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Analyse

Bolsonaros Sieg: Zeitenwende in Brasilien: Diese vier Gründe trieben die Wähler in die Arme eines Rechtspopulisten

Wie konnte es soweit kommen? In Brasilien setzt sich der ultra-rechte Kandidat Bolsonaro bei den Präsidenten-Wahlen durch. Sein Sieg offenbart vollends die politische Krise, in der das Land seit Jahren steckt. Eine Analyse von stern-Südamerika-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann.

Jair Bolsonaro

Jair Bolsonaro: Viele seiner Wähler hoffen, dass er das politische System Brasiliens umpflügt

DPA

Kaum ist das Undenkbare eingetreten – der Wahlsieg eines ultrarechten Populisten in der viertgrößten Demokratie der Welt – da schimpfen die Kommentatoren schon auf die Schuldigen: Da wären zum einen die Wähler, die im Netz als Schwachsinnige bezeichnet werden. Dann Whatsapp. Über den in Brasilien sehr populären Messaging-Dienst wurden im Wahlkampf viele Fake News verbreitet, vor allem von Bolsonaros Anhängern.

Die Arbeiterpartei PT. Sie hätte nach der Nichtzulassung Lulas keinen eigenen Kandidaten stellen dürfen, sondern den Linken Ciro Gomes unterstützen sollen. Der hätte eine Chance gegen Bolsonaro gehabt. Schließlich die Kirchen. Vor allem die Pastoren der in den Slums starken Pfingstkirchen hatten zur Unterstützung Bolsonaros aufgerufen und damit viele Arme gegen ihre eigenen Interessen wählen lassen.

Alle diese Erklärungen greifen zu kurz und wollen eine simple Wahrheit nicht hinnehmen: 57 Millionen Menschen sahen in Jair Bolsonaro tatsächlich die einzige Lösung. Diese Wähler sind nicht "Idioten", als die sie in den sozialen Medien bezeichnet werden. Sie wurden auch nicht gedrängt oder manipuliert, sondern trafen ihre Entscheidung sehr bewusst und mit Enthusiasmus. Bolsonaro ist der Einzige, der im Wahlkampf für so etwas wie Begeisterung gesorgt hat – wie auch für jede Menge Angst.

Hetze gegen Schwarze und Indigene

Der Wahlsieg des ehemaligen Militärs Jair Messias Bolsonaro, 63, ist ein Triumph, wie er vor kurzem tatsächlich undenkbar erschien. Der Mann aus Rio de Janeiro sitzt seit 1991 im Kongress und hat da nicht viel erreicht – außer ständig die Parteien zu wechseln, gegen Schwarze, Indigene, Homosexuelle und Umweltschützer zu hetzen und Frauen zu beleidigen: Sie seien zu hässlich, um von ihm vergewaltigt zu werden.

Bolsonaro verfügte im Wahlkampf über kaum Geld. Hilfe des Staates lehnte er ab. Er stellte sich auch keinem TV-Duell, sondern führte seinen Wahlkampf fast ausschließlich in den sozialen Medien. All das schadete ihm nicht; im Gegenteil. Wie ist das möglich? Warum hat einer gewonnen, der die Militärdiktatur verherrlicht und gegen die Werte der liberalen Demokratie wettert?

Bolsonaro spricht vielen aus dem Herzen

Ich habe in den letzten Monaten viele Gespräche in der Favela geführt. Ich bin sowohl in den armen Nordosten Brasiliens gereist als auch in ländliche Gebiete des Bundesstaats Minas Gerais und in die größte Metropole Sao Paulo, und es formte sich folgendes Bild:

Erstens: Nicht nur Evangelikale haben Bolsonaro gewählt, sondern auch jene, die zu den von ihm beleidigten Gruppen gehören: Schwarze, Frauen, Indigene, Nordestinos – die Leute aus dem Nordosten des Landes. Viele mögen seinen Stil, seine Direktheit, die Schwarz-Weiß-Malerei. Vor allem, dass er sagt, was viele denken, aber nicht laut zu sagen wagen. Für sie ist er, der seit 27 Jahren im Kongress sitzt, tatsächlich ein Anti-Politiker.

