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Ex-Premier: Tony Blair arbeitet in einer Bank

Der ehemalige britische Premier Tony Blair hat einen neuen Job. Er wird die Investmentbank JP Morgan beraten - für angeblich bis zu einer Million Dollar. Damit bricht er mit einer langen Tradition seiner Labour-Vorgänger. Die Briten bleiben gelassen, denn die Blairs brauchen das Geld.

Von Cornelia Fuchs, London

Die Blairs und das Geld sind schon seit Jahren ein Thema in Großbritannien - nicht zuletzt deshalb, weil Tonys Ehefrau Cherie noch nie damit hinter dem Berg gehalten hat, dass sie ihren Mann für ausgesprochen schlecht bezahlt hielt während seiner zehnjährigen Dienstzeit als britischer Premier. Während seine Frau als erfolgreiche Anwältin bis zu 600.000 Euro im Jahr nach Hause brachte, schaffte Tony noch nicht einmal ein Drittel dieser Summe. In Interviews betonte Cherie gerne, wie viel besser es der Familie gegangen wäre, wenn auch Tony in einer großen Anwaltspraxis arbeiten würde, anstatt das Land zu leiten. Und Tony Blair, so wird erzählt, habe nicht ganz ohne Ernst, mit Bankmanagern und Rockmusikern über seine schlechte Bezahlung gescherzt.

Die Blairs haben immer Großes vorgehabt in ihrem Leben. Und da war politischer Einfluss bei Weitem nicht genug. Vor allem Cherie Blair wird nachgesagt, dass sie sich sehr um den finanziellen Status ihrer Familie sorge. Nicht verwunderlich, sagt zum Beispiel der Blair-Biograf Paul Scott, komme sie doch aus bescheidenen Verhältnissen einer Liverpooler Familie, die früh vom Vater verlassen wurde.

Hausverkauf zum falschen Zeitpunkt

So soll es Cherie Blair dem Berater ihres Mannes, Alistair Campbell, nie wirklich verziehen haben, dass er seinem Boss zum Verkauf des Familienhauses im Londoner Stadtteil Islington riet. Campbells Argument: Da die Blairs in die Downing Street ziehen, müsste das Haus vermietet werden - und jeder Mieter wäre ein potenzieller Lieferant negativer Schlagzeilen. Doch kaum hatten die Blairs ihr Haus 1997 verkauft, begann der Immobilienboom in London. Es ist anzunehmen, dass sie Gewinne im bis zu sechsstelligen Bereich abschreiben mussten.

Diesem verlorenen Geld scheinen die Blairs in den darauffolgenden Jahren stets nachgelaufen zu sein - mit teilweise katastrophalen Ergebnissen. Cherie Blair kaufte mithilfe eines verurteilten Betrügers zwei Appartements in Bristol, nahe der Universität, an der ihr ältester Sohn studierte. Die britische Presse stürzte sich auf diese Geschichte und zwang Cherie schließlich, vor Kameras eine tränenreiche Entschuldigung über dieses "Cheriegate" abzugeben. Dabei hatte sie noch nicht einmal einen finanziellen Vorteil - der Betrüger Peter Foster, der laut Tony Blair nie wirklich Zugang zur Downing Street hatte, verkaufte die Wohnungen anscheinend ziemlich überteuert an die Blair-Familie.

Pensionszahlungen reichen nicht für Schuldenabtrag

Die Blairs zahlen heute Hypotheken von insgesamt über sechs Millionen Euro ab, darunter ein Reihenhaus am vornehmen Connaught Square in London, das fast fünf Millionen Euro gekostet haben soll. Dass diese Schulden nicht mit den Pensionszahlungen eines Ex-Ministers bedient werden können, war den Blairs natürlich klar. Sie rechneten damit, dass Tony Blair als Ex-Premier mit lukrativen Lesereisen vor allem in den USA und Asien beginnen konnte.

Blair soll heute zwischen 750.000 und 1,5 Millionen Euro im Monat als Redner verdienen. Im vergangenen Jahr bekam er 350.000 Euro für einen zwanzigminütigen Auftritt in China. Außerdem hat er für seine Memoiren einen Vertrag über sechs Millionen Euro abgeschlossen - auch wenn der Verlag das Manuskript frühestens in zwei Jahren erwarten kann. Schon ohne seinen neuen Job als Berater in der Finanzwelt hat Tony Blair in den sechs Monaten seit seinem Abschied als Premier mehrere Millionen Euro verdient.

Blairer stärker eingespannt als früher

Dabei lässt er sich nur für ungefähr ein Vierteil seiner Arbeitszeit bezahlen. Den Großteil seiner Zeit verbringt Blair im Moment als Beauftrager des Nahost-Quartetts unter anderem in Israel - und bekommt kein Geld für sein Engagement, wenn man von der Übernahme der Kosten für seine Unterbringung im luxuriösen Hotel "American Colony" und den vielen Reisen absieht. Freunde von Blair sagen, dass er zurzeit sogar noch hektischer eingespannt ist als früher - er soll seine Tage um fünf Uhr morgens beginnen und selten vor Mitternacht aufhören und jettet dabei zwischen den USA, Israel, Mittlerem und Nahem Osten, Europa und Asien hin und her.

In Großbritannien sorgt die finanzielle Rundumversorgung der Blairs immer noch für Kopfschütteln. Bisher waren es konservative Ex-Premierminister, die kein Problem darin sahen, Posten in der Finanzwelt oder Industrie zu übernehmen. John Major arbeitete für das Private-Equity-Unternehmen Carlyle, Maggie Thatcher für den Tabakkonzern Philipp Morris. Dagegen ließen es Labour-Premiers eher ruhig angehen, konzentrierten sich auf die eigene Landwirtschaft und Buchverträge; einige waren auf die Großzügigkeit reicher Freunde angewiesen, die sie im Pensionsalter unterstützten.

Mit dieser Tradition scheint der New-Labour-Erfinder Blair endgültig brechen zu wollen. Angeblich will er weitere Angebote aus der Industrie annehmen - solange sie von der Kommission abgesegnet werden, die in Großbritannien die Tätigkeit ehemaliger Premiers überwacht. Die Frage ist nur, ob die Unternehmen auch wirklich das von Blair bekommen, was sie sich erwarten. Kevin Theakstone, Autor eines Buches über britische Premiers, sagte der Tageszeitung "Financial Times": "Den Banken könnte vorgeworfen werden, ihr Geld zu verschwenden. Blair wusste stets ausgesprochen wenig über Wirtschaft. Er war immer ein Mann des Überblicks, kein Premierminister der politischen Strategien."