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US-Wahlkampf: Hillary tauscht Besonnenheit gegen Giftspritze

Mit scharfen Attacken gegen Donald Trump läutet Hillary Clinton die eigentlichen US-Präsidentschaftswahlkampf ein. Bislang eher uninspiriert, lässt sie sich nun auf das Niveau des Unternehmers herab. Ein riskantes Spiel.

Von Niels Kruse

Donald Trump nackt auf Protestplakat

Donald Trump, nackt: Auf dieses Niveau ungefähr dürfte sich der beginnende US-Wahlkampf einpendeln

Bislang ist noch jeder Versuch gescheitert, Donald Trump zu beschädigen. Seine parteiinternen Gegner haben sich an ihm die Zähne ausgebissen, liberale Medien mögen über ihn lästern und vor ihm warnen, seiner Beliebtheit tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Jeder Angriff auf den Unternehmer, ob fair und unfair, scheint ihn nur noch beliebter zu machen. Unwahrscheinlich auch, dass er noch dunkle Geheimnisse verbirgt. Was also bleibt seiner Gegnerin Hillary Clinton noch, den unaufhaltsam scheinenden Aufstieg des Demagogen zu stoppen? Sie bedient sich seiner eigenen Waffen: die persönliche Verunglimpfung.

"Charakterlich ungeeignet", "gefährlich" sagt die Ex-Außenministerin über ihn, ja, er sei sogar ein Fall für Psychiater, lästerte sie in einer Rede in Kalifornien, wo in den nächsten Tagen Vorwahlen stattfinden. All das wurde in den vergangenen Monaten schon so oder ähnlich gesagt oder geschrieben, aber nicht von Hillary Clinton und vor allem nicht in dieser Offenheit. Der Wahlkampf, schon jetzt nicht arm an Ausfällen und Härte, ist eröffnet und er könnte eine beispiellose Schlammschlacht werden.

Runter aufs Niveau von Donald Trump

Selbst körperliche Gewalt ist kein Tabu mehr. Auf einigen Wahlkampfveranstaltungen von Donald Trump gab es bereits blutige Nasen, weil Saalwächter rabiat gegen Demonstranten vorgegangen waren. In San Jose nun, wo außer Clinton auch der Immobilienmogul auftrat, gingen ihre Unterstützer auf seine Anhänger los, es flogen Fäuste und Eier. Es deutet nicht viel daraufhin, dass sich die Stimmung bald beruhigen wird. Bislang versuchte die demokratische Kandidatin sich nicht auf das Trumpsche Niveau herunterziehen zu lassen. Vergeblich. Mit seinen Attacken und kruden Thesen sichert sich Trump jede Schlagzeile, während Clinton uninspiriert herumeierte und sich zudem auch noch mit ihren Kontrahenten Bernie Sanders aus der eigenen Partei herumschlagen muss.


Doch die Zeit der vornehmen Zurückhaltung ist offenbar vorbei, die Ex-First-Lady beginnt aus vollen Rohren zu schießen. Donald Trump bietet eine Menge Angriffspunkte: da ist die Weigerung, seine Steuererklärung zu veröffentlichen. Unschicklich für Präsidentschaftskandidaten, für einen selbsternannten Multimilliardär erst Recht. Da ist sein (gut dokumentiertes) zweifelhaftes Geschäftsgebaren. Etwa die Trump-Universitäten, deren einziger Zweck darin bestanden hat, den Leuten sehr viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Da ist der offenkundige Widerspruch, als Teil der (New Yorker) Geldelite mit besten Verbindungen in die Politik gegen eben diese (Politik-)Eliten zu wettern.

Tausche Besonnenheit gegen Giftspritze

Im US-Wahlkampf des Jahres 2016 geht es nun also endgültig nicht mehr darum, die Wähler von einem Kandidaten zu überzeugen, sondern die Wähler davon zu überzeugen, warum der andere Kandidat unwählbar ist. Dieses Spiel scheint zwar das einzige zu sein, das derzeit funktioniert. Allerdings ist es auch eines, dass vor allem Donald Trump meisterlich beherrscht. Gut möglich, dass die Vielzahl noch unentschlossener Wähler sich anekelt von diesem Schauspiel abwendet. Oder am Ende doch lieber das Original wählt als eine Hillary Clinton. Sie hat nun jedenfalls ihr größtes Kapital, ihre Weiße-Haus-Besonnenheit, gegen die Giftspritze getauscht.