Hongkong Eine Metropole duckt sich


Seit elf Jahren gehört das quirlige Hongkong wieder zu China. Und eigentlich haben die Machthaber in Peking Wort gehalten. Sie haben die Justiz zufrieden gelassen. Und die Presse. Harsche Gesetze gibt es nicht. Und dennoch hat sich die Stadt im Sinne der Chinesen verändert. Schleichend, fast heimlich.
Von Jan-Philipp Sendker, Hongkong

Es sind die kleinen Geschichten, die erzählen, wie sich diese Stadt in den vergangenen Jahren verändert hat. Die Geschichte von Derrick Tang zum Beispiel. Früher war Derrick ein sehr optimistischer Mensch. Er besaß mit seiner Frau eine Eigentumswohnung, er fuhr einen komfortablen Wagen und hatte einen gut bezahlten Job bei einem Schweizer Versicherungskonzern.

Er interessierte sich für Fußball, Aktien und seine drei Kinder. Für Politik interessierte er sich nicht. Mit China, der Heimat seiner Vorfahren, wusste der 46-jährige nicht viel anzufangen. Es war nur wenige Kilometer entfernt und schien doch unendlich weit weg. Wenn er mit seiner Familie Urlaub machte, fuhr er nach Japan. Nach Amerika. Europa. Nicht nach China.

Der Rückgabe seiner Heimatstadt sah er, wie die meisten Bewohner, mit gemischten Gefühlen entgegen. Hätte man ihn gefragt, er wäre lieber unter britischer Herrschaft geblieben, aber ihn fragte ja niemand. Hongkonger wurden in politischen Dingen noch nie nach ihrer Meinung gefragt. Es war nicht zu ändern und würde schon gut gehen. Irgendwie ist es in Hongkong immer gut gegangen.

Seinen Job macht ein Chinese aus der Volksrepublik

Heute besitzt Derrick Tang kein Auto mehr. Auch keine Eigentumswohnung. Sein Job ist ihm ebenfalls abhanden gekommen. Den macht jetzt ein Chinese in der Volksrepublik.

"Wirtschaftlich geht es Hongkong heute schlechter als vor elf Jahren, besonders der Mittelklasse", klagt er. "Die Aktienkurse steigen, die Einkommen sinken." Schuld daran sei die Globalisierung, die auch in Hongkong die Unternehmen zwinge zu sparen und Arbeitsplätze ins billigere China auszulagern. Er selbst hat nun einen schlecht bezahlten Job in einer kleinen Im- und Export-Firma.

Die Regierung in Peking macht er für die Misere jedoch nicht verantwortlich. Im Gegenteil. Er ist zwar kein Optimist mehr, dafür aber zum überzeugten Patrioten geworden. Derrick spricht plötzlich von China als "Mutterland". Er ist stolz auf dessen über fünftausendjährige Geschichte, liest Bücher darüber und bewundert den Aufstieg zur Weltmacht. "Wenn uns überhaupt jemand helfen kann, dann China", glaubt er. Als vor einigen Wochen die olympische Fackel durch die Stadt getragen wurde stand Derrick Tang am Straßenrand. Er trug ein rotes T-Shirt und schwenkte die chinesische Flagge.

"Hongkonger sind pragmatische Opportunisten. Wir kennen keine wirklichen Werte", sagt Helena Kwong. "Die Menschen interessieren sich nur für drei Dinge: Shoppen. Mode. Geld." Wir sitzen in einem Cafe in einem großen Einkaufszentrum in Kowloon Tong. Die 29-jährige Wissenschaftlerin arbeitet als Assistentin an der Hongkonger Universität. Sie beobachtet einen schleichenden Wandel in der Stadt und versucht, ihn an einem Beispiel zu beschreiben: "An der Uni haben wir immer mehr Studenten aus der Volksrepublik. Die bringen mehr Geld, weil sie höhere Studiengebühren zahlen müssen. Mit ihrer Zahl wächst aber auch ihr Einfluss auf unsere Diskussionen", erklärt sie. "Die können mit Kritik an China überhaupt nicht umgehen. Sie fühlen sich sofort angegriffen. Sie glauben, wer sein Land liebt, der kritisiert es nicht. Als ich studierte, haben wir über alles offen diskutiert. Dazu braucht man heute Mut. Furchtbar." Sie schweigt für eine Weile und nippt nachdenklich an ihrem Tee.

