HOME

Brasilien vor der Wahl: Wie eine Frau Rios Kindern trotz der Krise eine Zukunft gibt

Viele Brasilianer fühlen sich bei den Themen Sicherheit, Bildung und Gesundheit alleingelassen. Das ist ein Hauptgrund für den Aufstieg des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro. Und für den Kampf von Hilfsorganisationen wie Ser Alzira de Aleluia. 

Dona Elma umringt von "ihren" Kindern

"Vom Staat haben wir nie einen Centavo bekommen": Dona Elma umringt von "ihren" Kindern

Die Schüsse sind wieder zurück. Fast jeder Tag in Vidigal beginnt mit dem Knallen der Pistolen, das hier jedes Kind kennt. Mal metallisch. Mal dumpf. Mal ein Einzelschuss. Mal ganze Schusswechsel. Dazu Donnerschläge der Feuerwerkskörper, mit denen die Späher der Gangs vor der anrückenden Polizeipatrouille warnen.

Der Soundtrack des Morgens.

In den Gassen des Armenviertels in Rios Südzone toben wieder die alten Kriege: Drogenbande gegen Drogenbande. Polizei gegen Drogenbanden.

Als erstes blieben die Polizisten weg

"Vier Jahre lang war es relativ ruhig. Jetzt geht es so wieder jeden Tag", sagt Dona Elma, die in Vidigal die Hilfsorganisation Ser Alzira de Aleluia betreibt. Als erstes blieben die Polizisten weg. Sie wurden vom klammen Bundesstaat Rio de Janeiro nicht bezahlt – oder nur verspätet. Einige arbeiten nur noch unmotiviert, andere lassen sich mit der "Milicia" ein, Gruppen von Ex-Polizisten und Kriminellen, die Schutzgelder von Kleinunternehmen erpressen. Die Polizisten steht oft nur noch pro Forma am Eingang der Favela, hat Dona Elma beobachtet. Patrouillen finden seltener statt. Die Macht über das Viertel hat die Polizei längst an die Banden verloren.

Schließlich blieben auch die ersten Lehrer an der staatlichen Schule weg. Sie wurden ebenfalls nicht bezahlt – oder nur mit monatelanger Verspätung. Beginnt ein Tag mit heftigen Schusswechseln, bleiben die Schulen ganz geschlossen. Reihenweise fallen daher Stunden aus, so dass Schüler ganz zu Hause bleiben oder sich auf der Straße herumtreiben – leichte Beute für Drogenbanden, die ihren Nachwuchs rekrutieren.

"Die staatliche Schule hier ist miSerabel", sagt Dona Elma. "Das Niveau ist niedrig. Wir versuchen, das aufzufangen." Dona Elma geht im Morgenlicht auf ihrem Routinegang durch die Serpentinenartigen Straßen ihres Viertels hoch über Rio de Janeiro. Sie ist eine jung gebliebene Frau, im schwarzen Haar die ersten silbernen Strähnen, der Blick stets voll Kampfesmut und Optimismus – trotz der schwierigen Zeiten. Kinder kommen ihr am steilen Berg entgegen und sprinten in die Unterrichtsräume ihrer Hilfsorganisation, als suchten sie dort Zuflucht oder Hoffnung.  Beides trifft zu.

Jair Bolsonaro soll über Nacht alle Krisen beenden

Gewalt, Wirtschaftskrise und Wut auf den korrupten Staat sind die Hauptgründe, warum so viele Bürger bei den Präsidentschaftswahlen am 7. Oktober den Sprüche klopfenden Rechtpopulisten Jair Bolsonaro wählten, auch in Vidigal. Sie wollen einen Helden, eine eiserne Hand, jemanden, der sie über Nacht von allen Krisen befreit. Bolsonaro will Bürger bewaffnen und hat eine Prämie in Aussicht gestellt für Polizisten, die Verbrecher erschießen. Er ist der große Favorit für den Sieg im zweiten Wahlgang am 28. Oktober.

"Wir haben uns erst vor 30 Jahren von der Diktatur befreit", sagt Dona Elma in Hinblick auf den Ex-Militär Bolsonaro, der die dunklen Jahre der Militärherrschaft (1964-1985) gern als Erfolg verkauft.  2003 hat sie gemeinsam mit ihrem Mann Antonio de Aleluia die Nichtregierungsorganisation Ser Alzira de Aleluia gegründet. Antonio war der erste Schwarze aus Vidigal, der an der Universität studierte und seinen Doktor als Ingenieur machte. "Wir wollten anderen Kindern die gleichen Chancen geben", sagt er. "Bildung ist der einzige Weg aus der Armut. Aber man braucht einen langen Atem und Hingebung. Das haben viele nicht."

Die beiden sind im Armenviertel so etwas wie der Gegenentwurf zu Bolosonaros radikalen Konzepten der eiSernen Hand. Aber auch zu den Gangs, die das schnelle Geld versprechen. Mehr als 122 Kinder nehmen an ihren ganzjährigen Kursen teil. Sie lernen Englisch und erhalten Nachhilfeunterricht in Fächern, die die Schule nicht mehr anbietet. Sie belegen Kurse in klassischem und modernem Tanz und Ballett. Sie spielen Fußball auf einem eigenen kleinen Bolzplatz zwischen den Hütten hoch über dem Meer.

Hilfsorganisation braucht dringend Geld

Mauricio, 8 Jahre, geht fast täglich in das dreistöckige Gebäude, auch wenn keine Kurse laufen. Es ist wie ein zweites Zuhause für ihn, Sohn einer alleinerziehenden Mutter. "Ich fühle mich hier irgendwie beschützt", sagt er. "Es ist meine zweite Schule." Seine Schwester Paraiba, 12, präsentiert voller Stolz ihre ersten Sätze auf Englisch, die sie hier im Unterricht gelernt hat. Sie übt gerade die Verneinungsformen. "I don’t have school today. She doesn’t work in a factory any more." Sätze aus der brasilianischen Realität. Paraiba würde gern Abitur machen und Tourismus studieren, eine Idee, die ihr hier im Englisch-Unterricht kam.

Lernende Kinder im Klassenraum, ein Tanzsaal und ein Fußballplatz

Klassenraum, Tanzsaal, Bolzplatz: Die Kinder können bei Ser Alzira de Aleluia Englisch lernen, Ballettkurse belegen oder Fußball spielen.

Auch Erwachsene schauen häufig bei Ser vorbei, das so etwas wie ein Gemeindezentrum geworden ist. Es bietet Fortbildungskurse, psychologische Hilfe und Familientherapie an, immens wichtig gerade in diesen Jahren von Gewalt und Arbeitslosigkeit. Hin und wieder fallen zudem Lebensmittelspenden für die Eltern ab, Kuchen, Kekse, auch mal Kleidung. Das hilft bei einem Durchschnittsgehalt von 1000 Reais oder umgerechnet 220 Euro.

Aber die Zukunft ist ungewiss. "Die Spenden bleiben weg", sagt Dona Elma. "Viele Menschen geben in Zeiten der Krise nichts mehr. Wir können nicht mehr alle Lehrer bezahlen. Vom Staat haben wir sowieso nie einen Centavo bekommen."

"Ser war immer mein zweites Zuhause"

Eduardo, 20, ist mit der Organisation großgeworden. Er stieg schon als kleiner Junge im Nachhilfeunterricht ein und befindet sich heute auf dem besten Weg zur Uni. Er hat sich an dem Gründer Antonio orientiert und ist dessen großer Stolz. Gleichzeitig ist er Vorbild für die nächste Generation. "Wenn meine Eltern zur Arbeit gingen oder mal eine Pause brauchten, war es hier immer mein zweites Zuhause", sagt Eduardo bewegt.

Gerade bereitet er sich auf den Aufnahmetest für die Uni vor, das Vestibular. Auch er will studieren. Auch er will wie der Gründer einen guten Job außerhalb der Favela. Aber Vidigal verlassen? Das kommt für Eduardo nicht in Frage. Er will die Favela so lange mit verbesSern, bis Schulen endlich funktionieren und die Sicherheit zurückkehrt.  Bis kein Kind mehr eine Zukunft in der Kriminalität sieht und kein Wähler einem rechten Rattenfänger hinterherläuft.

Brasilien Wahlen