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Christenbewegung kämpft für Homosexuelle: "Wir sind nicht alle so"

In den USA setzen sich liberale Christen für die Rechte von Homosexuellen ein: In selbstgedrehten Videobotschaften prangern sie deren Diskrimierung an - und kämpfen gegen die konservativen Gläubigen.

Von Alexander Sturm

Irgendwann konnte es Dan Savage einfach nicht mehr hören. "Wir sind nicht alle so", sagten Freunde und Bekannte zu ihm, wenn er sich über die Diskriminierung von Schwulen empörte. "Wir sind nicht alle so wie die Konservativen." Der Journalist und sein Mann Terry mussten diesen Satz ziemlich oft hören - gerade wenn es um die Schwulenehe ging, um die im konservativen Amerika ein ideologischer Kampf entbrannt ist. Dort glauben nicht wenige streng religiöse Christen, dass Homosexualität eine Sünde ist und fühlen sich dabei von der Bibel bestätigt.

Eines Tages fragte ein Leser auf Savages Blog, was denn seiner Meinung nach die größte Hürde für die Schwulenehe in den USA sei. Und der antwortete mit ein paar Sätzen, die für viele liberale Christen beschämend war - und sie bei der Ehre packte.

Aufruf zum Bekennervideo

"Das Problem sind all diese stillen, schüchternen, feigen 'Wir sind nicht alle so'-Christen, die die Gleichstellung der Ehe befürworten, aber den konservativen Religiösen erlauben, die Werte des Christentums zu verraten", schrieb Savage. "Wir sind nicht alle so: Diesen Satz höre ich andauernd. Ich weiß, ihr seid nicht alle so. Aber sagt das nicht mir. Sagt das dem Papst! Sagt das den Leuten da draußen!"

Aus der genervten Reaktion auf seinem Blog ist eine weltweite Bewegung geworden. Im September 2010 half Savage, die Plattform "The Nalt Christians Project" zu gründen, "Nalt" steht für "not all like that". Dort können liberale Christen selbstgedrehte Videos hochladen, in denen sie ihre Unterstützung für die Rechte von Schwulen, Lesen, Bi- und Transsexuellen bekräftigen. Mehr als 50.000 Videos wurden seitdem online gestellt und mehr als 50 Millionen Mal abgerufen. Familienväter erzählen dort von dem Tag, als ihre Söhne ihnen ihre Homosexualität offenbarten und liberale Christen gestehen reuevoll, dass sie früher auf der Seite der Konservativen standen. Andere erinnern an die christliche Pflicht zur Nächstenliebe.

Prominente wie US-Präsident Barack Obama, seine ehemalige Außenministerin Hillary Clinton und der Schauspieler Colin Farrell unterstützen die Bewegung ebenso wie die Belegschaften ganzer Firmen. "Es ist Zeit für uns echte Wir-sind-nicht alle-so-Christen aufzustehen und Schwule, Lesen, Bi- und Transsexuelle genauso laut zu unterstützen, wie sie von streng religiösen Christen verurteilt werden", schreibt der Mitgründer John Shore. Auch er hatte sich damals bei Savages Antwort geschämt. "Wir müssen für diejenigen eintreten, die so verletzt werden, dass sie in ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung getrieben werden."

Auf der Internetseite des Projekts wehrt er sich gegen jene Landsleute, die sich bei ihrer Ablehnung von Homosexuellen auf die Bibel berufen. "Die Bibel verurteilt nicht Homosexualität", heißt es da, "Gott zwingt keinen Christen, sich zwischen seinem Glauben an die Bibel und dem Mitgefühl für andere zu entscheiden." Oft werde die Diskriminierung mit einem Konflikt zwischen christlicher Nächstenliebe und unumstößlichen Grundsätzen der Bibel begründet, die viele Konservative befolgen. Doch wenn es keine klare Aussage in der Bibel gebe, dass Schwule auszugrenzen seien, sei es für jeden Christen moralisch unhaltbar, genau das zu tun.

Hilfe von George Bush senior

Für Shore, Savage und ihre Mitstreiter bleibt noch eine Menge zu tun. Noch immer erkennt die Mehrzahl der 50 US-Bundesstaaten die Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht an, 30 untersagen sie ausdrücklich. Doch zuletzt stützte immerhin das Finanzministerium die Rechte von Homosexuellen: Im August verkündete die Behörde, dass homosexuelle Paare steuerrechtlich gleichzustellen seien - selbst in Bundesstaaten, die ihre gleichgeschlechtliche Ehe nicht anerkennen. Und im Juni kippte das oberste Gericht ein Bundesgesetz, das die Ehe als Verbindung zwischen Frau und Mann festschrieb. "Es geht voran", sagt Savage, "wenn auch langsam."

Unterstützung bekam er jüngst von unerwarteter Seite: Ausgerechnet der republikanische Ex-Präsident George Bush senior unterschrieb als Trauzeuge auf der Hochzeit eines befreundeten lesbischen Paares die Heiratsurkunde. Sein Sohn George W. Bush zeigte sich hingenge weniger tolerant: Als Präsident wandte er sich 2004 offen gegen die Homo-Ehe. Zum Auftritt seines Vaters verweigerte er jeglichen Kommentar.

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