David Axelrod Obamas Strippenzieher


Er ist Barack Obamas wichtigster Mann: David Axelrod, Wahlkampfleiter des demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Schon jetzt ist klar: Er wird in Zukunft zu den Ikonen der US-Wahlkämpfe gehören. stern.de traf ihn und erfuhr, was Axelrod nach der Wahl machen will.
Von Jan Christoph Wiechmann

Wenn David Axelrod ehrlich sein soll, ist der kleine Schreibtisch hinter der Pressetribüne so etwas wie sein Lieblingsplatz. Vorne auf der großen Bühne spricht Barack Obama gerade über die desaströse Wirtschaftslage, auf den Rängen toben die Massen, und vor ihm notieren Reporter Obamas Sätze und das Toben der Massen. Irgendwo zwischen all dem sitzt Obamas Wahlkampfleiter David Axelrod und klinkt sich aus. Bekommt nichts mit von der Atmosphäre in dieser Turnhalle in Lake Worth, Florida. Telefoniert ständig mit seinem Handy, checkt seinen Blackberry, hämmert mit zwei Fingern auf die Tasten seines Computers. "Während Obamas Reden kann ich die meiste Arbeit erledigen", sagt er.

Axelrod öffnet drei Webseiten auf einmal. Er geht auf CNN.com, schaut sich die letzten Umfragen an und vergleicht sie mit denen auf realclearpolitics.com und Zogby. Alle sehen Obama landesweit vorn, selbst hier in Florida. Er könnte zufrieden sein, fast euphorisch, aber er sagt mit nüchternem Ton: "Es sieht recht gut aus. Wir sind zufrieden. Aber die heiße Phase geht jetzt erst los. Noch ist nicht der Hauch einer Vorentscheidung gefallen."

Axelrod schließt die Websites und schaut sich den letzten Skandal auf Youtube an. Eine Abgeordnete der Republikaner hat Obama als anti-amerikanisch bezeichnet und muss sich nun dafür entschuldigen. Das macht Axelrod noch zufriedener. Die Angriffe der Republikaner sind bisher alle fehlgeschlagen. Sie haben Obama eher geholfen. Sie machen die Unterschiede deutlich. Zwischen dem beständigen, ruhigen Obama und dem wütenden, attackierenden McCain. Aber auch zwischen McCains sprunghaftem, fahrigem Wahlkampf und Obamas ruhigem, beständigem Wahlkampf. Seinem Wahlkampf. Axelrods Wahlkampf.

Beständigkeit als Erfolgsrezept

Wenn man so will, liegt darin das Geheimnis ihrer bisher so erfolgreichen "Campaign". Sie sind sich und ihrer Botschaft immer treu geblieben. Als sie 20 Prozentpunkte hinter Hillary Clinton lagen, blieben sie bei ihrer Botschaft "Change" und besiegten Clinton schließlich nach hartem Kampf. Als die Republikaner die persönlichen Angriffe auf Obama forcierten, blieben die beiden ruhig und frei von jeder Panik. Und auch jetzt, da McCain ihn diffamiert, schlagen sie nicht zurück, sondern erklären unaufgeregt, dass Amerika das jetzt nicht hören will. "Wir sind sehr glücklich wo wir jetzt stehen", sagt Axelrod stern.de. "Wir haben den richtigen Kandidaten, die richtige Botschaft, jetzt geht es nur noch darum, die Menschen in die Wahllokale zu treiben."

Barack Obama, 47, und sein Wahlkampfleiter David Axelrod, 52, kennen sich seit 16 Jahren. Sie trafen sich bei einem Event für die Registrierung von Wählern in Chicago und wurden Freunde. "Im Prinzip ist Barack Obama der gleiche geblieben", sagt Axelrod. "Bei ihm weißt du, dass er heute der gleiche ist, der er gestern war, und morgen der gleiche sein wird, der er heute ist." Seit 16 Jahren? "Ja, seit 16 Jahren." Axelrod beschreibt Barack Obama, aber im Prinzip beschreibt er sich auch selbst. Den gleichmütigen Familienvater David Axelrod, von dem Freunde sagen, dass er sich seit 20 Jahren nicht sehr verändert hat.

Hilft Kandidaten die eigenen Wurzeln zu finden

Selbst unter Stress ist Axelrod bekannt für seine nüchterne, sachliche Art. Er leitete schon vor vier Jahren Obamas erfolgreichen Senatswahlkampf und leitete überhaupt äußerst erfolgreiche Wahlkämpfe, 80 Prozent endeten siegreich. "Er hilft den Kandidaten nicht nur ihre Stimme zu finden, sondern die eigenen Wurzeln, die Seele", sagt Donna Brazile, die Al Gores Wahlkampf 2000 leitete. "Er schiebt all die Papierberge zur Seite und findet dahinter den wirklichen Menschen."

"Barack Obama ist für mich ein historischer Kandidat", sagt Axelrod, "so inspirierend für heutige Generationen wie einst die Kennedys. Groß formen müsse man Obama nicht, er sei komplett, selbst im Reden schreiben. "Ich habe schon früh festgestellt, dass er der beste Schreiber von uns allen im Raum ist."

Äußerlich könnten Obama und Axelrod unterschiedlicher kaum sein. Während Obama gern elegante Anzüge trägt, begnügt sich Axelrod mit olivgrünen Hemden, die man auch zur Jagd tragen könnte. Während Obama genau über seine Frisur wacht, arrangiert Axelrod etwas unbeholfen die letzten langen Strähnen auf dem Vorderkopf. Axelrod könnte Lehrer auf einer Gesamtschule sein oder Gewerkschaftsführer, er hat einen Schnauzer aus den 70er Jahren und eine sanfte, unaufgeregte, solidarische Art.

Kein Mann fürs Schmutzige

Axelrod wuchs in New York City auf, als ein Kind der Mittelklasse, seine Mutter war Journalistin, sein Vater Psychiater. Mit fünf Jahren sah er John F. Kennedy bei einer Wahlveranstaltung und half schon mit neun Jahren im Wahlkampf Bobby Kennedys. Später studierte er Politik und wurde politischer Journalist bei der "Chicago Tribune", stieg schnell auf, merkte aber, dass er zuviel Leidenschaft hatte für das politische Geschäft, dass er lieber ein Beteiligter denn ein Beobachter sein wollte. Er wusste: "Beleidigungen waren immer schon ein Teil der Politik Chicagos. Unterstellungen von Diebstahl, Homosexualität und Schwachsinn sind immer Teil der politischen Debatte der vergangenen Jahre gewesen."

Aber er wollte dabei sein. Und er hat weitestgehend aufs "Dirty Campaigning" verzichtet.

Das heißt nicht, dass er nicht gern kleine Spitzen verteilt. Gegen den sprunghaften McCain. Die überholte Hillary Clinton. Den unbeholfenen Bill Clinton. Wenn Axelrod muss, teilt er auch aus.

Schon jetzt ist klar, dass David Axelrod zu den großen Ikonen der US-Wahlkämpfe gehören wird, sollte Obama am 4. November gewinnen. Vergleichbar nur mit Karl Rove und James Carville, die auf sehr unterschiedliche Weise die Wahlkämpfe für George W. Bush beziehungsweise Bill Clinton gewannen.

Und dann? Wird er dann nach Washington gehen und Obama ins Weiße Haus folgen? Nein, sagt er. Er werde in Chicago bleiben und es etwas ruhiger angehen lassen.


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