Debatte um Ex-Taliban-Geisel Bergdahl Webseite blamiert konservative Wendehälse


Erst feiern US-Politiker auf Twitter den Soldaten Bowe Bergdahl als Helden. Dann verteufeln sie ihn, um Präsident Obama eins auszuwischen. Dumm nur: Eine Webseite hat die Original-Tweets noch.
Von Oliver Fuchs

Es gibt gute Gründe, Twitter-Posts nachträglich zu löschen. Tippfehler zum Beispiel. Nach zwei Tagen löschte der Papst: "Our Mother Mary is full of beauty because he is full of grace." Conchita Wurst in Ehren, aber bei der Mutter Gottes geht das Spiel mit den Geschlechtern dann doch zu weit. Und dann gibt es Tweets, die im Nachhinein so richtig peinlich sind. Zum Beispiel, wenn der Tweet von gestern so gar nicht mehr zu der neuen Meinung von heute passen will.

In den USA haben diese Woche eine Schaar Politiker eine spektakuläre Kehrtwende vollzogen. Zunächst bejubeln sie den Gefangenenaustausch von fünf Taliban gegen den amerikanischen Soldaten Bowe Bergdahl. Vor allem auf Twitter. "Die besten Neuigkeiten, seit Langem!" zwitschert der republikanische Kongressabgeordnete Mark Amodei. Dann wird der Deal plötzlich zur Kontroverse. Fragen über die Entführung des Soldaten kommen auf. Es gibt Gerüchte, er habe seinen Posten freiwillig verlassen, sei vielleicht sogar übergelaufen. Ein Deserteur gar?

Dieselben Politiker wittern nun eine Chance, Präsident Obama eins auszuwischen. Doch dabei stehen ihnen ihre ursprünglichen Begeisterungs-Tweets im Weg. Also schnell alles löschen. Sechzehn Stunden nachdem Amodei die " besten Neuigkeiten" erfahren hat, ist sein Tweet verschwunden. Und mit ihm viele andere.

Das große Vergessen

Doch das Internet vergisst nicht. Dank niederländischen Aktivisten gilt das auch für Twitter. Die von ihnen gebastelte Webseite "Politwoops" verewigt gelöschte Tweets von Politikern aus über dreißig Ländern. In Deutschland wird die Seite unter anderem von "netzpolitik.org" unterstützt.

Die amerikanische Newsseite "Mashable" hat mithilfe von "Politwoops" fein säuberlich alle Tweets zu Bergdahls Freilassung aufgelistet. Hier eine Auswahl:

"Eine dankbare Nation erwartet Ihre Rückkehr", vom Republikaner Paul deMarco. Kommentarlos gelöscht. Seither ist Funkstille - wohl auch, weil deMarco gerade im Wahlkampf ist.

"Willkommen zu Hause, Sgt. Bowe Bergdahl. Eine dankbare Nation dankt Ihnen für Ihren Einsatz", so der überschwängliche Tweet des republikanischen Senators Thad Cochran. Drei Tage später ist auch diese Kurznachricht verschwunden. Stattdessen schreibt Cochran nun: "Die Umstände seines Verschwindens müssen sorgfältig überprüft werden."

"Er ist ein wahrer amerikanischer Held", schwärmt James "Jim" Renacci, Kongressabgeordneter aus Ohio. Auch dieser Tweet ist weg, dafür drängt er auf seiner Facebook-Seite jetzt auf eine "gründliche Untersuchung des Gefangenenaustausches".

"Wärmste Grüße an seine Familie - mit Dank für seine und ihre Leistung", sendet der Demokrat Stephen F. Lynch. Ebenfalls gelöscht. Kein weiterer Kommentar bis heute. Kann man Grüße eigentlich zurücknehmen?

Blamage on- und offline

Andere brauchen nicht Twitter, um sich zu blamieren. Allen voran der ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCain. Der außenpolitische Hardliner hatte noch im Februar genau diesen Austausch mit genau diesen fünf Taliban grundsätzlich unterstützt. Jetzt tut er so, als habe er von nichts gewusst. Über seinen Sprecher ließ er am Donnerstag ausrichten, seine Antwort wäre "zur Hölle: nein!" gewesen, wenn er gewusst hätte, wie die genauen Bedingungen des Austausches aussahen. Sein Pech: Der Fernsehsender #link;www.msnbc.com/rachel-maddow-show;"MSNBC"# hat seine Kehrtwende akribisch nachrecherchiert. Nicht nur wusste er vom geplanten Austausch, er kannte auch die Details.

Übrigens: Auch Bergdahls Heimatstatt Hailey im Bundesstaat Idaho hat reagiert. Die "Bowe is Back"-Begrüßungsfeier #link;democracynow.org/2014/6/5/sgt_bowe_bergdahls_idaho_hometown_cancels; ist abgesagt#.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker