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stern-Reportage

Sieben Hinrichtungen in elf Tagen: Der Todes-Marathon von Arkansas

Ein Gericht stoppte die Exekutionen - vorerst: Sieben Menschen sollten im US-Bundesstaat Arkansas innerhalb von elf Tagen hingerichtet werden, weil die Haltbarkeit eines Betäubungsmittels verfällt. Begegnungen vor dem geplanten Marathon des Todes.

Ein Wärter in einem Trakt des Hochsicherheitsgefängnisses von Varner, Arkansas

Ein Wärter in einem Trakt des Hochsicherheitsgefängnisses von Varner. Hier warten die Todeskandidaten auf die Hinrichtung. Kleines Bild: In der Todeszelle von Arkansas im Cummins-Gefängnis. Nachdem der Verurteilte fixiert worden ist, wird ihm der Giftcocktail verabreicht.

Dunkle Wolken hängen über jenem Ort, an dem der US-Bundesstaat  ein Zeichen für Gerechtigkeit setzen will. Der doppelreihige Zaun, der das Varner Hochsicherheitsgefängnis umgibt, wird von messerscharfem Stacheldraht gekrönt. Rote Schilder warnen: "Achtung, Hochspannung!" Dahinter sind ein paar Insassen in schmutzig-weißen Overalls zu sehen. Ein Wachmann auf einem Turm lässt sie nicht aus den Augen. Die flachen, roten Gebäude haben keine Fenster. Links vom Eingang steht eine Kirche mit einer kleinen Kuppel. Es heißt, dass hier in letzter Zeit besonders viel gebetet wird. Die Stimmung ist nervös in Varner.

Als unser Wagen das Gelände umrundet, nimmt ein weißer Pick-up die Verfolgung auf. Am Steuer eine uniformierte Frau. "Sie müssen verschwinden! Sofort!", befiehlt sie. Auf dem Sitz neben ihr liegt ein Gewehr. Ein Insasse hätte wohl auch dann keine Chance zur Flucht, sollte er den Starkstromzaun überwinden. Bis zum Horizont ist kein Haus, kein Wäldchen zu sehen, nur karges Ackerland.

Das "Varner Supermax Prison" zählt zu den sichersten des Landes. Bis zu 1714 Straftäter sind hier eingesperrt, etwa 35 im Todestrakt. Sieben von ihnen sollten ab kommender Woche hingerichtet werden. Doch ein Bezirksrichter und ein Bundesgericht untersagten am Freitag die Exekutionen - vorläufig. Der Staat Arkansas hat Berufung gegen die Entscheidungen angekündigt. Die Zukunft der Männer bleibt ungewiss.


Der Grund für den geplanten Exekutionsmarathon ist ebenso einfach wie bizarr. In Arkansas läuft das Haltbarkeitsdatum für den Giftcocktail ab. Genauer gesagt für das Medikament Midazolam. Es wirkt ähnlich wie Valium und wird dem verabreicht, um ihn einzuschläfern. Anschließend injiziert man ihm ein Mittel, das die Atmung lähmt, und ein weiteres, das zum Herzstillstand führt. Das Arkansas-Midazolam wurde 2015 hergestellt und darf nur noch bis Ende April verwendet werden. Neues zu beschaffen ist derzeit unmöglich. Denn Pharmakonzerne auf der ganzen Welt weigern sich, Bestandteile des Giftcocktails in die USA zu liefern. Die EU verhängte 2011 ein Exportverbot.

Dass die Verurteilten nicht früher exekutiert wurden, liegt daran, dass die Verwendung von Midazolam 2014 von US-Behörden gestoppt wurde. Das Mittel hatte bei einer in Oklahoma möglicherweise versagt. Clayton Lockett, ein Mörder und Vergewaltiger, riss plötzlich Mund und Augen auf. 43 Minuten kämpfte er mit dem Tod. Es war nicht die erste Exekution, bei der ein Betäubungsmittel nicht wie geplant wirkte.

Daraufhin zogen zum Tode Verurteilte vor Gericht. Gegner der Todesstrafe führten an, so zu sterben sei inhuman und nicht mit Gesetzen und Verfassung in Einklang zu bringen. Befürworter argumentierten, nicht die Medikamente seien schuld, sondern das medizinische Gefängnispersonal hätte die Injektionsnadel falsch gesetzt.

Arkansas: Der Gouverneur, die Umstände

Nach langem Rechtsstreit machte der Supreme Court von Arkansas den Weg für die Verwendung von Midazolam im Februar wieder frei. Gouverneur , 66, ein strammer Konservativer, zögerte nicht und setzte die Hinrichtungstermine fest. "Mir wäre es ja auch lieber, sie über mehrere Monate zu verteilen", sagte er. "Aber das sind nun einmal nicht die Umstände, mit denen ich es zu tun habe."

