Irak-Konflikt USA sehen Bedrohung durch Bin Laden


Die El-Kaida-Organisation des Moslem-Extremisten Osama bin Laden könnte nach US-Einschätzung noch für diese Woche Anschläge planen, möglicherweise mit radioaktiv verseuchten "schmutzigen" Bomben.

Es gebe Hinweise, dass es schon zum Abschluss der jährlichen Mekka-Pilgerfahrt (Hadsch) Ende der Woche zu Attentaten in den USA oder auf der arabischen Halbinsel kommen könnte, sagte der Chef des US-Geheimdienstes CIA, George Tenet, in einer Kongressanhörung. Die Hinweise deuteten zudem auf Pläne, wonach möglicherweise radioaktiv verseuchte Bomben sowie Gifte und Chemikalien zum Einsatz kommen könnten. Bin Laden hatte in einem ihm zugeschriebenen und von deutschen und US-Experten für authentisch gehaltenen Tonband Moslems in aller Welt zum Schutz Iraks und zum Kampf gegen die USA aufgerufen. Er verurteilte allerdings die Regierung in Bagdad als Ungläubige.

Irakische Sozialisten sind "Ungläubige"

Auf dem Tonband, das am Dienstagabend vom arabischen Sender El Dschasira ausgestrahlte wurde, erklärt der Sprecher, zwar seien die Sozialisten in Irak Ungläubige. "Es schadet (aber) nicht, dass unter den jetzigen Umständen die Interessen der Moslems mit den Interessen der Sozialisten im Krieg gegen die Kreuzritter übereinstimmen." Auf dem Band wurde zudem zu Selbstmordattentaten aufgefordert. Die Iraker wurden aufgefordert, angesichts der Militärmacht der USA nicht zu verzagen. El Kaida habe in Afghanistan gelernt, wie US-Bombardements ohne große Verluste überstanden werden könnten.

Endgültige Analyse steht aus

Aus US-Regierungskreisen verlautete, US-Experten hielten die Aufnahme für authentisch und schrieben sie Bin Laden zu. Eine technische Analyse, die endgültige Gewissheit bringen werde, stehe jedoch noch aus. Auch in deutschen Sicherheitskreisen wurde das Band nach den bisherigen Erkenntnissen für echt gehalten.

USA haben Sicherheitsstufe "Orange"

US-Außenminister Powell hatte Irak in der vergangenen Woche im UNO-Sicherheitsrat vorgeworfen, Verbindungen zu El Kaida zu haben. Irak hat die Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen. Aus Furcht vor neuen Anschlägen hatten die USA in der vergangenen Woche die zweithöchste Warnstufe "Orange" ausgerufen. CIA-Direktor Tenet sagte: "Wir sehen beunruhigende Zeichen, dass El Kaida sowohl in Iran als auch in Irak Strukturen errichtet hat." Von der Organisation gehe nach wie vor große Gefahr aus. Zahlreiche Geheimdienstquellen mit engen Verbindungen zu El Kaida deuteten auf geplante Anschläge bereits in den kommenden Tagen hin, sagte Tenet weiter. Dabei handle es sich um sehr konkrete Informationen, betonte Tenet.

Angst vor "schmutzigen Bomben"

FBI-Direktor Robert Mueller sagte, große Sorge mache den USA, dass Irak El Kaida mit biologischen oder chemischen Kampfstoffen oder radioaktiven Substanzen versorgen könnte. Aus radioaktiven Substanzen, wie sie etwa in der Medizin verwendet werden, können sogenannte "schmutzige Bomben" hergestellt werden. Sie können größere Gebiete radioaktiv verseuchen. Mueller warnte, El Kaida könne ohne Vorwarnung losschlagen. "Die größte Bedrohung liegt in den El-Kaida-Zellen in den USA, die wir noch nicht identifizieren konnten."

Die Terror schwappt ins Wohnzimmer

Vilda Bowen will es nicht drauf ankommen lassen. «Unter diesen Umständen wollten wir es nicht weiter aufschieben, unsere Wasserreserven aufzustocken», sagt sie und deckt sich in einem Laden in Idaho Falls im US-Bundesstaat Idaho mit dem Nötigsten ein. Von höchster Stelle war Alarm geschlagen worden. Das Ministerium für Heimatschutz hat die Amerikaner aufgefordert, sich mit Lebensmittelvorräten und Ausrüstung persönlich auf das Schlimmste vorzubereiten. Mit einem Schlag ist die Terrorfront bis ins amerikanische Wohnzimmer vorgerückt.

