Irak Entführen, kassieren, umbringen


Im Irak gehören Entführungen zum traurigen Alltag. Wer nur zahlen muss und überlebt, hat noch Glück gehabt. Denn die verschiedenen Gangster-Gruppen machen bei ihrem grausamen Geschäft nun gemeinsame Sache - und die Polizei steckt oft mit ihnen unter einer Decke.
Von Susanne Fischer

Die Ehefrau eines irakischen Arztes und ihr Sohn sind mutmaßlich in Bagdad aus ihrem Haus heraus entführt worden. Dass in Deutschland darüber berichtet wird, hat nur einen Grund: Mutter und Sohn haben einen deutschen Pass. Der Vorgang an sich jedoch ist trauriger Alltag in der irakischen Hauptstadt.

Opfer sind oft Iraker

Auch wenn man in Deutschland nur noch selten Gefangene in orangefarbenen Overalls und mit verbundenen Augen neben vermummten, bewaffneten Männern im Fernsehen vorgeführt bekommt: Die Entführungsindustrie ist, neben Schmuggelgeschäften aller Art, einer der florierendsten Geschäftszweige im Irak. Regelmäßig werden Lösegelder von einigen tausend Dollar bis hin zu sechsstelligen Summen gezahlt. Die Opfer sind vor allem Iraker, die aus ihren Häusern heraus, auf dem Weg zur Arbeit, aus dem Auto entführt werden, oft am hellichten Tag.

Nach vorsichtigen Schätzungen werden allein in Bagdad jeden Tag zwischen fünf und 30 Iraker entführt, die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher, da die meisten Fälle den Behörden gar nicht erst gemeldet werden.

Schlagzeilen in Europa machen aber in der Regel nur Entführungen von Ausländern und auch da zuvorderst jene Fälle, in denen die - britischen, amerikanischen, kanadischen oder europäischen - Geiseln beim Fernsehsender al-Dschasira vorgeführt werden. Über die Schicksale chinesischer Bauarbeiter, türkischer Lastwagenfahrer oder iranischer Pilger, die im Irak verschwinden, wird kaum berichtet. Manche kommen, gegen Lösegeldzahlungen ihrer Familien, frei; andere werden irgendwann tot am Straßenrand gefunden.

Zwei Gruppen von Entführer

Bei den Entführungen von Ausländern lassen sich grob zwei Gruppen unterscheiden: jene, die von vornherein nur Lösegeld erzielen wollen, und jene, die die meist westlichen, ausländischen Geiseln zur Übermittlung einer Botschaft oder zur politischen Erpressung nutzen wollen. Wobei auch hier letztlich Lösegeld oft eine entscheidende Rolle spielen kann.

In der Vergangenheit kam es zwischen den beiden Gangster-Gruppen häufig zu einer Art Kooperation: Kriminelle Banden übernahmen das Ausspähen potenzieller Opfer, brachten die Geisel in ihre Gewalt und verkauften sie dann, oft über mehrere Zwischenhändler, an terroristische Gruppen wie den irakischen Zweig von al-Kaida.

Die Lösegelder wiederum dienen auch zur Finanzierung neuer Anschläge, weshalb offiziell die meisten Regierungen jegliche Lösegeldzahlung ablehnen und stets dementieren. Einem Geheimbericht der amerikanischen Regierung zufolge, über den im vergangenen Jahr die "New York Times" berichtete, erwirtschaften bewaffnete irakische Gruppen rund 36 Millionen Dollar im Jahr durch Entführungen.

Spektakuläre Fälle, in denen ausländische Regierungen mutmaßlich mehrere Millionen Dollar Lösegeld gezahlt haben, sind seltener geworden, vor allem wohl, weil es immer weniger westliche Ausländer im Irak gibt und jene, die geblieben sind, nur noch im Schutz schwerbewaffneter Leibgarden unterwegs sind.

Das Risiko für Iraker aber ist unverändert hoch - oder, durch die zunehmende Anarchie in Bagdad, sogar noch gewachsen.

Da sind zum einen die kriminellen Banden, die selbst von Durchschnittsfamilien mehrere tausend Dollar Lösegeld erpressen, indem sie ein Familienmitglied entführen. Häufig wählen sie Kinder als Opfer, weshalb viele Eltern ihre Kinder nicht mehr zur Schule und nicht unbegleitet aus dem Haus gehen lassen. Normalverdiener kommen bisweilen mit der Zahlung einiger tausend Dollar davon; Geschäftsleute, Ärzte und andere Mittelschichtsiraker müssen hingegen mit Forderungen in Höhe mehrerer zehntausend Dollar rechnen, um ihre Liebsten wiederzubekommen.

Oft wissen die Entführer erstaunlich gut Bescheid über die wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Opfer, was viele Iraker vermuten lässt, dass die Täter entweder aus ihrem näheren Umfeld kommen oder sie, vielleicht mit Hilfe von Nachbarn oder entfernten Bekannten, über einen längeren Zeitraum gezielt ausspioniert haben. Ein kurdischer Geschäftsmann aus dem nordirakischen Khanakin, der in Bagdad mehrere Geschäfte für Elektronikwaren betreibt, wurde vor anderthalb Jahren entführt, brutal misshandelt und schließlich gegen die Zahlung von 110.000 Dollar freigelassen. Die Entführer, erzählte er, hätten genau gewusst, welche Geschäfte ihm gehörten, mit wem er Handel betrieb und wie vermögend er war. Seine Familie verhandelte direkt mit den Entführern, ohne die Behörden einzuschalten, aus Angst um sein Leben.

Dies ist kein Einzelfall. Viele Betroffene gehen auch deshalb nicht zur Polizei, weil sie fürchten, diese könnte mit den Kidnappern gemeinsame Sache machen oder gar hinter der Entführung stecken. Immer wieder berichteten Augenzeugen, dass an Entführungen Männer in Polizeiuniformen und in Polizeiautos beteiligt gewesen seien. In einigen Fällen mögen diese gestohlen oder gefälscht gewesen sein. Inzwischen aber hat das irakische Innenministerium mehrere tausend Polizeibeamte und Mitarbeiter entlassen und einige Dutzend sogar verhaftet, weil sie im Verdacht stehen, an Entführungen beteiligt gewesen zu sein.

Lösegeld für die Polizei

Auch der kurdische Geschäftsmann berichtete Verstörendes über die Rolle der Polizei. "Einmal hielt mir einer der Entführer ein Telefon hin und sagte: Hier, die Polizei, willst du mit ihnen reden? 30.000 Dollar vom Lösegeld sind für die."

Es mag zynisch klingen, aber jene Iraker, die in die Hände krimineller, auf Lösegeld erpichter Gangster fallen, haben noch Glück im Unglück. Denn ihre Chancen, lebend davonzukommen, sind deutlich höher als die jener, die von einer der zahlreichen Milizen entführt werden. Ärzte, Professoren, Akademiker aller Richtungen, die oft eines gemeinsam haben - sie sind Sunniten und waren früher Mitglieder der herrschenden Baath-Partei -, werden häufig nur mit einem Ziel entführt: sie umzubringen.


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