Es werde sich am bisherigen Lebensstil nichts ändern

"Ein Land, zwei Systeme", hatte der chinesische Führer Deng Xiaoping den Hongkongern vor der Rückgabe ihrer Stadt an die Volksrepublik am 30. Juni 1997 versichert. Es werde sich am bisherigen Lebensstil nichts ändern.

Elf Jahre später beharrt Peking darauf, sein Versprechen gehalten zu haben. Die politischen Rechte blieben weit gehend unangetastet. Die Religions- und Versammlungsfreiheit wurde nicht eingeschränkt. Anhänger der in China unterdrückten Falun Gong Bewegung müssen keine Verfolgung fürchten. Noch immer können zehntausende von Hongkongern jedes Jahr am 4. Juni problemlos der Opfer der blutigen Unruhen auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 gedenken. Wer das in Shanghai oder Peking wagt, verbringt Jahre im Arbeitslager.

Das Justizsystem der ehemaligen britischen Kronkolonie gilt nach wie vor als politisch unabhängig und nicht korrupt. Ebenso die Polizei. Beides kann man von diesen Institutionen in der Volksrepublik nicht behaupten.

Eine Zensur wie in China gibt es nicht. Die Presse - und Meinungsfreiheit wurde juristisch nicht eingeschränkt. Sonderlich kritisch oder investigativ sind die Medien trotzdem nicht. Die Mehrzahl gehört Konzernen, die Milliarden in China investiert haben und es sich nicht wegen zu negativer Berichterstattung mit den Machthabern dort verscherzen wollen. Aber es gibt auch Ausnahmen und die gehören zu den auflagenstärksten Zeitungen und Zeitschriften der Stadt. Jeder der sich frei und unabhängig informieren möchte, kann das in Hongkong weiterhin ohne Schwierigkeiten.

Wer nach dem Einfluss Chinas sucht, wird ihn kaum in neuen Gesetzen und Verordnungen finden. Trotzdem ist er nicht zu übersehen. Über eine halbe Millionen Menschen sind seit 1997 aus der Volksrepublik in die Stadt gezogen, die gleiche Anzahl pendelt zwischen Hongkong und China. In Geschäften, Lokalen, der U-Bahn wird mehr und mehr Mandarin gesprochen. Mehr als eine Million Chinesen kommen im Monat als Besucher nach Hongkong - und hinterlässt ihre Spuren.

Hunderte von Touristen starren eine Flagge an

Es ist kurz vor 18 Uhr, die Sonne steht bereits tief über der Stadt und taucht den Hafen und die Skyline in ein rötlich-warmes Licht. Auf der Uferpromenade vor dem Kongresszentrum in Wan Chai warten hunderte von Touristen aus der Volksrepublik darauf, dass sechs Polizisten feierlich die Flaggen Chinas und Hongkongs einholen.

Ein paar Schulklassen sind da, Studenten, Reisegruppen, Familien mit kleinen Kindern. Gerade noch rechtzeitig trifft eine Delegation von Funktionären aus Wuhan ein. Die Männer sehen aus, als hätten sie an einem Imitatoren-Wettbewerb für den Staatspräsidenten Hu Jintao teilgenommen: Der gleiche Haarschnitt, die gleiche Brille, der gleiche schlecht sitzende Anzug. Sie zücken ihre Digitalkameras und stellen sich in Position.

Die tägliche Fahnenzeremonie gehört zu den Höhepunkten ihres Besuchs. Für Chinesen hat dieser Ort große symbolische Bedeutung: im Kongresszentrum fanden am 30. Juni 1997 die Übergabefeierlichkeiten statt, an dieser Stelle wurde die britische Fahne zum letzten Mal eingeholt, die chinesische zum ersten Mal offiziell gehisst. Hier bestieg der letzte Gouverneur bei strömendem Regen die königliche Yacht und fuhr hinaus aufs Meer. Seitdem weht die rote Flagge über der Stadt und ist eines der beliebtesten Fotomotive der Touristen aus China. Als könnten sie es immer noch nicht recht glauben.

"Wir haben die Bilder schon im Fernsehen gesehen"

"Wir haben die Bilder vom Einholen der Fahne schon oft im Fernsehen gesehen", erklärt eine junge Frau, die mit ihrer Freundin im Schatten einer Palme wartet. "Jetzt wollen wir einmal dabei sein." Die beiden arbeiten als Kosmetikverkäuferinnen in der angrenzenden Provinz Guangdong und kommen einmal im Jahr zum Einkaufen nach Hongkong. Sie sind, sagen sie wie aus einem Mund, schon sehr stolz darauf, dass die Stadt jetzt wieder zu China gehört.

