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Guantánamo: Kann man das Lager einfach schließen?

Das US-Gefangenenlager Guantánamo Bay auf Kuba ist das umstrittenste Gefängnis der Welt. Es gilt als Symbol für Verstöße gegen die Menschenrechte im Feldzug des Ex-Präsidenten George W. Bush gegen den Terror. Sein Nachfolger Barack Obama will das Lager schließen - viele Fragen sind aber noch offen.

Der neue US-Präsident Barack Obama räumt konsequent mit weltweit kritisierten Methoden im Anti-Terror-Kampf auf: Nur zwei Tage nach seiner Amtseinführung verbot Obama per Dekret umstrittene Verhörmethoden wie das sogenannte Waterboarding, das Simulieren von Ertränken. Daran soll sich künftig auch der Geheimdienst CIA ohne Wenn und Aber halten müssen. Mit geheimen CIA-Gefängnissen soll ebenfalls Schluss sein. Insgesamt will Obama Medienberichten zufolge alle Praktiken im Umgang mit Terrorverdächtigen und jeden Einzelfall prüfen lassen.

Auch das schwierigste Projekt bei der Neuausrichtung der Amerikaner im Umgang mit Terrorverdächtigen ging Obama gleich nach seiner Amtsübernahme an: Die Schließung des international kritisierten Gefangenenlagers Guantánamo auf Kuba. Einer Anordnung des Präsidenten zufolge soll das Hochsicherheitsgefängnis spätestens in einem Jahr dicht gemacht werden. Doch das ist nicht so einfach. stern.de klärt auf, warum das Lager überhaupt entstanden ist, und wieso es so schwierig ist, Guantánamo wieder zu schließen.

Warum wurde Guantánamo eingerichtet?

Die Bush-Regierung hat das Lager nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eingerichtet. Den Flottenstützpunkt im Osten Kubas unterhalten die USA seit 1903. Ein 28 Kilometer langer Grenzzaun mit 44 Wachtürmen trennt Guantánamo Bay vom Rest der kommunistischen Insel. Da es sich nicht auf dem Staatsgebiet der USA befindet, konnte Washington den Insassen grundlegende Rechte verwehren. Seit Anfang 2002 werden dort vor allem mutmaßliche Taliban- oder Al-Kaida-Mitglieder festgehalten und verhört. Insgesamt waren mehr als 750 Terrorverdächtige inhaftiert. Derzeit sind es noch 245. Die USA erhofften sich von ihnen auch Hinweise auf Pläne für neue Anschläge und den Verbleib anderer Islamisten.

Was passiert mit den Häftlingen nach einer Schließung?

Terrorverdächtige sollen zum amerikanischen Festland gebracht und vor reguläre Militär- oder US-Bundesgerichte gestellt werden. Was mit denjenigen geschieht, die freizulassen sind, ist unklar. Nach bisherigen Schätzungen gilt mindestens ein Fünftel - rund 50 Häftlinge - als unschuldig. Andere Angaben sprechen sogar von 100.

Wer könnte Häftlinge aufnehmen?

US-Verteidigungsminister Robert Gates, der das Amt schon unter dem Republikaner Bush bekleidete und als Befürworter einer Guantánamo-Schließung gilt, sucht nach potenziellen Aufnahmeländern. Auch Deutschland käme dafür infrage, die Bundesregierung streitet aber darüber, ob man Ex-Häftlinge aufnehmen will. Viele Länder sind der Meinung, Guantánamo sei in erster Linie ein amerikanisches Problem, das auch von den USA gelöst werden müsste. Zudem wird vor möglichen Gefahren durch die Ex-Guantánamo-Insassen gewarnt. Laut früheren Angaben des US-Verteidigungsministeriums haben sich 61 ehemalige Guantánamo-Gefangene nach ihrer Freilassung dem Terrorismus zugewandt.

Warum kann Obama das Lager nicht von heute auf morgen schließen?

Erst muss geklärt werden, was mit entlassenen Häftlingen passiert und wie und wo weiterhin Verdächtigen der Prozess gemacht werden kann. Dabei geht es auch um wichtige Sicherheitsfragen, wenn etwa mutmaßlichen Drahtziehern der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA der Prozess gemacht werden würde. Als ersten Schritt hat Obama die Chefankläger des Verteidigungsministeriums angewiesen, bei den Militärrichtern in Guantánamo einen vorläufigen Stopp sämtlicher Terrorismus-Verfahren zu beantragen, da sie in einer juristischen Grauzone stattfinden. Binnen 120 Tagen soll nun die Frage der Prozesse geprüft werden.

Warum gibt es so viel Kritik an dem Lager?

Bush hatte betont, dass die Gefangenen keine Kriegsgefangenen, sondern "illegale Kämpfer" und "Mörder" seien. Mit dieser Begründung standen ihnen weniger Rechte zu als Kriegsgefangenen, die unter die Genfer Konventionen fallen. Seit zum Teil bis zu sieben Jahren sitzen dort Terrorverdächtige, ohne einen Prozess zu bekommen. In den Sondergerichtsverfahren haben die Angeklagten deutlich weniger Rechte als in normalen Militärprozessen. Der Verdacht auf Folterungen - unter anderem zur Erpressung von Geständnissen - hat sich zuletzt erhärtet. Die Bush-Regierung hat den Einsatz von Folter lange bestritten, jüngst aber zunehmend offen eingestanden.

Was für Folter gab es?

Unter anderem wurde das "Waterboarding" angewandt. Dabei wird ein Ertränken des Gefangenen simuliert. Zu den legalen Verhörmethoden gehörten laute Musik, grelles Licht und Schlafentzug. Der saudische Häftling Mohammed al-Kahtani, dem eine Beteiligung an den Anschlägen vom 11. September 2001 vorgeworfen wird, soll gezwungen worden sein, sich nackt vor eine Ermittlerin zu stellen oder Damenunterwäsche zu tragen. Außerdem soll ein Militärhund auf ihn gehetzt worden sein.

DPA / DPA