HOME

Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Flüchtlingspolitik - Europa, Du hast versagt

Die Tränen sind getrocknet: Um Nachahmer abzuschrecken, lässt Europa Flüchtlinge im Mittelmeer wieder ertrinken. Eine Schande.

Von Frauke Hunfeld

"In Vielfalt geeint" heißt das Motto der Europäischen Union. Dabei bekommt sie nicht einmal die Finanzierung ihrer Flüchtlingspolitik in den Griff.

"In Vielfalt geeint" heißt das Motto der Europäischen Union. Dabei bekommt sie nicht einmal die Finanzierung ihrer Flüchtlingspolitik in den Griff.

Lange keine Särge mehr abgeschritten, Europa. Lange nicht mehr um Flüchtlinge geweint. Lange nichts mehr versprochen.

Weißt Du noch, Europa? Vor gut einem Jahr ertranken zu Deinen Füßen mehr als 350 kleine und große Menschen, aus Eritrea, aus Somalia, aus Syrien, aus Libyen, die weit gekommen waren, aber nicht weit genug. Manche wurden tot aus dem Meer gefischt, manche angetrieben, manche nie gefunden. Du warst geschockt, Europa.

Deine Spitzenpolitiker schritten die Särge ab, würdige Erwachsenensärge aus dunklem Holz, und niedliche weiße Kindersärge, mit Stoffteddys darauf, die weißblau-geringelte Matrosenshirts anhatten, ausgerechnet, und rote Stoffherzen trugen.

Europa wollte sagen: Wir haben verstanden. Europa wollte sagen: Das werden wir uns nie verzeihen. Europa wollte sagen: Das wird nicht noch einmal passieren.

150.000 Menschen hat die italienische Marine seither mit der Aktion "Mare Nostrum" aus dem Mittelmeer gerettet. Doch damit ist jetzt Schluss. Europa hat die Italiener alleinegelassen. Europa kann sich nicht auf die weitere Finanzierung der Aktion verständigen. Europa fürchtet, dass immer noch mehr kommen, in der Hoffnung gerettet zu werden, wenn man die Menschen nicht ertrinken lässt. Europa kann sich zu einem menschlichen Verfahren zur Aufnahme, Verteilung und Versorgung der Flüchtlinge nicht durchringen. Europa scheucht die Verzweifelten und die Hoffenden auch nach der Ankunft in Europa weiter durch die Länder.

Europa hat Lampedusa verdrängt

Wir schützen die, die unseren Schutz benötigen, sagst Du, Europa, die Schwächsten nämlich. Dabei können es die Schwächsten gar nicht mehr schaffen. Sie sind zu schwach. Die Schwächsten sind längst verdurstet, erschossen, massakriert auf dem Weg zu uns, sie treiben im Meer vor Lampedusa, aus dem Du sie nicht mehr retten wirst, sie sind verhungert, hocken in ihren Heimatländern in irgendwelchen Bunkern. Je höher Du die Zäune baust, je tiefer Du die Gräben schaufelst, Europa, desto stärker muss man sein, um den rettenden Kontinent zu erreichen. Vielleicht willst Du das ja so, Europa, vielleicht willst Du nur die Starken, die Geschickten, die Klugen. Dann gib es wenigstens zu.

Europa hat nicht verstanden. Europa hat Lampedusa verdrängt, Europa hat die Särge vergessen. Europa hat versagt.

Das werden wir uns nie verzeihen.

Frauke Hunfeld ist Autorin im Berliner Büro des stern. Sie kann nicht begreifen, dass Europa die Harmonisierung von Staubsaugerbeuteln durchsetzen kann, aber nicht eine menschliche Flüchtlingspolitik.