Rechtsanwalt Jeff Rosenzweig sieht aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Seine Augen sind rot, weiße Stoppeln sprießen auf dem Kinn. Rosenzweigs alte Kanzlei in Little Rock, der Hauptstadt von Arkansas, ist mit abgenutzten Möbeln eingerichtet. Akten türmen sich auf Fußboden, Sesseln und Stühlen. "Anstrengende Zeiten", sagt er und sucht zwischen den Papierstapeln nach seiner Kaffeetasse.

Rosenzweig studierte einst in Princeton und wurde mehrfach zum besten Strafverteidiger des Jahres gekürt. Er ist entschiedener Gegner der Todesstrafe. Während seiner 35-jährigen Karriere hat er 20 Hinrichtungskandidaten verteidigt. "Doch so was …", sagt er und schüttelt den Kopf, "so was habe ich noch nie erlebt."

Todeskandidaten in Arkansas

Links: Stacey E. Johnson, 47, zum Tode wegen Mordes verurteilt: 1994; rechts: Ledelle Lee, 51, zum Tode wegen Mordes verurteilt: 1995


Gleich drei der Verurteilten gehören zu seinen Mandanten. Rosenzweig vertritt sie seit über zehn Jahren. "Natürlich sehe ich in ihnen die Menschen und nicht nur die Kriminellen. Sie haben Schreckliches getan. Dennoch ist es falsch, sie zu töten. Es ist eines zivilisierten Staates unwürdig." Rosenzweig beklagt, mit welcher Willkür in den USA die Höchststrafe verhängt wird. "Wer leben darf oder sterben muss, ist pure Auslegungssache von Staatsanwälten, Richtern, Jury. Und vor allem: Wir erleben immer wieder Fehlentscheidungen." Seit den 70er Jahren wurden 157 Menschen als unschuldig aus der "Death Row", dem Todestrakt, entlassen. Die US-Akademie der Wissenschaften geht davon aus, dass die Quote der Fehlurteile in Wahrheit doppelt so hoch ist.

Der erste von Rosenzweigs Klienten, dem die Exekution droht, ist Stacey Johnson: am 20. April um neun Uhr abends. Der 47-jährige Schwarze wird beschuldigt, 1993 eine junge Mutter ermordet zu haben. Doch er bestreitet die Tat. "Es gibt massive Zweifel an den DNA-Beweisen gegen ihn", sagt Rosenzweig. "Und wir wissen, dass die Staatsanwaltschaft entlastendes Material zurückgehalten hat. Das Verfahren müsste völlig neu aufgerollt werden. Sogar die Schwester des Opfers ist inzwischen dafür, Johnsons Strafe in ,lebenslänglich' umzuwandeln."

Todeskandidaten in Arkansas

Links: Jack Harold Jones, 52, zum Tode wegen Mordes verurteilt: 1996; rechts: Marcel Williams, 46, zum Tode wegen Mordes verurteilt: 1997


Jack Harold Jones, ein 52-jähriger Weißer, soll am 24. April sterben. Er vergewaltigte und tötete in den 90er Jahren zwei Frauen. Die elfjährige Tochter eines seiner Mordopfer fesselte er und schlug sie mit einer Pistole halb tot. Jones war bereits vor dem Mord in psychiatrischer Behandlung. In der Death Row versuchte er mehrmals, sich umzubringen. Heute hat er schwere Diabetes und sitzt im Rollstuhl. Über ihn sagt Rosenzweig: "Er hat längst aufgegeben, um sein Leben zu kämpfen. Es war seine Schwester, die ihn noch einmal überredete, ein Gnadengesuch einzureichen."

Kenneth Williams' Hinrichtung ist für den 27. April angesetzt. Williams, 38, hat zwischen 1998 und 1999 vier Menschen getötet, unter ihnen ein Cheerleader-Mädchen der University of Arkansas. Er hat seine Taten nie geleugnet und während seiner Haftzeit freiwillig einen Mord gestanden, den die Polizei ihm nicht zugerechnet hatte. Williams ist mit den Jahren tief religiös geworden. Rosenzweig: "Er ist von den dreien der stabilste."

Derzeit fährt der Anwalt mehrmals pro Woche ins anderthalb Stunden entfernte Gefängnis von Varner. Seine Klienten haben Einzelzellen, wie im Todestrakt üblich. Dort verbringen sie ihren gesamten Alltag, waschen sich, essen, lesen, hören CDs oder schauen fern. Seit Kurzem können sie über ein kleines Gerät E-Mails empfangen, die zuvor vom Wachpersonal gelesen wurden. Angebote zu arbeiten gibt es nicht. Wer Hofgang will, darf in einen kleinen Freiluftkäfig. Aber die wenigsten haben Lust dazu.

Todeskandidaten in Arkansas

Links: Don William Davis, 54, zum Tode wegen Mordes verurteilt: 1992; rechts: Bruce Earl Ward, 60, zum Tode wegen Mordes verurteilt: 1990


Todestrakte in den USA sind so ausgelegt, dass die Gefangenen streng voneinander isoliert sind. Denn eigentlich sollen die Urteile ja möglichst schnell vollstreckt werden. Tatsächlich aber liegt die Wartezeit bei 16 Jahren. Viele Insassen werden in der Einsamkeit verrückt. Weit mehr sterben eines natürlichen Todes als durch den Henker.

Sollten die Hinrichtungen in Arkansas wie geplant stattfinden, werden sie drei Meilen weiter im alten Cummins-Gefängnis durchgeführt. Dort waren Todeskandidaten bis in die 80er Jahre untergebracht. Dann wurde das neue Supermax Prison gebaut, doch den Exekutionstrakt beließ man aus Kostengründen, wo er war. Er wird Todeshaus genannt. Die Zellen liegen nur wenige Meter entfernt von der Hinrichtungskammer mit der schmalen Liege, auf die man die Delinquenten schnallt, um ihnen das Gift zu injizieren. Hier nehmen sie ihre letzte Mahlzeit ein und verabschieden sich von ihren Angehörigen.

Zeugen dringend gesucht

Die letzte Hinrichtung in Arkansas fand vor zwölf Jahren statt. Die Anwälte der sieben Todeskandidaten befürchten, dass es bei dem Exekutionsmarathon zu Pannen wie in Oklahoma kommen könnte, weil das Personal aus Varner als extrem unerfahren gilt. Viele arbeiten nur vorübergehend in dem Hochsicherheitsgefängnis, weil der Verdienst zu schlecht ist: durchschnittlich knapp 22 000 Dollar pro Jahr. Ein Großteil der 338 Angestellten lebt in Trailer-Parks, wo die Häuser aus mehreren Wohnwagen zusammengesetzt sind. Die meisten dieser Siedlungen liegen in der Nähe der Haftanstalt; nach Little Rock, zur nächstgrößeren Stadt, sind es vom Gefängnis aus 80 Meilen.

Zur größten Sorge der Organisatoren gehört derzeit, genug Zeugen für alle Exekutionen zu finden. Das Protokoll verlangt, dass "nicht weniger als sechs respektable Bürger" anwesend sind. Gefängnisdirektorin Wendy Kelley wurde deshalb schon beim Rotary Club von Little Rock vorstellig. Die Mitglieder brachen bei ihrem Auftritt kurz in Lachen aus, dann begriffen sie, dass Kelley es todernst meinte.

Todeskandidat in Arkansas

Kenneth Williams, 38, zum Tode wegen Mordes verurteilt: 2000


Doch das Problem dürfte lösbar sein. Wie in allen Südstaaten der USA ist die Zustimmung in Arkansas für die Todesstrafe groß: 61 Prozent. Landesweit allerdings nimmt ihre Popularität ab. 2013 wurde sie in Maryland abgeschafft, 2016 in Delaware für verfassungswidrig erklärt. Geblieben sind 31 Bundesstaaten, die vergangenes Jahr 20 Menschen hinrichten ließen. So wenige wie seit Jahrzehnten nicht. Ob dieser Trend allerdings anhält, ist umstritten. Die Hast und die Gnadenlosigkeit in Arkansas jedenfalls weisen in eine andere Richtung.

Michael Mitchell erscheint zum Interview im gestärkten Hemd und mit einer Aktenmappe, in der die Stifte nach Farben geordnet sind. 30 Jahre war er Gefängniswärter in verschiedenen Bundesstaaten, viermal gehörte er zu einem Exekutionsteam. Seit er in Pension ist, reist er herum und redet darüber, wie sinnlos es ist, Menschen hinzurichten. Während er noch im Dienst war, wusste nicht einmal seine Frau die ganze Wahrheit über seinen Job. "Ich war nie stolz darauf", sagt er. "Man wird vom Gefängnisdirektor ausgewählt. Deshalb macht man es."

