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Drohende Steinigung von Ashtiani: "Nimm mich mit, ich habe Angst"

Zeigt der weltweite Protest Wirkung? Oder wird die Iranerin Sakineh Mohammadi e Ashtiani doch gesteinigt? Noch gibt es keine Entscheidung. Aber eine Erklärung der iranischen Botschaft in London.

Von Manuela Pfohl

Eine Frau soll im Namen Allahs, des Allerbarmers, gesteinigt werden. Für die Richter in der nordwestiranischen Stadt Tabriz nichts Besonderes. Schließlich geht es um "Ehebruch" und der ist im Iran ein Kapitalverbrechen, das mit dem Tod bestraft wird. Doch seit ein paar Tagen macht sich Unruhe in den Amtsstuben breit, wenn es um den Fall Sakineh Mohammadi e Ashtiani geht. Denn die 43-Jährige, die 2006 wegen eines "unerlaubten Verhältnisses" zu einem fremden Mann zum Tod durch Steinigung verurteilt worden war, ist inzwischen zu einem Politikum geworden.

Allein in den beiden vergangenen Tagen ist die Zahl derjenigen, die die Onlinepetition gegen ihre Steinigung unterschrieben haben, von 6000 auf knapp 17.500 gestiegen und die Facebookseite zählt inzwischen fast 25.500 Fans. Der Grund: Seit ein paar Tagen berichten große internationale Medien ausführlich über die drohende Hinrichtung. Denn die Zeit wird immer knapper. Schon am Sonntag soll eine Kommission letztmalig über ein Gnadengesuch entscheiden, das die Kinder von Sakineh Mohammadi e Ashtiani eingereicht haben.

Verlässliche Quellen?

Angesichts der weltweiten Proteste bemühte sich die iranische Botschaft in London am Freitag eiligst um Schadensbegrenzung. Mit Bezug auf "relevante Gerichtsbehörden" erklärte sie, die geplante Steinigung werde nicht stattfinden. Außerdem empfahlen die Diplomaten den westlichen Journalisten, "verlässliche amtliche iranische Quellen zur Informationsgewinnung zu nutzen".

Sajjad hat da so seine Zweifel. Der 22-jährige Sohn von Sakineh Mohammadi e Ashtiani hat in den vergangenen Jahren immer wieder von den iranischen Behörden gehört, dass seine Mutter nicht gesteinigt würde - und dennoch: Der Oberste Gerichtshof bestätigte am 27. Mai 2007 das Urteil, und auch die Kommission für Amnestien lehnte zwei Gnadengesuche ab. Dass Sakineh Mohammadi e Ashtiani den Vorwurf des "Ehebruchs" bestreitet und auch keine Beweise für eine außereheliche Liebesbeziehung existieren, spielte bislang keine Rolle.

Ein Albtraum

Mit einem im Internet verbreiteten Appell an "die Menschen auf der ganzen Welt" versuchten Sajjad und seine 17-jährige Schwester Farideh Ende Juni auf die drohende Hinrichtung aufmerksam zu machen: "Helft uns, zu verhindern, dass dieser Albtraum zur Realität wird. Rettet unsere Mutter. Wir sind nicht in der Lage, zu erklären, welche Qualen wir jeden Moment, jede Sekunde unseres Lebens erleiden. Worte können unsere Angst nicht beschreiben…".

Jeden Montag darf Sajjad seine Mutter für eine viertel Stunde im Gefängnis von Tabriz besuchen. Getrennt durch eine Glasscheibe sitzt er ihr gegenüber und versucht, ihr Mut zu machen, auch wenn er oft selbst voller Verzweiflung ist. "Nimm mich mit nach Hause, ich habe solche Angst", hat Sakineh ihren Sohn immer wieder angefleht, wenn er zu ihr kam. Doch er konnte nichts für sie tun, er musste jedesmal hilflos mit ansehen, wie sie weinte, wenn er ging.

Diesen Montag war alles anders. Sajjad konnte ihr von den vielen Menschen berichten, die sich weltweit um sie sorgen. Er konnte von den internationalen Medien erzählen, die über ihr Schicksal berichten und von den vielen Unterstützern, die schon die Petition gegen ihre Steinigung unterschrieben haben. Als er sich diesmal von seiner Mutter verabschiedete, weinte Sakineh Mohammadi e Ashtiani nicht. Sie sagte: "Vielleicht wird doch noch alles gut."

