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Dharamshala: Beten mit dem Dalai Lama

Das Aufbegehren der Tibeter gegen die chinesische Besetzung ihres Heimatlandes hat Dharamshala am Fuß des Himalayas globale Berühmtheit gebracht. Der Dalai Lama hat zusammen mit rund 1000 Exil-Tibeter für die Opfern der Repressalien gebetet. stern-Korrespondent Teja Fiedler war dabei.

Erst will der Mann mir Reis verkaufen. "Oder brauchst du Linsen?" Beide Male Kopfschütteln meinerseits. Und dann sagt er: "Willst du die E-Mail-Adresse von Jesus Christus?" Er zeigt mir einen leicht speckigen Zettel. Leider ist die Zeile mit dem direkten Link zum Himmel schon ziemlich verwischt. Ich stehe auf dem Marktplatz von Dharamshala und verzichte dankend, Hier ist diese an und für sich schon überraschende Offerte besonders absurd. Denn der Gebirgsort Dharamshala im Norden von Indien ist als Exilsitz des Dalai Lama, wenn man so will, seit 1959 ausgelagertes Zentrum des tibetischen Buddhismus. Und das Aufbegehren der Tibeter gegen die chinesische Besetzung ihres Heimatlandes hat Dharamshala am Fuß des Himalayas endgültig globale Berühmtheit gebracht. Das zieht Menschen aller Schattierungen an - bis hin zu denen, die die E-Mail von Gottes Sohn kennen.

Die tausendköpfige Menge, die sich am Sonntagmorgen zu einem zweistündigen Gebet für die Opfer der chinesischen Repression vor dem Tempel unterhalb des Palastes, den der Dalai Lama bewohnt, trifft, ist denn auch ausgesprochen bunt gemischt. Die Mehrzahl sind Exil-Tibeter. Alte Leute, die noch eine Erinnerung an die Heimat im Himalaya-Hochland haben, junge Menschen, die schon in Indien geboren wurden und Tibet nur aus den Erzählungen von Eltern oder Großeltern kennen. Sie drehen andächtig Gebetsmühlen und zählen die Perlen ihrer Gebetsschnüre ab wie Katholiken die am Rosenkranz. Sie tun es mit sachlich-frommer Selbstverständlichkeit. Manche tragen Wollmützen mit der Aufschrift "Free Tibet", manche eine der in ihrer Heimat von den Chinesen verbotenen Nationalflaggen mit der Sonne drauf. Ein paar Kinder laufen fröhlich und laut zwischen den Erwachsenen auf dem Vorplatz herum, niemand hindert sie - der Buddhismus ist eine tolerante Religion.

Ausländer mit weit erhöhter Andächtigkeit

Von weit erhöhter Andächtigkeit sind die meisten der Ausländer unter den Anwesenden. Sie scheinen das großartige Panorama der schneebedeckten Gipfel hinter dem Tempel so wenig wahrzunehmen wie die Raubvögel, die majestätisch in der Thermik des blauen Himmels kreisen. Sie sind mit geschlossenen Augen, wippendem Oberkörper und korrektem Schneidersitz tief in sich und im Kosmischen versunken. Obwohl ich mich manchmal nicht gegen den Eindruck wehren kann, der oder die eine schielt schon mal seitwärts, ob auch die anderen erkennen, wie tief versunken sie sind.

Das Tempelinnere ist gefüllt mit Mönchen in Safranrot und tibetischen Schulkindern. Mitten in der Halle steht der riesigen vergoldeten Buddha-Statue gegenüber der Sessel, auf dem er gleich Platz nehmen wird. Er, der 14. Dalai Lama. Friedensnobelpreisträger 1989 und Ikone der tibetischen Freiheitshoffnungen. Und dann kommt über den Vorplatz der unauffällige, bebrillte Mann mit seinem Markenzeichen, dem ansteckenden Lächeln, umgeben von Mönchen, Leibwächtern und eskortiert von ein paar indischen Polizisten mit Uraltkarabinern - nicht vergessen, wir sind in Indien! Die Menschen fallen auf die Knie, die Westler wieder besonders verzückt - sollte Karel Woytila von oben herunterschauen, muss er seine interreligiöse Freude daran haben.

Der Dalai Lama schreitet heiter grüßend in den Tempel, nimmt auf seinem Sessel Platz für ein einstündiges Gebet, das mich an katholische Litaneien erinnert. Es bittet die höheren Mächte um Freiheit und Wohlergehen für Tibet und seine Menschen. Helfer servieren den Andächtigen Buttertee in Styroporbechern, für den untrainierten Gaumen eine zwiespältige Erfahrung. "Man muss ihn als Suppe sehen", sagt mir eine deutsche Tibetologin und das hilft mir mental über den ersten Schock hinweg.

Nach Ende der Andacht verliest der Dalai Lama auf Tibetisch eine Botschaft: Dank an die Solidarität aus aller Welt für die tibetische Frage, eine gemessene Aufforderung an die Regierungen des Westens, noch etwas mehr diplomatischen Druck auf China auszuüben und ein erneutes Ja zu den Spielen in Peking. Das chinesische Volk, das Volk, wohlgemerkt, habe diese Spiele verdient. (Dies alles laut Übersetzung meiner netten tibetischen Nachbarin auf dem Rasen.) Dann schreitet der Dalai Lama zwischen tausendfachem Kniefall und abebbendem Weihrauchdunst wieder von dannen. Lächelnd, doch ein wenig abgespannt. Fünfzig Jahre Anstrengung für Tibet. Fünfzig Jahre Gewaltlosigkeit. Fünfzig Jahre spiritueller Macht. Und materieller Ohnmacht. Mir fällt Stalins berühmter Zynismus über die moralische Autorität de Papstes ein: "Wie viele Divisionen hat er denn?"

Im blauen Himmel kreisen weiter die Raubvögel. Die Menge zerstreut sich, strömt hinaus in die engen, steilen Gassen von Dharamshala. Dorthin, wo Spruchbänder hängen mit Aufschriften wie "Während Sie dies lesen, wird in Tibet ein Mensch umgebracht oder gefoltert." Oder: "Boykott von Olympia 2008 in Peking." Wo jeden Abend ein ergreifender Umzug stattfindet, bei dem die Menschen brennende Kerzen als Freiheitssymbol in der Hand tragen. Wo man die tibetische Küche lernen kann, die tibetische Sprache und traditionelle tibetische Malerei - so steht es auf gedruckten und handgeschriebenen Plakaten.

Was ist "Guerrilla Yoga"?

Man kann auch in tibetische Astrologie eintauchen, tibetische "Universal Massage von Lonely Planet empfohlen, öffnet Energiekanäle und Chakras", und natürlich auch in generell Östliches wie Ayurveda, Reiki und Yoga. Ein Schild verspricht sogar "Guerrilla Yoga", was auch immer das sein mag. (Ich kann das Institut leider nicht finden.) Ein Bierlokal am Platze lockt Buddha-Müde mit: "Buchen Sie eine private Disco-Party." Und eine verwirrte Seele mit der Mail-Adresse vom Lieben Gott.

Teja Fiedler, Dharamshala

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