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US-Wahl 2020 Trump gegen Biden im TV-Duell: Das eskalierte schnell

Donald Trump Joe Biden
Chaotisch und laut: das TV-Duell zwischen Donald Trump Joe Biden
© Getty Images
Wer Donald Trump bucht, kriegt Action. So war es auch beim ersten TV-Duell mit dem Herausforderer Joe Biden. Aber der US-Präsident war nicht der einzige Unruheherd in der Debattenrunde. 

Der erste Verlierer der ersten Präsidentschaftsdebatte war weder Donald Trump noch sein Herausforderer Joe Biden. Es war ausgerechnet Moderator Chris Wallace, der eigentlich angekündigt hatte, sich zurückhalten zu wollen. Doch nach gerade einmal zwei Fragen musste der Fox-News-Mann laut werden und reingrätschen, der US-Präsident war bereits zu rauflustig. Es war nicht das letzte Mal an diesem Abend, über den wohl noch länger gesprochen werden wird.

Mit leichter Verspätung betraten die beiden Kontrahenten um 21 Uhr Ortszeit die Bühne in der Case Western Reserve Universität in Cleveland, Ohio. In dem Bundesstaat führt der Demokrat Biden knapp vor dem Amtsinhaber, Live-Publikum aber gab es wegen des Coronavirus nur wenig. Die Kameras zeigten die in der ersten Reihe mit Sicherheitsabstand sitzende Familie Trumps: seine Töchter Ivanka und Tiffany, Sohn Eric. Wie angekündigt, verzichteten die Kandidaten auf einen Handschlag und Wallace ging sofort zur Sache. Erstes Thema: die in den USA äußerst wichtige Besetzung des Supreme Courts – doch bei dieser Personalie blieb es nicht lange.

Präsident Aggro vs. Herausforderer Fragil

Schon nach wenigen Minuten war das Drehbuch für die folgenden anderthalb Stunden gesetzt: Auf der linken Seite polterte ein aggressiver US-Präsident vor sich hin, sichtlich und hörbar bemüht, seine Amtszeit zu verteidigen, auf der rechten Seite ein fragil wirkender Herausforderer, sichtlich und hörbar bemüht, die Angriffe des Amtsinhabers an sich abperlen zu lassen. Und in der Mitte vor den beiden platziert: Chris Wallace, dem sein Job als Löwenbändiger mehr als nur einmal entglitt. "Chaotisch" nannte CNN das TV-Duell. "Beschämend" sagte ZDF-Mann Elmar Theveßen dazu.

Dabei waren die Rollen eigentlich schon vorher klar: Donald Trump würde das machen, was Donald Trump eben macht: laut sein und großspurig, unzusammenhängende Dinge sagen, dem anderen ins Wort fallen und Behauptungen aufstellen, die vielleicht nicht immer gelogen sind, aber mindestens übertrieben. So pries er mehrfach seine Arbeit als Präsident, die seiner Ansicht nach in jeder Hinsicht "großartig" war – wie beim Kampf gegen das Corona-Virus, das er "China-Pest" nannte. Um im selben Atemzug, auch das ist typisch Trump, in Selbstmitleid zu verfallen: "Sie kriegen die gute Presse, und ich kriege die schlechte Presse", sagte er in Richtung Biden.

Donald Trump nimmt Joe Biden in den Schwitzkasten

Der Angesprochene hatte vor dem Duell gesagt, dass er fürchte, vom Präsidenten in den Schwitzkasten genommen zu werden – und das wurde er auch. Im Grunde war der ganze Abend ein einziger Nahkampf und der Ex-Vizepräsident war nicht nur genervt von den ständigen Unterbrechungen, er hatte auch Mühe, bei der Sache zu bleiben. Immer wieder schloss er die Augen, wenn Trump dazwischen redete. Was vermutlich seiner Konzentration dienen sollte, könnte auch als wehrlose Augen-zu-und-über-sich-ergehen-lassen-Geste verstanden werden. Stark aber war der 77-Jährige immer dann, wenn er seinen Blick in die Kamera richtete, und seine Botschaften direkt an die Zuschauer richtete.