Anwälte raten zu Skepsis

Allerdings raten die beiden Anwälte, die Sakineh Mohammadi e Ashtiani vertreten, noch zu größter Skepsis. Bei dem Statement der iranischen Botschaft in London handele es sich nicht um eine Erklärung der zuständigen Justizbehörden. Die Verteidiger fürchten allerdings auch noch etwas anderes. "Es könnte durchaus sein, dass die Behörden auf die Steinigung verzichten, stattdessen aber eine andere Hinrichtungsart wählen." Erst bei einer eindeutigen offiziellen Erklärung der Justizbehörden, dass Sakineh Mohammadi e Ashtiani freigelassen wird, könne es Entwarnung geben.

Auch Mina Ahadi, die 2001 das Internationale Komitee gegen Steinigung gründete und Vorsitzende des 2004 gegründeten International Committee Against Executions (I.C.A.E.) ist, traut dem Ganzen nicht. Ahadi, die der Familie seit Jahren eng verbunden ist, meint: "Das Hauptziel der Presseerklärung der Botschaft ist doch, Zweifel zu verursachen und die Kampagne gegen die Steinigung von Sakineh zu schwächen."

Das Opfer muss lange um sein Leben kämpfen

Was mit der Frau passiert, wenn die internationalen Proteste nicht helfen, ist in den "Strafgesetzen zur Ahndung des unerlaubten Geschlechtsverkehrs in Iran" festgehalten. Und es liest sich wie das zynische Drehbuch zu einem Thriller über das Mittelalter: § 101 - "Der religiöse Richter soll die Bevölkerung vom Zeitpunkt der Vollstreckung einer hadd-Strafe unterrichten; bei der Vollstreckung muss eine Anzahl von Gläubigen anwesend sein, die nicht weniger als drei betragen darf."

§ 102 - "Bei der Steinigung wird der Mann bis unter den Gürtel und die Frau bis unter die Brust in eine Grube eingegraben. Dann wird die Steinigung vollstreckt."

Selbst zur Dauer der qualvollen Prozedur gibt es eine eindeutige Vorschrift. Sie verlangt, dass das Opfer möglichst lange um sein Leben kämpfen muss:

§ 104 - "Die Steine dürfen bei einer Steinigung nicht so groß sein, dass die Person bereits getötet wird, wenn sie von einem oder zwei davon getroffen wird und auch nicht so klein, dass man sie nicht mehr als Steine ansehen kann."

Mit Schaufeln die Schädel eingeschlagen

Wie viele Menschen im Iran schon durch Steinigung ums Leben kamen, kann nur vermutet werden, da nicht alle Fälle öffentlich werden. Laut Amnesty International sind jedoch mindestens elf Personen bekannt, die aktuell vor einer Hinrichtung durch Steinigung stehen. Und das, obwohl der Sprecher der iranischen Justiz, Alireza Jamshidi, am 5. August 2008 in Teheran angekündigt hatte, dass anhängige Urteile zur Steinigung nicht mehr vollstreckt würden und die Todesstrafe durch Steinigung in Iran abgeschafft werden solle.

"Wir brauchen jede Unterstützung"

Gegen die Steinigung von Sakineh Mohammadi e Ashtiani haben sich bislang neben der EU-Außenministerin Baroness Ashton, dem US Kongress, dem UN High Commissioner for Human Rights und den Regierungen in Kanada und Großbritannien auch der irische Senat, der deutsche Außenminister Guido Westerwelle, Robert Redford, Emma Thompson, Juliette Binoche und Colin Firth ausgesprochen.

Auch Amnesty International unterstützt den Appell. Und dennoch wird weiterhin jede Stimme gebraucht. Farideh und ihr Bruder Sajjad bitten: "Helft uns, unsere Mutter zu retten. Schreibt an Politiker und Beamte und bittet sie, sie zu befreien. Sagt ihnen, dass nichts gegen sie vorliegt und dass sie nichts Falsches getan hat. Unsere Mutter darf nicht hingerichtet werden. Hört uns jemand und eilt uns zur Hilfe?"