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Präsidentschaftswahl in Brasilien: "Tropen-Trump" Bolsonaro scheitert nur knapp am totalen Triumph

Brasilien rückt nach rechts. In einer denkwürdigen Wahl hat die Bevölkerung den etablierten Parteien und Politikern einen Denkzettel verpasst - und sich für den ultrarechten Ex-Militär Jair Bolsonaro entschieden. Der steht für einen Bruch mit allem. 

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Als die ersten Zahlen auf dem Bildschirm erscheinen, herrscht Totenstille in der Bar Tres Irmaos in Rios Armenviertel Vidigal. Kein Jubeln, kein Schimpfen, nur Stille unter den 80 Gästen im vollbesetzten Saal. Unfassbare Stille.

"Jair Bolsonaro: 48,8 Prozent", steht dort auf dem Großbildschirm. Mehr als 20 Prozentpunkte Vorsprung vor dem Rest. Bolsonaro, der Rechtspopulist. Der Rassist. Der Verteidiger der Militärdiktatur. Der die Bürger mit Waffen ausrüsten will. Der Polizisten Extrahonorare für erschossene Kriminelle in Aussicht stellt. Der Opportunist, der mehrfach die Parteien gewechselt hat. Der Trump der Tropen. Dieser Mann, der in 26 Jahren im Kongress nichts erreicht hat, soll der neue Präsident des größten lateinamerikanischen Staates sein? Kann das wirklich sein? 

Wahl aus Überzeugung - und aus Abscheu gegen das Establishment

Die Menschen blicken sich im Saal um. Auch unter ihnen müssen viele Bolsonaro-Unterstützer sein. Hier unter den Armen. Den Schwarzen. Den Migranten, die einst aus dem Nordosten des Landes nach Rio de Janeiro kamen. Unter all denen, die Bolsonaro mit seinen Kommentaren in der Vergangenheit oft beleidigt hat. 

Es ist relativ leicht zu erkennen, wer ihn gewählt hat. Die Menschen, die entsetzt den Kopf schütteln, eher nicht. Die mit einem nüchternen Gesichtsausdruck schon eher. Aber sie sagen es nicht. Sie jubeln nicht. Sie trauen sich nicht. Es mag viele geben, die ihn aus voller Überzeugung gewählt haben – und aus Abscheu gegen das Establishment. Aber noch mehr, die ihn eher still und heimlich unterstützen und auf einen Helden hoffen für die krisengeplagte Republik Brasilien.

Sie haben sich gemeinsam gegen alles Mögliche ausgesprochen:

  • Gegen den jetzigen verhassten Präsidenten Michel Temer, der gar nicht mehr angetreten war und dessen Kandidat Mireilles gerade mal 1,2 Prozent bekommt. 
  • Gegen die Kandidaten des Zentrums, der Elite, der Gewohnheit, die bei den Wahlen sonst oft vorne lagen.
  • Auch gegen die Arbeiterpartei des Ex-Präsidenten Lula, deren Kandidat Fernando Haddad gerade mal 29 Prozent bekommt.
  • Vor allem gegen das politische System der Korruption, das Brasilien seit Jahrzehnten im Griff hat.
  • Und gegen die allgegenwärtige Gewalt – mehr als 60.000 Morde pro Jahr – die die 200 Millionen Menschen in Angst und Schrecken versetzt. 

Aufstieg dank Facebook, Twitter und Instagram

Darauf können sich auch die Wähler in der Bar in Vidigal einigen: Das Leben in ihrem Viertel ist unerträglich geworden. Fast täglich Schusswechsel. Kriege zwischen den Banden. Kriege zwischen den Banden und der Polizei. Keine Jobs. Schulstunden, die reihenweise ausfallen, weil Lehrer nicht bezahlt werden. So kann es nicht weiter gehen. Es braucht einen radikalen Wandel. Einen Bruch mit allem. Für den steht Bolsonaro, der Mann, der bisher nichts erreicht hat, aber in einfacher Poltersprache alles Mögliche verspricht.

Auf die Frage nach seinem Wirtschaftsprogramm sagte er kürzlich: "Ich bin Hauptmann der Artillerie. Warum sollte ich über die Wirtschaft sprechen?"

Er hat kein richtiges Programm. Er versprüht Hass gegen die Medien. Er nennt kritische Berichte "Fake News". Er verdankt seinen Aufstieg den sozialen Medien, Twitter, Facebook, Instagram. Er verspricht, das bisherige System zu zerstören. Er macht sich lustig über Homosexuelle, Frauen, ethnische Minderheiten. 

Wenn das alles bekannt klingt, ist es kein Zufall.

Brasiliens Nordosten versagt den totalen Triumph

In den Straßen Vidigals beginnen die Menschen an diesem Wahlabend zu trinken, manche aus Frust, andere aus Geselligkeit, wenige aus Freude. Die Wut hält sich in Grenzen. Ein Bauarbeiter sagt: "Irgendetwas muss sich ja ändern." Die Mutter zweier kleiner Kinder sagt: "Ich mag Bolsonaro nicht, aber die anderen auch nicht. Es kann so nicht weiter gehen."

Erst später am Abend steht das Endergebnis fest: Bolsonaro 46,2 Prozent. Haddad 28,9 Prozent. Die anderen folgen mit großem Abstand. Es reicht nicht ganz zum Sieg schon im ersten Wahlgang, dafür hätte Bolsonaro 50 Prozent erreichen müssen. Im ganzen Land schneidet er stark ab, nur im Nordosten nicht. Der verarmte Nordosten, Heimat Lulas, hat ihm den totalen Triumph vorerst versagt.  

Bolsonaro wird der Trump der Tropen

Nun fällt die Entscheidung im zweiten Wahlgang am 28. Oktober. Dann werden sich viele der unterlegenen Kandidaten gegen Bolsonaro aussprechen. Aber sie tun sich auch schwer mit Haddad, der eher ein blasser Stellvertreter des in Haft sitzenden Lulas ist. 

Das bis vor Kurzem Unglaubliche ist jetzt nach dieser historischen Wahl das Wahrscheinliche: Jair Messias Bolsonaro, 63, deutscher und italienischer Abstimmung, wird der Trump der Tropen, Präsident der viertgrößten Demokratie der Welt. Der nächste rechte Populist, der sein Land in diesen brüchigen Zeiten erobert. 

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