HOME

Bundeswehr im Golf von Aden: "Die Piraten nehmen schnell Reißaus"

Die deutsche Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" muss im Golf von Aden statt Terroristen zu jagen, immer öfter Piraten bekämpfen. stern.de sprach mit Fregatten-Kapitän Kay-Achim Schönbach über seinen Einsatz und wie er die Seeräuber auf einfache Weise in die Flucht schlägt.

Die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" operiert im Rahmen der internationalen "Operation Enduring Freedom" im Golf von Aden. Statt Terroristen jagen Sie jedoch Piraten. Gibt es einen neuen Einsatzbefehl?

Nein, unser Einsatzbefehl ist unverändert. Wir sind hier vor Ort, um dabei zu helfen, das Seegebiet zu kontrollieren, Frachtschiffe zu überprüfen und so mögliche Verbindungslinien von Terroristen zu kappen. Derzeit wird der Anti-Terror-Kampf in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch überlagert von den Meldungen über Einsätze gegen die Piraten.

Die Piraten treiben immer dreister ihr Unwesen, entern sogar Supertanker. Wie kommt es dazu, dass Sie zum Piratenjäger werden?

Erhalten wir per Funk einen Notruf, ist das ein Fall von Nothilfe, der durch das internationale Seerecht geregelt ist. Solange die Piraten noch im Begriff sind, ein Schiff zu entern, sind wir befugt, sie daran zu hindern, gegebenenfalls auch mit Warnschüssen. Gelingt es ihnen trotzdem, auf das bedrohte Schiff zu gelangen, bzw. sie sind bereits an Bord, dann sind uns die Hände gebunden, dürfen wir nicht mehr eingreifen. Das deckt unser Einsatzmandat nicht ab.

Eine Fregatte gegen Piraten-Schlauchboote. Mit welcher Taktik lehren Sie die Seeräuber das Fürchten?

Bisher waren die Frachter, die um Hilfe ersucht haben, so weit entfernt, dass wir unsere Bordhubschrauber losschicken mussten. Sie sind mit einer Fluggeschwindigkeit von bis zu 240 km/h schneller vor Ort. Beim Anflug nehmen die Piraten meistens Reißaus oder haben sich bereits davongemacht. Was uns nicht verwundert. Wir nutzen nämlich den internationalen Anruf- und Arbeitsfunkkanal 16 für eine einfache Taktik. Unseren Hubschraubereinsatz kündigen wir per Funk dem attackierten Frachtschiff an. Das erfahren auf diese Weise auch die Seeräuber, die auf dem internationalen Kanal 16 mithören.

Wird sich die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" noch mehr dem Kampf gegen die Piraten zuwenden, wenn der Deutsche Bundestag wie vorgesehen noch vor Weihnachten ein entsprechendes Mandat erteilt?

Das ist definitiv nicht der Fall. Wir sind weiter in die Operation Enduring Freedom eingebunden. Am 10. Januar 2009 werden wir sogar das Führungsschiff in diesem internationalen Marineeinsatz, der dann bis zum 11. April von einem deutschen Admiral befehligt wird. Für den geplanten Anti-Piraten-Kampf unter EU-Mandat ist von der Deutschen Marine die Fregatte "Karlsruhe" vorgesehen.

Terroristen, das zeigt die jüngste Vergangenheit, sind zu allem fähig. Wie gefährlich macht das den Kampf gegen Terroristen auf See?

Entscheidend ist, in allen Situationen grundlegend sehr umsichtig zu handeln. Als uns unlängst vier somalische Fischer winkend auf ihre Notlage aufmerksam gemacht hatten, näherte sich unser Beiboot, das auch bewaffnet ist, entsprechend vorsichtig. Das Fischerboot wurde kontrolliert. Dazu haben wir auch einen Dolmetscher an Bord, der alle einschlägigen Sprachen in der Region beherrscht. Erst als alles klar war, leisteten wir die erforderliche Hilfe, versorgten die erschöpften Männer mit frischem Obst. Später nahmen wir ihr Boot in Schlepp und übergaben es der jemenitischen Coast Guard.

Wie kooperativ sind die arabischen Behörden?

Über die Wochen und Monate hat sich eine gute Kooperation zwischen den Behörden vor Ort und den Anti-Terror-Einsatzkräften entwickelt. Alle Beteiligten agieren in solchen Situationen sehr schnell und unkompliziert. Das ist ein nicht zu unterschätzender Erfolg dieser Mission.

Wie wirksam erweist sich die "Operation Enduring Freedom" bisher?

Der Erfolg ist nicht exakt zu beziffern, so nach der Maßgabe, wie viel Terroristen wurden dingfest gemacht. Allein unsere Präsenz wirkt abschreckend. Der Erfolg spiegelt sich darin, was wir verhindert haben, wer alles aus der Terrorszene erst gar nicht den Versuch unternommen hat, Waffen, Sprengstoff und ähnliches auf dem Seeweg zu transportieren.

Die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" wird in Marinekreisen auch "Speerspitze" genannt. Wie kam es zu diesem Zweitnamen?

Ich kann das nur damit erklären, dass wir uns schon bei anderen Einsatzen den Ruf erarbeitet haben, stets sehr schnell und flexibel zu agieren.

Interview: Thomas Schwandt