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Cheney wird 65: Die finstere Macht Washingtons

Er ist umstritten und mächtig. Seine Freunde nennen ihn scharfsinnig, seine Feinde besessen. US-Vizepräsident Dick Cheney, wichtigster Fürsprecher des Irak-Kriegs, wird nun 65 Jahre alt.

Er ist der zweitmächtigste Mann der USA, nicht nur, weil es die Verfassung so sagt. Seit fünf Jahren zieht Richard Dick Cheney im Hintergrund in entscheidenden politischen Fragen die Fäden, unauffällig, unermüdlich. Für viele Historiker steht heute schon fest: Noch nie hat es einen derart einflussreichen US-Vizepräsidenten gegeben wie diesen konservativen Pragmatiker, der auch beim Irak-Kriegs-Beschluss von Präsident George W. Bush eine mit entscheidende, wenn nicht sogar ausschlaggebende Rolle spielte.

Am 30. Januar wird Cheney 65 Jahre alt, und seine Freunde und Bewunderer sagen, dass er nur eine Schwäche habe: sein Herz. Nach vier - wenn auch leichten - Infarkten in der Vergangenheit hat ein kürzlicher Klinikaufenthalt wegen Atembeschwerden in der Regierung neue Sorge ausgelöst, Cheney könne Bush womöglich nicht bis zum Ende der zweiten Amtszeit zur Seite stehen.

Er selbst schweigt zu fast allem, was ihn persönlich betrifft

Der überaus scharfsinnige studierte Politikwissenschaftler selbst schweigt über seine angeschlagene Gesundheit wie fast über alles andere. In Washington werde eh zu viel gequatscht, hat er einmal gesagt. Reden sei Zeitverschwendung, und wer seinen Mund zu häufig aufmache, habe keine Zeit zum Lernen und Zuhören. Entsprechend verhält sich der Mann aus Wyoming auch. Wenn er etwas sagt, dann meistens im Stakkato, kurz, in unvollständigen Sätzen, und oft ist es nur ein Murmeln, das aus dem Mundwinkel kommt.

Nicht, dass die Öffentlichkeit überhaupt häufig Gelegenheit hätte, ihn reden zu hören: Der frühere Chef des Ölservice-Giganten Halliburton zeigt sich nur selten. Unsichtbar, schweigsam, geheimnisvoll - so wird allgemein auch seine Persönlichkeit charakterisiert. Die meisten Menschen wissen kaum etwas über ihn, obwohl sein Name schon seit 30 Jahren in Washington ein Begriff ist. Der einstige Stabschef im Weißen Haus unter Gerald Ford, langjährige Kongressabgeordnete und frühere Verteidigungsminister unter George Bush Senior hat nie Wert auf öffentliche Selbstdarstellung gelegt. Ihm fehle jenes politische Gen, "das nach öffentlicher Bewunderung lechzt", formulierte es die "Washington Post" einst. Pentagonchef Donald Rumsfeld sagt, Cheneys Bedarf an Anerkennung liege bei Null.

Die Anhänger des "Vize" halten die Unabhängigkeit von der öffentlichen Meinung für eine Tugend, die Cheney in die Lage versetze, ruhige Stärke und Zuverlässigkeit ausstrahlen. Seine Kritiker sagen, dass sie ihn nur noch gewissenloser mache. Dazu gehören auch viele Medien, die Cheney mit seiner oft abweisenden Art verprellt hat. Als manipulativ wird der "Vize" beschrieben, ja als Ränkeschmied von manchmal macchiavellischen Ausmaßen, als die "finstere Macht" im Weißen Haus.

So gilt Cheney als Hauptdrahtzieher bei der von Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verfügten elektronischen Überwachung von US-Bürgern. Auch der Skandal um die Preisgabe des Namens einer CIA-Agentin aus Rache an der Irakkrieg-Kritik ihres Mannes hatte im Büro des "Vize" seinen Ursprung. Cheney war es auch, der sich hartnäckig gegen ein generelles gesetzliches Folterverbot sperrte.

Vor allem ist es aber seine Rolle bei der Irakkriegs-Entscheidung, sein beharrliches Pochen darauf, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitze, die den "Vize" bei den Demokraten zum Feind Nummer zwei nach Bush werden ließen. Auch manche seiner Freunde räumen ein, dass Cheneys politische Überzeugungen zu einem großen Teil aus einer tief verwurzelten pessimistischen Grundauffassung, aus einem negativen Menschenbild resultieren. Cheney sei stets von dem Gedanken beseelt gewesen, "dass hinter jedem Baum ein Feind lauert", analysierte das Magazin "Newsweek". Nach dem 11. September sei daraus Besessenheit geworden.

Gabriele Chwallek/DPA / DPA
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