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Neue Enthüllungen: Ein taumelnder Donald Trump ist der Normalzustand dieser bizarren Präsidentschaft

In der Trump-Präsidentschaft jagt eine Krise die nächste. Jetzt setzt dem Weißen Haus ein Buch der Reporterlegende Bob Woodward zu, sowie ein Mitarbeiter, der offen erklärt, Widerstand zu leisten. Was macht das mit Trump? Nichts.

Donald Trump

Mutmaßlich unzufrieden mit der Gesamtsituation: Donald Trump

DPA

Leider gibt es niemanden der zählt, wie oft eine Trump-Geschichte mit dem Satz "Der US-Präsident gerät zunehmend unter Druck" begonnen wurde. Sicher so oft, dass die Formulierung ihren Charakter als "Nachricht" längt verloren hat. Der mächtigste Mann der Welt taumelt angezählt durch den Ring, das ist genauso der Normalzustand dieser bizarren Präsidentschaft, wie der Umstand, dass er nicht fällt. Daran wird auch ein Überreporter wie Bob Woodward nichts ändern können, oder ein Leitartikel in der "New York Times", in dem ein Mitarbeiter des Weißen Hauses offen von seinem Widerstand gegen den eigenen Präsidenten berichtet.

Die Gründe:

Der Zeitpunkt

In genau zwei Monaten wählen die Amerikaner Teile des US-Kongresses neu. Alle Sitze im Repräsentantenhaus und 34 der 100 Sitze im Senat werden neu vergeben. Anders gesagt: Die heiße Phase des Wahlkampfs hat begonnen und was erregt mehr Aufmerksamkeit als ein neues Buch des Investigativ-Journalisten schlechthin, der Reporterlegende Bob Woodward? Seine Enthüllungen über eine Regierungszentrale im Dauerkrisenmodus schlugen erwartungsgemäß wie eine Bombe ein. Dass keine 24 Stunden später in der "New York Times" ein Mitarbeiter des Weißen Haus berichtet, wie er oder sie den eigenen Präsidenten sabotiert, um Schaden von der Nation zu nehmen, mag wie ein gezielte Medienkampagne wirken, dürfte aber wohl eher dem Konkurrenzkampf um die "beste" Trump-kritische Geschichte geschuldet sein.

Die Autoren

Sechs Bücher über die Trump-Präsidentschaft sind mittlerweile herausgekommen oder kurz vorm Erscheinen. Bei manchen, wie etwa "Feuer und Zorn" musste Autor Michael Wolff einige Zitate zähneknirschend zurückziehen. Andere Werke wie Omarosas "Unhinged" sind eher persönliche Abrechnungen, aber Bob Woodward ist Bob Woodward. Sämtliche Enthüllungen in seinen Büchern über mehr als sechs Präsidenten wurden zunächst empört zurückgewiesen. Doch Jahre später räumten die Betroffenen stets ein, das Woodward natürlich Recht hatte. Anders gesagt: Seine Glaubwürdigkeit ist beispiellos. Selbst Trump würdigte in einem Telefonat die "faire" Arbeit des Journalisten.

Anders der Fall des anonymen Weißen-Haus-Mitarbeiters, der in der "New York Times" erklärt, er sei der Widerstand innerhalb der Trump-Regierung. Er betont kein Demokrat zu sein, sondern ein konservativer Gegner des "unmoralischen" Präsidenten. Trump hat die Jagd auf den Autoren bereits eröffnet, spricht von "Hochverrat", beziehungsweise von einer Erfindung der "New York Times". Dass letzteres höchstwahrscheinlich nicht der Fall ist, macht den Leitartikel so brisant. Denn entscheidend ist ist nicht so sehr, was genau darin steht, sondern, dass sich Trumps interne Gegner langsam aus ihren Verstecken trauen.

Die Regierung

Donald Trump, seine Sprecherin und einige Minister befinden mal wieder im beinahe schon obligatorischen Abwehrkampf. Der Präsident zetert nur etwas lauter und aggressiver als sonst. Mehr als ein Dutzend Tweets hat er als Reaktion auf Woodwards Buch und den Leitartikel in der "New York Times" abgesetzt, teilweise die gleichen mehrfach - selbst für den tweetfreudigen Präsidenten ist das viel. Möglicherweise setzt ihm die nicht nachlassende bohrende Kritik an seiner Person langsam zu, was nicht überraschend wäre. Nicht überraschend ist dagegen, dass seine in Woodwards Buch namentlich genannten Mitarbeiter (Verteidigungsminister James Mattis und Stabschef John Kelly) ihre mutmaßlichen Äußerungen brüsk zurückweisen. Wer gibt schon offen zu, übel über seinen Chef zu lästern?

Trump selbst allerdings hat ein Glaubwürdigkeitsproblem: Denn noch wenige Tage vor Erscheinen des Buchs hatte er dem Autor in einem Telefonat Fairness attestiert und versichert, ihm zu vertrauen. Nebenbei bemerkt: 2011 lobte Trump Woodwards Buch über Barack Obamas Kriege ausdrücklich. Die Angewohnheit des US-Präsidenten, unliebsame Enthüllungen als "Fake News" zu schmähen, verfängt in diesem Fall nicht.

Die Konsequenzen

Kurzfristig erst einmal wenige bis keine. Mit Spannung dürfte jetzt Personalie im Weißen Haus verfolgt werden – denn der nächste, der geht, könnte der anonyme "NYT"-Gastautor sein. Davon aber abgesehen: Bislang haben weder Enthüllungsbücher noch Leitartikel oder andere despektierliche Äußerungen dem Präsidenten etwas anhaben können. Denn am Ende wird immer dort nur das bestätigt, was über die haarsträubenden Zustände im Weißen Haus ohnehin schon im Umlauf ist. Durch das Buch von Bob Woodward mag das Chaos der Präsidentschaft Trumps nun zwar "amtlich besiegelt" sein, aber dem damit verbundenen Zermürbungsfaktor steht immer noch der Gewöhnungseffekt gegenüber. Trumps Fans sind ohnehin immun gegenüber noch so schockierende Details. Im Zweifel, so eine verbreitete Ansicht, handelt es sich um eine weitere Kampagne der Opposition, um sich des Präsidenten zu erledigen. Auch die Republikanische Partei steht zu ihrem Präsidenten – und das würde sich wohl nur dann ändern, wenn sie bei der Zwischenwahl im November deutlich verlieren wird. Sprich: Wie in einer Demokratie üblich, entscheiden am Ende die Wähler.

fin