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Fall Litwinenko: "Er war weder nervös noch ängstlich"

Verdächtiger, Zeuge oder Opfer? Dimitri Kowtun war der zweite Russe, mit dem sich Alexander Litwinenko in der Bar des Londoner Hotels "Millenium Mayfair" traf - kurz bevor der Ex-FSB-Agent zusammenbrach. Auch bei Kowtun wurde jetzt eine Vergiftung festgestellt. Zuvor konnte stern.de mit ihm sprechen.

Wie oft haben Sie Alexander Litwinenko gesehen?

Zum ersten Mal am 16. Oktober diesen Jahres, bei meinem ersten Besuch in London überhaupt. Wir waren zusammen beim Mittagessen. Das nächste Mal am 1. November. Ich kam morgens aus Hamburg, nachmittags trafen wir uns in der besagten Hotelbar.

Das war der Tag, an dem Litwinenko zusammenbrach. Erzählen Sie von dem Treffen. Was für einen Eindruck machte Litwinenko?

Er war weder nervös noch ängstlich. Ich weiß noch, dass er zu spät kam. Mein Geschäftspartner Andrej Lugowoj rief ihn mehrmals auf dem Handy an. Im Grunde hätten wir uns gar nicht sehen müssen. Was wir besprachen, wäre auch per Telefon zu erledigen gewesen. Aber Litwinenko meinte, er sei gerade in der Nähe, es würde ihm nichts ausmachen, ins Hotel zu kommen. Er trug Jeans und eine Jacke. Die Begegnung dauerte keine 30 Minuten. Nichts war ungewöhnlich.

Worüber sprachen Sie?

Über ein Meeting, das am nächsten Tag mit einer britischen Firma stattfinden sollte.

Um was für ein Geschäft ging es?

Darüber möchte ich mit Rücksicht auf unsere britischen Partner nicht reden. Wenn die Polizei mich fragt, werde ich gerne Details nennen.

Ihr Partner Andrej Lugovoj betreibt eine Sicherheitsfirma. Arbeiten Sie in derselben Branche?

Nein, im Bereich Consulting.

Welche Rolle spielte Litwinenko?

Er war ein Mittelsmann. Wenn das Geschäft, um das es ging, zustande gekommen wäre, hätte es sich für ihn gelohnt.

Können Sie sich noch erinnern, was in der Bar getrunken wurde?

Ich hatte einen Gin. Was Litwinenko trank, weiß ich nicht mehr. Bestimmt keinen Alkohol. Vermutlich haben wir ihn zu etwas eingeladen. So gehört es sich ja, wenn man Gäste empfängt.

Hatten Sie später noch Kontakt?

Litwinenko rief den nächsten Morgen gegen halb acht bei Lugowoj an. Er sagte, es ginge ihm nicht gut, er könne nicht zu dem Termin kommen. Wir mussten alles absagen.

Waren Sie geschockt, als Sie von seiner Vergiftung erfuhren?

Nicht wirklich. Ich dachte, vielleicht hat er Krebs.

Litwinenko und Andrej Lugowoj sind ehemalige FSB-Agenten. Sie auch?

Ich war nie beim FSB. Allerdings bin ich auf die gleiche Militärakademie gegangen wie Andrej Lugowoj. Später diente ich fünf Jahre als Offizier und war in Deutschland stationiert. Ich habe eine Hamburgerin geheiratet und mit ihr meine erste Firma aufgebaut, einen Service für deutsche Firmen, die auf den russischen Markt wollen. Inzwischen bin ich von meiner Frau geschieden. Zwölf Jahre lebte ich in Deutschland. 2003 bin ich nach Moskau zurück.

Was wussten Sie von Litwinenko, bevor Sie ihn das erste Mal trafen?

Nur, dass er ein alter Bekannter von Andrej Lugowoj war. Von seiner Geschichte hatte ich keine Ahnung.

Sie meinen, dass er 1999 auf einer spektakulären Pressekonferenz aufgetreten war und öffentlich bekannt gab, der FSB wolle den Oligarchen Boris Beresowski ermorden.

Das habe ich alles erst in London erfahren. Litwinenko erzählte mir, dass Beresowski ihm ein Haus geschenkt habe. Und dass er bis vor kurzem noch bei ihm im Büro angestellt war. Für 5000 Pfund im Monat. Ich fragte, kann man davon leben? Er meinte, es ging so.

Es gibt die Theorie, Beresowski hätte Litwinenko umbringen lassen. Was für einen Eindruck hatten Sie nach dem Gespräch über das Verhältnis der beiden?

In Anbetracht der gegenwärtigen Ermittlungen möchte ich auf diese Frage nicht antworten.

Interview: Andreas Albes