Die jungen Frauen verbringen die Hälfte ihres Jahresurlaubs hier und geben in den fünf Tagen 3000 Yuan, umgerechnet rund 300 Euro, aus. Die Ersparnisse der vergangenen zwölf Monate. Was gibt es hier, was es in China nicht gibt? "Nichts. Aber hier sind wir sicher, dass die Sachen die wir kaufen echt und nicht gefälscht sind."

Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann, klein und rundlich, zieht seine Baseballmütze tief ins Gesicht und betrachtet die Szene mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck. Er heißt Kent Lee, ist Hongkonger und hat Verwandte aus der Volksrepublik zu Besuch, die unbedingt hierhin wollten. Die Polizisten marschieren im Stechschritt heran. Holen mit langsamen Bewegungen die Fahnen ein. Die Chinesen fotografieren. Kent wendet sich ab.

"Sie waren Bauern für uns. Arm."

"Früher haben wir auf die Chinesen herab geschaut", sagt er. "Sie waren Bauern für uns. Arm. Unterdrückt. Unzivilisiert." Er guckt sich um, ob auch niemand sonst seine Worte hört. "Nun blicken wir zu ihnen auf. Die haben soviel Geld, ich verstehe das nicht. Sie kaufen eine Uhr für 100.000 Hongkong-Dollar ohne mit der Wimper zu zucken. 8100 Euro. Wir sind von China abhängig. Spätestens seit Sars gibt es niemanden mehr in der Stadt, der das nicht begriffen hat."

Der Ausbruch der Lungenkrankheit im Frühjahr 2003 war ein Wendepunkt. Fast zweitausend Menschen erkrankten damals in Hongkong, knapp dreihundert starben. Wochenlang wusste niemand, ob sich Sars zu einer tödlichen Seuche ausweiten und einem Massensterben führen würde. Der Schulunterricht fiel aus, viele Restaurants und Geschäfte mussten schließen, die Besucherzahlen brachen ein. Viele der sonst ausgebuchten Hotels hatten eine Belegrate von unter zwanzig Prozent, Hongkong stand am Rand einer schweren Wirtschaftskrise. China rettete die Stadt.

Es vergab großzügig Touristenvisa und seither kommen im Monat über eine Million Besucher aus der Volksrepublik. Sie geben pro Kopf kaum weniger aus als Amerikaner oder Europäer. Hotels, Restaurants, Einkaufspassagen sind voller denn je. Je teurer und exklusiver, desto besser die Umsätze.

Hongkongs Entwicklung ist heute untrennbar mit der in China verbunden. Als im vergangenen Jahr die Regierung in Peking andeutete, dass in Zukunft ihre Staatsbürger an der Hongkonger Börse investieren könnten, stieg der Hang Seng Aktienindex um vierzig Prozent und erreichte neue Höchststände.

Die Einsicht in die Abhängigkeit von Peking, hat die Stadt mehr verändert, als es Gesetze vermocht hätten. "Es ist ein sehr subtiler Prozess, den die meisten wahrscheinlich gar nicht bemerken", glaubt Helena Kwong. Sie organisiert in ihrer Freizeit unter anderem Workshops in Schulen, die sich mit den Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 beschäftigen. Die Einladungen werden immer seltener. Schulleitern fehlt der Mut politisch sensible China-Themen im Unterricht zu behandeln.

Schwer, noch china-kritische T-Shirts zu produzieren

Als sich kürzlich eine Schülerin über den Workshop beschwerte, sollte Helena sich entschuldigen und klar stellen, dass sie unter keinen Umständen die patriotischen Gefühle der Schüler habe verletzen wollen.

Wenn Helenas Organisation china-kritische T-Shirts, Poster, Anstecker oder Schlüsselanhänger produzieren lassen will, wird es immer schwieriger Hersteller zu finden, die den Auftrag annehmen. "Die meisten haben Angst, dass sie deswegen irgendwann Probleme bekommen könnten. Es ist ein vorauseilender Gehorsam und dafür bedurfte es keiner neuen Gesetze. Das ist nicht mehr die Stadt, in der ich aufgewachsen bin."

Es sind die kleinen Geschichten, die erzählen, wie sich Hongkong in den vergangenen Jahren verändert hat.


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