Mitchell erzählt, dass es schon immer schwierig war, das Gift für die tödliche Injektion aufzutreiben. "Einmal wurde ich in meinem Privatwagen losgeschickt. Ich bekam eine Stahlkiste und drei geheime Adressen. Von denen musste ich eine nach der anderen abfahren. Die Exekutionen selbst fanden in einer sehr sakralen Atmosphäre statt. Am Ende standen alle schweigend da und warteten auf das stumme Nicken des Gefängnisdirektors. Dann wurde der Knopf für die Injektion gedrückt."

Weinende Staatsanwälte

Jedes Mal wuchsen seine Zweifel. Er hat Staatsanwälte erlebt, denen bei ihrer ersten Exekution Tränen in den Augen standen, obwohl sie vorher noch so stolz waren, dass der Angeklagte die Höchststrafe bekam. "Noch schlimmer war es für die Angehörigen der Opfer. Die erhoffen sich, endlich Frieden durch Genugtuung zu finden. Stattdessen mussten sie das traumatische Erlebnis verarbeiten, Zeuge eines Todes geworden zu sein. Ich habe jedem das Entsetzen angesehen."

Doch Mitchell glaubt, dass man das Pro-Todesstrafen-Lager in den USA mit ethischen Bedenken nie überzeugen wird. "Ich argumentiere mit den Kosten." Dann rechnet er vor, dass jeder Gefangene in der Death Row den Staat dreimal teurer kommt als ein zu "lebenslänglich" Verurteilter: 150.000 Dollar statt 50.000 Dollar pro Jahr. Inzwischen warten in den USA fast 3000 Menschen auf ihre Hinrichtung.

Anzahl Hinrichtungen in den USA seit 1976

Seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 wurden in den USA fast 1500 Menschen hingerichtet, in den vergangenen Jahren nahm die Anzahl stetig ab.


Todesstrafen-Grafik USA

In 31 US-Bundesstaaten wird die Todesstrafe noch vollzogen. Immer mehr Staaten schaffen sie ab oder haben einen Stopp der Hinrichtungen angeordnet, etwa wegen anhängiger Gerichtsverfahren. Quelle: Death Penalty Information Center

Es ist Mittwochvormittag vor dem Bezirksgericht von Little Rock. Eine Gnadenanhörung ist anberaumt. Anwalt Jeff Rosenzweig erscheint wie immer im letzten Moment. Er sieht kaum ausgeschlafener aus als tags zuvor. Der Saal ist riesig. Richter D. P. Marschall nimmt auf seiner Empore vor einer Wand aus grünem Marmor Platz und blickt geduldig auf das Heer von Juristen, das zu seinen Füßen an schweren Holztischen sitzt. Beide Parteien sind in Mannschaftsstärke angetreten. Links die Vertreter des Staates Arkansas, rechts die Anwälte der Verurteilten. Die Feindseligkeit ist zum Greifen nah. Zur Eröffnung sagt ein Staatsanwalt: "Das Volk von Arkansas hat es verdient, dass endlich Gerechtigkeit geschieht." Rosenzweig schüttelt den Kopf.

Zuschauer sind kaum anwesend. Der Kampf um Leben und Tod ist vor Gericht meist ein sehr bürokratischer. Die Verurteilten werden dazu in den seltensten Fällen geladen. Vor jeder Hinrichtung gibt es Dutzende solcher Verhandlungen. Bis zum letzten Tag. Heute geht es darum, ob bei der übereilten Festlegung der Hinrichtungstermine alle Fristen eingehalten wurden. Paragrafen, Vorschriften, Sonderund Ausnahmeregelungen werden diskutiert. Der Vorsitzende des Strafprüfungsausschusses steht vier Stunden lang im Zeugenstand. Keine fünf Minuten vergehen, ohne dass eine der beiden Seiten Einspruch erhebt. "Der kleinste Verstoß könnte entscheidend sein", erklärt Rosenzweig.

Am späten Nachmittag wird die Verhandlung schließlich vertagt. Für Jeff Rosenzweigs Mandanten sieht es nicht gut aus. Lediglich Kenneth Williams' Hinrichtung wurde womöglich drei Tage zu früh festgesetzt. Könnte ihn das retten? "Vielleicht", antwortet Rosenzweig. Die Zweifel sind ihm anzusehen. Er steht vor dem Gerichtsgebäude und blinzelt in die Sonne. Und wenn nicht? Ist er darauf vorbereitet, alle drei Männer in den Tod zu begleiten? "Bereit ist man dazu nie", sagt er. "Aber wenn man so ein Mandat annimmt, bleibt man dabei. Bis zum Schluss. Das ist wie ein Pakt mit dem Tod."

Übernommen aus dem aktuellen stern: