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Interview

Doku "Robin Hood Complex": Freiwillige gegen den IS – "Ich glaube, dass man böse Männer töten muss"

Im Westen rekrutierte der IS viele Kämpfer, es meldeten sich aber auch Freiwillige, um gegen die Radikalen zu kämpfen. Emile Ghessen begleitete sie drei Jahre lang und sprach mit über 300 Kämpfern. Seine Frage war: Was treibt diese Männer an, ihr Leben zu riskieren?

Der ehemalige Angehörige des Royal Marine Commandos, Emile Ghessen, folgte den Kämpfern direkt an die Front. Das Stirnband des Soldaten ist das Versprechen seiner Entschlossenheit.

Der ehemalige Angehörige des Royal Marine Commandos, Emile Ghessen, folgte den Kämpfern direkt an die Front. Das Stirnband des Soldaten ist das Versprechen seiner Entschlossenheit.

Drei Jahre lang dokumentierte Emile Ghessen den Krieg in Syrien und im Irak. Unter anderem begleitete er die irakische Spezialeinheit Goldene Division während ihrer harten und verlustreichen Kämpfe bei der Rückeroberung Mossuls. Nun wurde sein Dokumentarfilm "Robin Hood Complex" erstmals aufgeführt. Der Film zeigt das Leben und die Motivation von Freiwilligen aus dem Westen, die gegen den IS kämpfen. Der stern sprach mit dem Ex-Soldaten und Journalisten Emile Ghessen.

Emile, Sie haben einen Film über Männer aus dem Westen gedreht, die gegen den IS kämpfen. Sie haben dafür viel Zeit und Mühe investiert und Gefahren auf sich genommen. Warum haben Sie das gemacht?

Das ist eine Geschichte, die die Leute erfahren müssen. Wir hören so viel von Leuten, die sich dem Islamischen Staat angeschlossen haben, aber kaum jemals von Menschen, die zu den kurdischen Milizen gehen, um gegen diesen Islamischen Staat zu kämpfen. Diese Männer müssen eine Stimme bekommen.

Sie hatten doch auch eine persönliche Motivation?

Ich war beim Royal Marine Commando, mein Vater stammt aus . Ich habe die militärischen Fähigkeiten, die helfen könnten, Isis zu bekämpfen. Ich habe auch eine Familie in Syrien, die von diesem Krieg betroffen ist. Und trotzdem habe ich kein Gewehr zum Kämpfen in die Hand genommen, aber diese Männer haben es getan. Deshalb habe ich mich so sehr für diese Geschichte interessiert! 

Sie haben den Film zum größten Teil selbst finanziert. Wie ist das möglich?

Ich habe in den letzten drei Jahren sechs Reisen in die Region unternommen. Ich habe das ganze Projekt selbst finanziert. Im Jahr 2016, als die Offensive für Mossul angekündigt wurde, wollte ich dort sein, hatte aber kein Geld. Also bat ich um Spenden auf Gofundme für meine Flüge und die Leute waren großzügig und haben mir bei meinen Flugkosten geholfen. Abgesehen von dieser einen Reise, habe ich die ganze Sache selbst finanziert.

Wie ging das, hatten Sie finanzielle Reserven?

Nein, ich habe fast mein Haus verloren, weil ich nicht genug Geld hatte und meine Kreditkarten ausgereizt waren. Der "Robin Hood Complex" ist meine Leidenschaft. Nachdem ich angefangen hatte, musste ich es auch zu Ende bringen.

Meine militärische Ausbildung ist ein Vorteil. Ich komme ohne große Kosten überall allein zurecht. Ich schlafe auf meinem Schlafsack an einer Wand, stehe dann auf und bin live an der Front. Das ist ein Leben, das ich gewohnt bin. Ich weiß, wie das Leben an der Front aussieht. Außerdem: Wenn du ein Royal Marine bist, haben andere Kämpfer auch Vertrauen zu dir. Ein Vertrauen, das andere Journalisten oft nicht bekommen. 

Emile, Sie haben den Film "Robin Hood Complex" genannt. Das klingt sehr psychologisch.

