HOME

Gipfel in China: Die neue Weltordnung der Schwellenländer

Die Schwellenländer demonstrierten auf ihrem Gipfel in China Geschlossenheit. Doch herrschen Rivalitäten und Misstrauen. Die Unterschiede sind groß. Allein der Wunsch nach einer neuen Weltordnung lässt die fünf Brics-Staaten zusammenrücken.

Unterschiedlicher könnten sie kaum sein: China ist die Werkbank der Welt, Russland die Tankstelle, Indien das Büro, Brasilien liefert Rohstoffe und Südafrika bietet ein Tor zum afrikanischen Kontinent. "Unser riesiges Potenzial zu bündeln, ist die große Herausforderung für uns", sagte Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh. Diese Aufgabe ist nach dem dritten Gipfel der fünf führenden Schwellenländer, die sich unter der Abkürzung Brics zusammengeschlossen haben, aber noch nicht kleiner geworden.

Geeint sind die aufstrebenden Wirtschaftsnationen vor allem in gemeinsamen Entwicklungsfragen und dem Wunsch nach einer neuen Weltordnung, doch die Differenzen überwiegen bei weitem. Die Rivalitäten sind enorm. China und Indien sind weit voneinander entfernt, streiten um Grenzen. Tief sitzt das Misstrauen. Die chinesische Unterstützung für den Feind Pakistan ist Neu Delhi ein Dorn im Auge. Indien verfolgt den wirtschaftlichen und militärischen Aufstieg des großen Nachbarn eher mit Sorge.

China und Russland wiederum kooperieren zwar eng im Energiebereich, aber haben wenig Gemeinsamkeiten - außer wenn sie ein Gegengewicht zur Supermacht USA bilden wollen. Brasilien fordert wie Indien eine stärkere Öffnung des chinesischen Marktes. Beide sehen in der unterbewerteten chinesischen Währung gegenüber dem US-Dollar ein Grundübel der Handelsungleichgewichte, was auf dem erst dritten Gipfel in Sanya auf der tropischen Ferieninsel Hainan in Südchina aber gar nicht auf den Tisch gebracht werden durfte.

Als zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Erde ist China das dominierende Schwergewicht, was die Gruppe nicht abschütteln kann. Seine Wirtschaft ist so groß wie die der anderen vier Brics-Staaten zusammen. Auffällig sind schon die Uneinigkeiten über die eigene Organisation des Clubs. Über ein gemeinsames Sekretariat konnten sie sich schon nicht einigen. Dafür soll es jetzt eine "Kontaktgruppe" geben. Und ob Mexiko, Indonesien oder die Türkei auch in den Verein geholt werden sollen, ist ebenfalls strittig.

Auch politisch könnten die Brics-Staaten nicht unterschiedlicher sein: Während Südafrika, Indien und Brasilien lebendige Demokratien sind, lässt sich das von Russland weniger sagen - ganz zu schweigen von dem diktatorischen Regime in China, das sich politisch eher in entgegengesetzte Richtung entwickelt wie wirtschaftlich. Einig ist sich der Fünfer-Club aber, dass er in der globalen Finanzreform und der neuen Weltwirtschaftsordnung ein gehöriges Wort mitreden will.

"China hofft, dass die großen Schwellenländer eine größere Stimme in der globale Wirtschaft haben werden", sagt Shi Yinhong, Professor für internationale Beziehungen an der Volksuniversität in Peking (Renmin Daxue), der dpa. Sie hätten natürlich andere Interessen als die reichen Industrienationen. "Aber die Brics-Staaten sind kein internationales Bündnis", fügt der renommierte Professor hinzu. "Deswegen haben die westlichen Länder nicht viel zu fürchten."

Auch bietet der Aufstieg der Schwellenländer den entwickelten Ländern neue Chancen. Nirgendwo auf der Welt gibt es heute soviel Wachstum. Der Anteil der Brics-Staaten an der Weltwirtschaft wird von heute 18 Prozent stetig steigen. Dafür brauchen sie Importe. Schon heute profitiert der globale Aufschwung zu 60 Prozent vom starken Wachstum der Brics-Staaten. "Unsere Kooperation ist weder gegen jemanden gerichtet, noch geht sie auf Kosten anderer", versicherte Indiens Ministerpräsident Singh in Sanya. Doch weiß auch jeder, dass sich die alte Weltordnung schon längst in Richtung Asien-Pazifik-Region verschoben hat.

Andreas Landwehr, DPA / DPA