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Gazastreifen Israelischer Sniper: "Es lässt sich steuern, ob man jemanden verletzt oder erschießt"

Mit Steinschleudern gegen Präzisionsgewehre. Israel wirft der Hamas vor, gezielt Opfer in Kauf zu nehmen.
Mit Steinschleudern gegen Präzisionsgewehre. Israel wirft der Hamas vor, gezielt Opfer in Kauf zu nehmen.
© Khan Yunis / AFP
Israelische Scharfschützen sollen gezielt protestierende Palästinenser getötet haben. Mit der "Süddeutschen Zeitung" sprach ein ehemaliger Sniper. Er ist entsetzt, dass Scharfschützen Massen-Demonstrationen stoppen sollen.

Die Spannungen zwischen Israel und den Palästinensern im Gazastreifen haben ein neues, schreckliches Niveau erreicht, nachdem vor einer Woche an einem Tag mehr als 60 Palästinenser am Grenzzaun von israelischen Soldaten getötet worden waren.

Die Proteste der Palästinenser finden im Rahmen des sogenannten "Marsches der Rückkehr" statt. Seit dem 30. März 2018 wollen die Palästinenser so ihre Rechte an Gebieten unterstreichen, die jenseits des Zaunes auf israelischer Seite liegen.

Umgekehrt wollen die israelischen Streitkräfte (IDF), um jeden Preis einen Durchbruch der Protestler durch die Grenzanlage verhindern. Zu diesem Zweck werden auch Scharfschützen eingesetzt. Auf ihr Konto sollen die meisten Toten gehen. Jana Anzlinger hat für die "Süddeutsche Zeitung" ein Interview mit einem ehemaligen Sniper der IDF geführt ("Wir Sniper sind zum Töten ausgebildet, wir stoppen keinen Protest").

Traumatisert durch den Einsatz

Nadav Weiman war von 2005 bis 2008 Soldat in einer Scharfschützeneinheit, die im Palästinensergebiet eingesetzt wurde. An den aktuellen Auseinandersetzungen nimmt Weiman nicht teil, er kann sie nur auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen kommentieren.

Nadav Weiman kann kaum glauben, dass Scharfschützen gegen die Masse der Protestler eingesetzt werden. Auch seine Einheit habe gezielt Palästinenser liquidiert, aber dabei hat sich es offenbar um ausgesuchte Zielpersonen gehandelt und nicht um Teilnehmer an einer Demonstration. Der "SZ" sagte er: "Scharfschützen schießen gezielt einzelne Personen ab; wer unbewaffnete Demonstranten warnen will, setzt normale Soldaten ein. Wir Sniper sind zum Töten ausgebildet, wir stoppen keinen Protest."

Neutralisieren oder Töten

Die große Anzahl der Toten kann sich der Scharfschütze kaum erklären. Er erinnert daran, dass ein Sniper immer kontrolliert schieße. Weiman sagt in dem Interview, dass ein Scharfschütze immer kontrolliere wohin er ziele und auch treffe. Um jemanden kampfunfähig zu machen, ziele man auf den Knöchel oder die Kniescheibe. Dort wäre der Blutverlust nicht so stark. "Es lässt sich steuern, ob man jemanden verletzt oder erschießt. Die Zahl von mehr als 60 Toten ist verrückt." 

Diese kontrollierten Schüsse sind vermutlich auch der Grund, warum die israelische Regierung Scharfschützen einsetzt. Sie können einzelne Personen in den Menschenmassen ausschalten. Ein normaler Soldat, der an einem Sturmgewehr ausgebildet wurde, würde mit einem Feuerstoß auch andere Personen treffen.

Spirale der Gewalt

In dem Interview berichtet Weiman von seinen Dienstjahren. Es ist ihm anzumerken, wie sehr die Erfahrungen ihn heute noch traumatisieren. Die Überfälle auf Wohnhäuser, die verängstigten Bewohner, diese Eindrücke lassen ihn nicht los. Weiman sagt aber auch, dass seine Erfahrungen nicht typisch seien. Nicht jeder Israeli müsse überhaupt zum Militär. Und die, die dienten, gelangten nur in den seltensten Fällen in Einheiten, die solche Einsätze wie seine Gruppe durchführen müssten. "In meiner Einheit waren wir zu zwölft. Nach dem Dienst hat kein einziger in der Armee Karriere gemacht. Wir alle hatten genug."

Das ganze Interwie finden Sie bei der "SZ": "Wir Sniper sind zum Töten ausgebildet, wir stoppen keinen Protest"

Kra

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