GIs im Irak Empörung über "Besatzungsmacht"


Die irakische Bevölkerung beklagt zunehmend die "Arroganz der Besatzungsmacht". Der Grund: Milde Gerichtsurteile und zahlreiche Spenden aus den USA für Soldaten, die wegen ihrer Verbrechen im Irak vor Gericht stehen.

Seitdem der amerikanische Soldat Trent Thomas als freier Mann den Gerichtssaal verlassen konnte, wird im Irak noch mehr als sonst über die "Arroganz der Besatzungsmacht" geklagt. Der 25 Jahre alte Marineinfanterist war zwar des Mordes an einem gehbehinderten Iraker schuldig gesprochen worden. Doch nach den 520 Tagen Untersuchungshaft verhängte das Gericht in Kalifornien keine weitere Haftstrafe gegen den inzwischen aus der Armee entlassenen Mörder.

Das Urteil ist für viele Iraker, die sich schon nach dem Skandal um die Misshandlungen in dem von US-Soldaten geführten Gefängnis Abu Ghoreib über die aus ihrer Sicht zu milden Urteile der amerikanischen Militärjustiz ereifert hatten, ein weiterer Affront. Und obwohl der Streit zwischen den irakischen Parteien und die täglichen Anschläge die Nachrichtensendungen der lokalen Fernsehsender beherrschen, ist in Bagdad sehr wohl bekannt, dass neokonservative Kreise und Kirchengruppen in den USA Spenden für Thomas und andere US-Soldaten gesammelt haben, die sich wegen Verbrechen im Irak vor Gericht verantworten müssen.

"Wie ein Schlag ins Gesicht"

Das empört einige Iraker fast noch mehr als das milde Urteil. "Mit ihren Spenden für diesen Soldaten (Thomas) haben private Organisationen in den USA einen Beitrag dazu geleistet, dass Iraker getötet werden", meint der irakische Anwalt Mohammed al-Rubai (43). "Sie haben gezeigt, dass ein irakisches Menschenleben für sie nicht viel wert ist." Für die Beamtin Ibtihadsch Kader (52) aus Bagdad sind die Spendenkampagnen gar "Teil der amerikanischen Bemühungen, ihre Version dessen, was ihre Soldaten, die sie als Helden darstellen, im Irak und in Afghanistan tun, zu vermarkten."

Obgleich auch irakische Soldaten für Verbrechen, die sie bei der Invasion in Kuwait 1990 begangen haben, damals nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, empfinden die Iraker die Straffreiheit für Trent Thomas als Schlag ins Gesicht. "Diese Strafe für Thomas steht in keinem Verhältnis zu der Tat, die er begangen hat", meint der Richter Wael Abdul Latif aus Basra, der als Abgeordneter einer säkularen Partei im Parlament sitzt. Er fordert Urteile, "die abschreckend wirken, damit sich so etwas nicht wiederholt".

Psychischer Stress spielt eine Rolle

Das bislang höchste Strafmaß im Irak-Einsatz hatte im November 2006 ein US-Militärgericht gegen einen 23-jährigen amerikanischen Soldaten verhängt, der eine 14-jährige Irakerin vergewaltigt und ermordet hatte. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine jeweils 18-jährige Haftstrafe erhielten zwei Soldaten, die drei gefangene Iraker erschossen hatten und anschließend behauptet hatten, diese seien auf der Flucht getötet worden.

Dass in der Debatte in den USA auch der psychische Stress eine Rolle spielt, dem die Soldaten im Irak ausgesetzt sind, lassen die Iraker nicht gelten, vor allem diejenigen nicht, die in den Amerikanern keine Schutzmacht, sondern Besatzer sehen. Genau wie die Kriegsgegner in den USA empfinden auch sie es als Hohn, wenn Amerikaner Sachspenden für die Truppen im Irak sammeln oder wenn Geistliche dazu aufrufen, "für unsere Jungs im Irak zu beten".

Anne-Beatrice Clasmann, Kadhem al-Atabi/DPA DPA

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