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Wegen zu extremer Urteile Islamischer Staat richtet eigenen Richter hin


Angst vor dem Fanatismus in den eigenen Reihen? IS-Richter Abu Jafar al Hattab erklärte zuletzt so gut wie jeden zum Ungläubigen. Doch sein Eifer wurde selbst der IS-Führung um al Baghdadi zu viel.

Selbst im Islamischen Staat scheint es Grenzen des Extremismus zu geben. Vor rund zwei Wochen startete eine Säuberungsaktion gegen eine Reihe allzu beflissener Führer. Mindestens sechs Verantwortliche der Bereiche Sicherheit und Gerichtsbarkeit wurden Ende Februar festgenommen und bestraft - wegen allzu exzessiver Anwendung von Exkommunizierungen, die im Islam "Takfir" genannt werden.

Eins der prominentesten Opfer ist Abu Jafar al Hattab, ein gebürtiger Tunesier, der als besonders fanatischer Hardliner galt. Er geriet ins Visier, nachdem er die Mitglieder der IS-Konkurrenz von der "Islamischen Front" und der Freien Syrischen Armee als abtrünnig und damit für vogelfrei erklären lassen wollte. Der ebenfalls verhaftete Abu Musab al Tunisi schlug vor, selbst al-Kaida-Chef Aiman al Sawahiri zum "Kafir", zum Ungläubigen machen zu wollen.

Obwohl IS und al Kaida Differenzen haben, ging dieses Vorhaben offenbar selbst der IS-Führung zu weit. Kurzerhand ließ sie al Hattab, als Verantwortlichen der "Takfir"-Liste hinrichten, heißt es beim "Middle East Monitor". Richter al Hattab hatte das Konzept der Exkommunizierung so weit getrieben, dass er selbst diejenigen aus der islamischen Gemeinschaft verbannen wollte, die "Ungläubige" nicht als "Ungläubige" bezeichnen.

Ähnlich wie im Christentum können auch Muslime aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen werden. Eine Praxis, die allerdings umstritten ist und relativ selten angewendet wird. Einer der prominentesten Fälle liegt fast ein Vierteljahrhundert zurück: 1989 wurde der britische Schriftsteller Salman Rushdie wegen seines Romans "Die satanischen Verse" vom iranischen Revolutionsführer Ajatollah Khomeini mit einer Fatwa belegt, in der er als Ungläubiger bezeichnet wurde.

Bekam die IS-Führung Angst?

Da es aber etwa im sunnitischen Islam (siehe Kasten) so gut wie keine obersten Autoritäten gibt, die endgültig darüber bestimmen, wer als vom Glauben abgefallen gilt (wie bei den Katholiken der Papst), obliegt dies diversen Rechtsgelehrten wie etwa Abu Jafar al Hattab. Um die exzessive Gewalt der IS-Kämpfer gegen andere Moslems zu rechtfertigen, hatte der zuletzt gegen so gut wie jeden Gegner das Takfir-Konzept angewandt. Beobachter glauben, dass die IS-Führung um Abu Bakr al Baghdadi wohl Angst vor der Radikalität ihres Rechtsauslegers bekommen hat – und fürchteten, selbst irgendwann auf seiner Abschussliste zu landen.

Niels Kruse

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