Zweitens: Es heißt, Bolsonaro stehe für nichts, und in der Tat ist sein Wahlprogramm äußerst dünn. Aber für eines steht er doch, nämlich für die Ablehnung des bisherigen politischen Systems. Befragt nach ihrer Motivation, lautete die Antwort vieler Menschen: "Contra tudo isso que está ai." Zu Deutsch: "Wir sind gegen alles, was da bisher so ist." Sie meinen damit das Establishment, ob in Medien, Kultur, Politik, Wirtschaft. Ja, mehr noch: Sie wollen die bisher Mächtigen abstrafen. Welche bessere Strafe, als einen groben Dampfplauderer wie Bolsonaro zum Präsidenten zu wählen.

Eine Abrechnung mit den Eliten in Brasilien

Je öfter seine Anhänger in den Medien angegriffen wurden als intellektuell unterlegen und ahnungslos, umso enthusiastischer unterstützten sie ihn. Der Ärger der Eliten über die Wahlniederlage ist ihre schönste Rache.

Der vielleicht wichtigste Grund für Bolsonaros Wahlsieg: Die Menschen fühlen sich allein gelassen, vor allem bei den Themen Arbeitslosigkeit und Sicherheit. Ihre häufigste Antwort lautete: "Wir wollen einen Kerl, der endlich durchgreift" – gern auch einen Autokraten, einen Militär. Sie sehen es so: 

Der Staat? Das sind all jene, die das Volk beraubt haben in den Korruptionsskandalen der vergangenen Jahre.

Die Polizei? Das sind die, die oft selber in Verbrechen involviert sind.

Die Unternehmen? Das sind die, die Politiker schmieren und Millionen Arbeiter entlassen haben.

Die ewigen Vergleiche mit Trump stimmen diesbezüglich nur teilweise. Die US-Amerikaner wählten mit Trump einen Rechtspopulisten, obwohl die Wirtschaft brummte und die Verbrechensrate auf einem Tiefstand war. Die Brasilianer wählten jetzt einen, weil das Land am Boden ist und sie verzweifelt sind.

Das führt zum vierten Grund, einem brasilienspezifischen: Die Kriminalität ist weiter gestiegen. Allein im Jahr 2017 gab es 63880 Morde, jeden Tag 175. Der Alltag ist für viele Menschen von tiefer Angst geprägt. Drogengangs regieren in ihren Vierteln und liefern sich täglich Schusswechsel. Ex-Polizisten nehmen Schutzgelder von Kleinhändlern. Jugendliche überfallen Bürger in allen Teilen des Landes, meist mit Waffengewalt. Die Haltung der Menschen ist: Menschenrechte, Umweltschutz, Demokratie schön und gut, aber wenn wir da Abstriche machen müssen zugunsten von mehr Sicherheit und Jobs – kein Problem.

Sachverstand erscheint als überflüssig

Was bedeutet Bolsonaros Wahlsieg nun für Brasilien? Mehr Militär, mehr Polizei, mehr Gott im öffentlichen Raum, gelockerte Waffenrechte, weniger Umweltschutz und Sozialhilfe, mehr Privatisierungen, vermutlich auch mehr Diskriminierung.

Was bedeutet er für Lateinamerika? Rechte Populisten werden es überall leichter haben – mit jedem Trump, Bolsonaro oder Boris Johnson. Aber Lateinamerika hat immer schon ultrarechte – und linke Populisten hervorgebracht. Es ist ein Markenzeichen lateinamerikanischer Politik.

Für die Politik? So wie viele sie kennen, ist sie vorübergehend erledigt. Das Staatstragende, das Moderate, Ausgleichende, der Kompromiss, der Sachverstand – alles scheinbar überflüssig. Die kompetenten Kandidaten in Brasilien – Marina Silva und Henrique Meirelles – bekamen gerade mal ein Prozent der Stimmen. In Zeiten von Webshaming, Fake News und Cyberbullying haben grobschlächtige Sprücheklopfer deutliche Vorteile.

Für die Welt? Hier offenbart sich die eigentliche Tragödie dieser Wahl. Bolsonaro will im Amazonasgebiet mehr Abholzung zulassen, Straßen bauen, Agrarflächen erschließen, Schürfrechte ermöglichen, Umweltschützer bekämpfen, das Umweltschutzministerium ganz abschaffen. Die grüne Lunge der Welt ist bedroht wie nie zuvor – mit katastrophalen Folgen für den Klimawandel.