Wasser und Notration für drei Tage

Jeder, so der dringende Rat, sollte Wasser und Notrationen für drei Tage bereithalten, dazu Erste-Hilfe-Medikamente, Decken, Plastikplanen, Batterien, ein Radio und Klebeband zum Abdichten von Fenster- und Türritzen. Ein Zimmer im Haus sollte am besten schon vorher als Notlager ausgeguckt werden. «Die Menschen sind (im Falle eines Anschlags) für 24 bis 48 Stunden auf sich gestellt», warnt David Paulison, der Chefplaner im Ministerium für Notfälle.

"Sturmübung" für Grundschüler

In Riley im Bundesstaat Indiana robbten die Grundschüler der Riley Elementary School vor zwei Wochen in dunklen Rauchwolken durch die Klassenzimmer. Jeder hatte ein zu Hause selbst gepacktes Notbündel mit Taschenlampe, Decke und Essen dabei. Das ganze war als «Sturmübung» deklariert. Die Kinder sollten Überlebenstechniken lernen. Die Übung war ein voller Erfolg. «Die meisten finden Schule langweilig, aber wenn die Lehrer was machen, was Spaß macht, finden sie die Schule richtig cool», meinte Drittklässler John Sands.

Besonderer Renner: Walkie-Talkies

Rusty Kappel, der sich mit seinem Laden in Idaho Falls ganz auf die Vorsorgung für Notzeiten eingerichtet hat, macht gute Geschäfte. Trockennahrung, Heizgeräte, Erste-Hilfe-Kissen und Walkie-Talkies gehen dieser Tage besonders gut. Das Online-Geschäft blüht auch. Eine Firma, die sich «Zentrum für Notfallbereitschaft» nennt, bietet Überlebenspakete mit allem Nötigen für 72 Stunden ab 15,95 Dollar (14,85 Euro). Im Angebot ist auch die Deluxe-Version für zehn Leute mit wasserfesten Streichhölzern und tragbaren Toiletten («Ideal für kleine Firmen, Kirchengruppen und große Familien!») zu 449,95 Dollar.

Ritzen mit Klebeband schließen

«Better safe than sorry» - etwa: lieber auf Nummer Sicher gehen als sich nachher grämen - denkt sich mancher und geht los, um die Haushaltsvorräte an kalorienreichen Müsliriegeln und Batterien aufzustocken. «Es kann ja nicht schaden, die Sachen im Haus zu haben», schreibt etwa Alison aus Sommerville im Chat-Forum der Zeitung «Boston Globe». Die große Mehrheit der Chat-Teilnehmer ist allerdings anderer Meinung. «Wenn wir uns für drei Tage in Räume schließen und die Ritzen mit Plastikplanen und Klebeband schließen müssen, können wir doch gleich einpacken», schreibt Gail. «Bei all diesen Warnungen fühle ich mich schon jetzt dem Untergang geweiht.»

Alles nur ein Trick?

«Das ist doch alles nur ein Trick, um mehr Unterstützung für den Krieg zu bekommen», entrüstet sich Bob aus Cambridge. «Die Regierung hat ein Interesse, uns in Angst und Schrecken zu versetzen, damit sie uns alle Rechte nehmen kann ohne dass wir uns beschweren, weil wir ja beschützt werden wollen», meint John. «Bush versucht alles, um uns von der desolaten Wirtschaft abzulenken», schreibt Jerome. «Die Vorstellung, dass Plastikplanen und Klebeband meine Familie und mich vor einem Biowaffenanschlag schützen könnten, ist lächerlich», meint Brett. «Mich kann keiner damit in Panik versetzen, weil ich weiß, dass die Chancen, von einem Biowaffenanschlag getroffen zu werden, winzig sind verglichen mit den Gefahren auf den Straßen.»

Regierung bestreitet Panikmache

Von Panikmache will die Regierung nichts wissen. Im Zeitalter des Terrors müsse sich einfach jeder mit dem Thema auseinander setzen meint Paulison. «Die Leute sollen nicht verschreckt, sondern aufgeklärt werden», sagt Randall Larsen, Direktors des privaten Instituts für Heimatschutz. So verbindet die Regierung ihre Warnungen mit dem guten Rat, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.


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