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Die Israel Lobby: "USA unterstützen Israel bedingungslos"

Das Buch "Die Israel Lobby" von John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt hat in den USA heftige Kritik hervorgerufen. Ihre Kritik am Einfluss pro-israelischer Lobbygruppen auf die Außenpolitik der USA ist auch in Deutschland umstritten. Ein stern.de Interview mit den Autoren.

Vor allem in ihrer Heimat Amerika haben die beiden Wissenschaftler John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt heftige Kritik für ihr Buch "Die Israel Lobby" geerntet. Weil sie sich kritisch mit dem Einfluss jüdischer Lobbyisten auf die US-Nahost-Politik beschäftigten, wurden sie als Antisemiten beschimpft. Dabei geht es den beiden darum, Wege aufzuzeigen, wie Amerika zum Frieden im Nahen Osten beitragen könnte.

Wie analysieren Sie die US-Außenpolitik im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ?

Walt: Das Hauptargument unseres Buches ist: in den Vereinigten Staaten gibt es eine Koalition aus verschiedenen Gruppen, die großen Einfluss auf die US-Politik haben, die wir die Israel Lobby nennen. Sie beeinflussen die amerikanische Politik in eine pro-israelische Richtung. Das führt zu sehr großer, bedingungsloser Unterstützung des Staates Israel in wirtschaftlichen und militärischen Bereichen. Das bedeutet auch, dass die USA im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern auf der Seite Israels stehen. Obwohl die US-Regierung früher die Zwei-Staaten-Lösung für den Nahen Osten unterstützt hatte, macht sie keinen Einfluss geltend, um Israels Siedlungspolitik zu beenden. Diese bedingungslose Unterstützung ist nicht gut für Amerika aber auch nicht gut für Israel.

Wie hat sich der Einfluss der Israel Lobby in den letzten Jahren verändert?

Mearsheimer: Keine Frage, die Israel Lobby hat gewaltig an Einfluss gewonnen seit den 70er Jahren. Zu Beginn der 80er Jahre ist AIPAC (American Israel Public Affairs Committee) zu einer besonders einflussreichen Organisation in Washington herangewachsen. Aber es gibt kaum einen Unterschied zwischen den Amtszeiten von Bill Clinton und George W. Bush.

Wie nimmt die Israel Lobby Einfluss auf die US-Politik?

Mearsheimer: Es war seit 1976 offizielle Politik aller US-Präsidenten, die Siedlungspolitik Israels in der West Bank und im Gazastreifen abzulehnen. Aber kein Präsident hat ernsthaft etwas dagegen unternommen, dass Israel Siedlungen errichtet hat. Aus einem Grund: der Macht der Israel Lobby.

Walt: Ein anderes gutes Beispiel ist die US-Politik im Libanonkrieg im Sommer 2006. Israel hatte wohl das Recht, sich gegen die Angriffe der Hisbollah zu verteidigen. Aber die Strategie war dumm und ungeeignet, die militärischen Ziele zu erreichen. Stattdessen wurden Millionen Streubomben abgeworfen und zahlreiche zivile Opfer in Kauf genommen. Und der US-Kongress hat Resolutionen verabschiedet, um Israel zu unterstützen, gepuscht von verschiedenen pro-israelischen Gruppen. Das war eine schlechte Politik für Amerika aber auch für Israel, denn es wäre besser gewesen, das dumme Verhalten Israels zu korrigieren, anstatt es zu unterstützen. Israel ist dem Frieden nicht näher gekommen, und die USA haben sich unnötig Feinde gemacht.

Welche Reaktionen hat Ihr Buch hervorgerufen?

Mearsheimer: Man muss unterscheiden zwischen Reaktionen in den USA und außerhalb. In den USA wurden wir sehr unfair behandelt von den großen Medien. Wir wurden als Antisemiten abgestempelt. Außerhalb Amerikas waren die Buchkritiken sehr viel positiver. Die positivste Kritik kam aus Israel. Auch in Deutschland wurden viele Artikel über das Buch geschrieben, manche negativ aber viele positiv. Aber wenn wir Vorträge halten in verschiedenen Städten in den USA ist die Reaktion viel freundlicher.

Walt: Wenn wir zu den Leuten sprechen, verstehen sie, dass es Sinn macht, was wir sagen. Sie verstehen, dass wir nicht israel-feindlich sind und auch keine Antisemiten. Unter vier Augen sagen viele, dass wir Recht haben, was sie öffentlich nicht zugeben würden.

Was erwarten Sie vom nächsten Präsidenten der USA?

Walt: Er oder sie wird das gegenwärtige Verhältnis zu Israel weiter pflegen. Die USA werden Israel weiter bedingungslos materiell und diplomatisch unterstützen.

Ist das nicht enttäuschend für Sie?

Walt: Ja. Kurzfristig können wir nur hoffen, dass es eine offenere Diskussion gibt, dass in Amerika offen über das Thema gesprochen werden kann. Mearsheimer: Es wäre gut, wenn die USA zu Israel ein normales Verhältnis bekämen und das Land so behandelten wie andere Demokratien auch.

Wie beurteilen Sie die deutsche Politik gegenüber Israel?

Walt: Aus historischen Gründen hat Deutschland eine besondere Beziehung zu Israel. In der Vergangenheit hat Deutschland den Staat Israel in besonderem Maße unterstützt, hat Geld gegeben und militärische Hilfe geleistet. Aus historischen Gründen widerstrebte es Deutschland, Kritik an Israel zu üben, selbst als viele Deutsche die israelische Politik gegenüber den Palästinensern für nicht wünschenswert hielten. Ich glaube, Deutschland würde gerne wie viele andere Länder Europas einen palästinensischen Staat sehen. Nicht weil die Deutschen gegen Israel wären, sondern weil sie erkannt haben, dass das notwendig ist für den Frieden im Nahen Osten.

Glauben Sie, dass es immer noch gefährlich ist, als Deutscher Kritik an Israel zu üben?

Walt: Es kommt darauf an, was gefährlich heißt? Es wäre gut für Israel, wenn es kritisiert würde für eine falsche Politik. Das Problem ist, dass es für Deutsche aus historischen Gründen schwer ist, Israel zu kritisieren. Alle Leute und Länder machen dumme Sachen. Um das zu vermeiden, ist es das Beste, eine offene Diskussion zu führen.

Mearsheimer: Gute Freunde sollten auch den Willen haben, sich gegenseitig zu kritisieren und miteinander zu streiten, wenn sie eine dumme Politik machen. Das heißt, wenn Deutschland ein guter Freund Israels sein will, muss es auch sagen, das ist falsch, was du da machst. Umgekehrt gilt das auch für Israel. Aber es ist für Deutschland extrem schwer, sich gegenüber Israel wie ein guter Freund zu verhalten, denn es ist nicht leicht für Deutschland, Israel zu kritisieren.

Interview: Markus Baluska