Denn auch wenn er oft in die Defensive gedrängt wurde und ab und an ins Stottern geriet, war er es, der so etwas wie Pläne und politische Ideen präsentierte. Für die Umwelt- und Klimapolitik stellt er sich etwa einen großflächigen Umbau zur einer nachhaltigen Energieerzeugung vor. Um Rassismus bei der Polizei zu bekämpfen, ein Thema bei dem Donald Trump um den heißen Brei herumredete, will er eine Art runden Tisch bilden. Ob der Ansatz das Zeug zur Lösung des Problems hat, hat wurde nicht weiter diskutiert. Aber allein die Idee zeigte den Unterschied zwischen dem Amtsinhaber und seinem Herausforderer: Während der Demokrat – ganz alte Schule – Vermittlung anbietet, gibt der Präsident den Systemsprenger. Ganz so als sei er nicht seit vier Jahren das personifizierte Establishment.

Donald Trump als Clown

Wallace muss ein Machtwort sprechen

Anstelle seiner "knallroten Powerkrawatte" (Hillary Clinton) trug Donald Trump ein dezent rot-blaues Exemplar, doch das war es auch an Zurückhaltung. "Ich bin nicht überrascht, wie das hier abläuft", grummelte er zu Beginn, als er vom Moderator Wallace erstmals zurechtgewiesen wurde. Eigentlich hatten die Wahlkampfteams der beiden eingewilligt, zu sechs Themen à 15 Minuten je zwei Minuten zu sprechen, plus kurzer Diskussion. Doch vor allem der Präsident hielt sich nicht an die Abmachung, und irgendwann hatte auch sein Kontrahent keine Lust mehr, sich zurückzuhalten. Dauerprovoziert verlor auch er öfter die Kontrolle, nannte Trump einen Clown, der endlich mal die Klappe halten sollte. Zur Beruhigung trug das nicht bei.

Inhaltlich bot das TV-Duell die erwartete Magerkost. Doch diese Debatten dienen eher dazu, sich einen Gesamteindruck von den Kandidaten zu verschaffen. Wie treten sie auf, wie sprechen sie, wie reagieren sie unter Druck. Kurzum: Sind sie geeignet für den Job im Weißen Haus? Glaubt man den nationalen Umfragen, hat der Chef des Weißen Hauses hier Nachholbedarf.

Trump erfüllt die Erwartungen

Was Trumps Anhänger sahen, war ein Mann, der genau das tat, was sie von ihm erwarteten: Dominanz im Auftreten, Regeln ignorieren, dem Gegner keine Zeit zum Luftholen lassen, sich nicht von Nazis distanzieren und damit brüsten, als Geschäftsmann Steuern zu vermeiden. Glaubt man den Schnellumfragen unter den TV-Zuschauern, dann ist diese Art genau das, was sie allerdings nicht wollen. Bei CNN etwa sahen nicht einmal 30 Prozent den Präsidenten als Sieger. Der Sender allerdings gilt nicht gerade als besonders Trump-freundlich.

Blieb also am Ende die große Frage, ob der US-Präsident das Wahlergebnis anerkennen würde. In Demokratien eigentlich selbstverständlich, hatte Trump dies zuletzt immer wieder offengelassen. So auch an diesem Abend: "Wenn es eine faire Wahl gibt, werde ich das Resultat anerkennen", sagte er, deutete aber erneut massenhaften Wahlbetrug an: "In West Virginia werden Wahlzettel verkauft." "30 bis 40 Prozent der Briefwahl wird Betrug sein." "Wenn 10.000 Stimmzettel manipuliert sind, kann ich das Ergebnis nicht annehmen." Wäre es nach Donald Trump gegangen, hätte er wohl noch weitere von solchen unbelegten Behauptungen verbreitet. Doch dann würgte ihn Chris Wallace einfach ab. Zeit wurde es diesen denkwürdigen Abend zu beenden


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