun müsse es jedem klar sein, dass das, was in Libyen passiert, nichts mehr mit dem Schutz von Zivilisten tun habe, fügte Ibrahim hinzu. Libysche Beamte brachten Journalisten zu einem eingestürzten Haus, in dem die Familienmitglieder bei dem Raketeneinschlag getötet worden sein sollen und dem sich auch Gaddafi selbst zu jedem Zeitpunkt aufgehalten haben soll. Über den Sohn ist wenig bekannt. Er soll in München studiert haben, wo er mehrfach der Polizei auffiel - etwa wegen seines lauten Ferraris und wegen Schlägereien in Nobel-Diskotheken.

Rebellenanführer Mustafa Abdel Dschalil drückte am Sonntag sein Mitgefühl aus: "Wir fühlen Trauer und Schmerz für jedes Blutvergießen, auch wenn Gaddafis Haus letzte Nacht bombardiert wurde. Aber das Blut von Gaddafis Söhnen ist nicht wertvoller als das der libyschen Männer und Frauen."

Nato dementiert den Angriff auf die Familie Gaddafis

"Alle Nato-Angriffe sind militärischer Natur. Wir nehmen keine Einzelpersonen ins Visier", teilte der Nato-Befehlshaber für den Libyen-Einsatz, der kanadische General Charles Bouchard, am Sonntag mit. Der Tod des Machthabers sei nicht das erklärte Ziel der Nato. Bei den Luftangriffen sei ein Kommandozentrum getroffen worden. Bouchard räumte jedoch ein, er sei sich der unbestätigten Medienberichte über den Tod einiger Familienmitglieder Gaddafis bewusst. "Wir bedauern jeden Verlust an Menschenleben", sagte er.

Derweil zerstörte ein Nato-Luftangriff im Osten des Landes 45 Fahrzeuge der Gaddafi-Truppen, wie ein Rebellen-Sprecher am Sonntag mitteilte. In den Städten Dschalu und Aulidscha, südlich der Frontlinie in der Nähe von Adschdabija, hätten die Regierungstruppen am frühen Samstagmorgen das Feuer eröffnet und dabei mindestens fünf Zivilisten getötet. Als sie Dschalu wieder verließen, sei der Konvoi von den Raketen getroffen worden. An der Grenze zu Tunesien und in der südwestlich von Tripolis gelegenen Rebellenhochburg Sintan versuchten Gaddafi-Truppen nach Augenzeugenberichten mit scharfen Geschützen vorzudringen.

Am Sonntagnachmittag verurteilten Großbritannien und Italien Angriffe auf ihre Botschaften in Tripolis. Einzelheiten über die Vorfälle wurden zunächst nicht bekannt. "Die Wiener Konvention verlangt von der Gaddafi-Regierung, diplomatische Gesandtschaften in Tripolis zu schützen", sagte der britische Außenminister William Hague. Weil Gaddafi dies nicht einhalte, habe er den libyschen Botschafter nun des Landes verwiesen. Der Beamte habe nun 24 Stunden Zeit Großbritannien zu verlassen. Ein Zeuge berichtete von Rauch, der von der italienischen Botschaft aufstieg. Ein Sprecher der Auswärtigen Amts sagte, es gebe keine Hinweise, dass die deutsche Vertretung betroffen sei.

In Tripolis bereiteten sich die Vereinten Nationen nach eigenen Angaben darauf vor, die Stadt zu verlassen. Ein Sprecherin sagte, es habe in der Hauptstadt offenbar Unruhen gegeben.

Harsche Kritik an der Auslegung des Uno-Mandats

Sollten die Tode der Gaddafi-Familienmitglieder bestätigt werden, könnte sich der Druck auf die Nato erhöhen. Kritiker monieren, die Allianz überschreite das UN-Mandat und wolle Gaddafi töten. Nach den jüngsten Medienberichten regten sich kritische Stimmen aus Russland: "Mehr und mehr Informationen deuten darauf hin, das die anti-libysche Koalition die leibhaftige Vernichtung Gaddafis zum Ziel hat", sagte der außenpolitische Sprecher des Unterhauses im russischen Parlament, Konstantin Kosachew. Man zweifele an der Erklärung der Allianz, wonach die Tötung Gaddafis kein Ziel des Militärbündnisses sei, teilte das Moskauer Außenministerium nach Angaben der Agentur Interfax mit. Der Tod von Familienangehörigen Gaddafis stehe im klaren Widerspruch zur Resolution des Weltsicherheitsrats.

Der jüngste Luftangriff war der zweite innerhalb von 24 Stunden, der in Gaddafis Nähe einschlug. Bereits am Samstag trafen Nato-Kampfflugzeuge drei Ziele in der Nähe eines Fernsehsender-Gebäudes, während Gaddafi eine Fernsehansprache hielt. Darin bot er einen Waffenstillstand und Verhandlungen mit der Nato an, lehnte einen Rücktritt aber weiter ab. Die Rebellen und die Nato lehnten den Vorstoß umgehend als unzureichend ab.

Reuters/DPA/kra / DPA / Reuters