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EU-Finanzkrise: Nachfolger für Jean-Claude Juncker gesucht

Die Eurogruppe sucht einen Vorsitzenden. Aber niemand drängelt sich vor, um die Nachfolge von Jean-Claude Juncker zu übernehmen. Der Posten ist schwierig, anstrengend und gefährlich.

Er mag nicht mehr. Der Luxemburger Jean-Claude Juncker will - zumindest auf Dauer - nicht mehr Vorsitzender der 17 Finanzminister der Eurogruppe sein. Mit seinem im März angekündigten Rückzug als "Monsieur Euro" hat im ohnehin krisengeschüttelten Währungsclub eine erbitterte und mühsame Suche nach einem geeigneten Nachfolger begonnen. Am Ende könnte es gut darauf hinauslaufen, dass Juncker nach Ablauf seines Mandats am 17. Juli noch einmal für immerhin sechs Monate in die Pflicht genommen wird.

Das Amt des Eurogruppenvorsitzenden war schon schwierig, als es 2005 geschaffen und mit Juncker besetzt wurde. Seit Ausbruch der Finanz- und Schuldenkrise in der Eurozone gehört der Posten aber zu den heißesten, die im gemeinsamen Währungsgebiet zu vergeben sind.

Juncker (57) ist einer der Gründerväter des Euro und mit 17 Amtsjahren der dienstälteste Regierungschef der EU - aber das allein ist noch keine Qualifikation für die Spitze der Eurogruppe. Wer im Kreis der Euro-Finanzminister den Ton angeben will, tut gut daran, selbst ein gestandener Finanzminister zu sein. Er muss bei den streckenweise extrem technischen Diskussionen der Minister das komplizierte "Kleingedruckte" verstehen - möglichst einen Tick besser als seine Kollegen.

Überzeugungsarbeit und Kompromisssuche

Vor allem aber braucht er breite Akzeptanz. Der Vorsitzende der Eurogruppe dürfe keinem der Lager zugerechnet werden, beschrieb Juncker selbst das Profil des Jobs. Das müsse jemand sein, der "bereit ist, zuzuhören, was im Norden und Süden und Osten und Westen der Eurozone an Gedanken zusammengetragen wird". Er müsse nicht nur von den Regierungen der großen, sondern auch der kleinen Eurostaaten akzeptiert werden. Und da die Eurogruppe in vielen Fällen nur die Vorarbeit für die Gipfel der Staats- und Regierungschefs leistet, muss die Stimme der Eurogruppe auch in diesem höchsten EU-Gremium Gewicht haben.

"Nicht vergnügungssteuerpflichtig" sei das Amt, formuliert Juncker. Denn es gehe nicht vor allem darum, irgendwelche Sitzungen zu leiten. Die entscheidende Arbeit findet in Zweier-Gesprächen mit Finanzministern oder Regierungschefs statt, oft am Telefon - und im Fall des polyglotten Juncker gleichermaßen auf Französisch, Deutsch und Englisch: Überzeugungsarbeit ist gefragt, Kompromisssuche der Dauerauftrag. "Eurogruppe heißt vier Stunden intensive Arbeit am Tag", rechnete er in Brüssel vor. "Die vier Stunden hätte ich gerne für mich selbst, höchstpersönlich." Dies sei auch der Grund für seinen geplanten Ausstieg, auch wenn es "eine höchst egoistische Herangehensweise" sei, räumte Juncker ein.

Tandemlösung Schäuble-Moscovici möglich

Die Krise hat nach Einschätzung Junckers gezeigt, dass die Eurogruppe einen Vollzeit-Vorsitzenden braucht. "Es ist einfach ein echtes Zeitproblem. Angesichts der Krise schaffe ich es kaum noch, die Arbeit, die ich in Luxemburg zu verrichten habe, und die sehr anstrengende Arbeit in der Eurogruppe zeitlich auf einen Nenner zu bringen", befand er.

Bei der Suche nach einem Nachfolger wurde freilich bislang vor allem über Kandidaten geredet, die nicht als Vollzeitvorsitzende in Betracht kommen: Allen voran der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, aber auch dessen französischer Kollege Pierre Moscovici. Sogar eine Tandemlösung der beiden wurde ins Gespräch gebracht. Sollte es im Kreis der Euro-Finanzminister angesichts der dünnen Personaldecke weiterhin keine Einigung geben, so müsste Juncker noch einmal ran. Allerdings macht er eine Verlängerung seines Mandats um sechs Monate bis zum nächsten Januar davon abhängig, dass der Luxemburger Zentralbankpräsident Yves Mersch ins Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) berufen wird. Ohne diesen Deal laufe nichts, sagt Juncker: "Ich bin nicht blöder als die anderen."

Dieter Ebeling, DPA / DPA