Ich wollte dem Film nicht einen platten Namen geben – wie "Isis-Kämpfer" oder so. Ich wollte diese Männer als Menschen zeigen. Im "Robin Hood Complex" geht es nicht darum zu zeigen, wie diese Männer mit ihren Waffen schießen. Sondern darum zu verstehen, wer diese Männer sind. Wenn du an Robin Hood als Charakter denkst, hat er von den Reichen gestohlen, um es den Armen zu geben! Das war edel von ihm, aber es war auch ein Verbrechen. Deshalb wollte ich, dass die Leute diesen Dokumentarfilm sehen und offen für diese Männer sind und sich eine eigene Meinung bilden.

In den meisten Kriegen ist es nicht so leicht zu erkennen, wer die "Guten" und wer die "Bösen" sind. Aber der IS gilt vielen als das personifizierte Böse. Was bedeutet das für die Freiwilligen?

Ich habe viele Gastvorträge über den IS und die Motivation der Kämpfer gehalten. Ich würde nie von einer Personifizierung des Bösen sprechen. Ja, manche Mitglieder haben schreckliche Dinge getan, aber wichtiger ist doch zu fragen, warum sie zur erfolgreichsten Terrororganisation aller Zeiten geworden sind! Sie sind mehr als nur eine Gruppe von Männern, die in einer Höhle leben und Terroranschläge planen. Sie waren für eine gewisse Zeit ein "Staat". Aus diesem Grund müssen wir verstehen, wie das geschehen ist, damit es nie wieder passieren kann.

Also keine Personifizierung des Bösen, aber dennoch ist das doch kein klassischer Krieg?

Nein, der Ansatz des IS ist es, alle Ungläubigen zu töten. Deshalb ermordeten sie Journalisten und Entwicklungshelfer. Menschen, die in anderen Konflikten neutral sind, wurden von der Gruppe gezielt angegriffen. Deshalb wusste ich, wie gefährlich es ist, allein und unbewaffnet mit Taxis unterwegs zu sein. Mir war klar, wenn sie mich, einen ehemaligen Royal Marine, erwischen, wäre das ein großer Propagandasieg gewesen. Der IS hat ein Kopfgeld von 150.000 Pfund auf jeden gefangenen Westler ausgesetzt.

Zu den Freiwilligen. Was wollen sie dort, was gibt der Krieg den Freiwilligen?

Diese Freiwilligen haben sehr unterschiedliche Gründe kämpfen. Nicht alle von ihnen sind ehemalige Militärs. Manche, die vom Militär kommen, sind Männer, die nicht viele Kämpfe gesehen haben, als sie dienten. Sie haben das Gefühl, dass sie diese Kriegserfahrung brauchen, um richtige Soldaten zu sein. Dann gibt es die einsamen Männer. Männer, die das Militär vor vielen Jahren verlassen haben und die kurdischen Streitkräfte als Chance sehen, wieder Teil einer Einheit zu werden. Das ist dieses Gefühl einer Bruderschaft, nach dem sie sich sehnen. Dann gibt es religiöse Männer, die glauben, dass das Ganze ein Kreuzzug ist, die Christenheit gegen den Islam. Diese Männer sind nach meiner Erfahrung meist Amerikaner.

Und dann haben wir auch die Nobodys. Das sind Männer, die keine militärische Erfahrung besitzen. Ihr ziviles, altes Leben hat sie nicht erfüllt. Sie bedauern, nicht zur Armee gegangen zu sein, als sie noch jung waren, und sehen diesen Einsatz als Chance, doch noch etwas Bedeutendes im Leben zu erreichen.

Und dann gibt es noch die reinen Abenteurer. Leute, die das Ganze nur als große Action, als Abenteuer betrachten. 

Viele der Männer ohne militärische Ausbildung denken, dass es ein Spiel ist. Die denken, wenn du stirbst, kommst du zurück wie in "Call of Duty". Das passiert natürlich nicht. 

Doch alle dieser Männer wollen sich oder jemand anderem etwas beweisen. Hier wird der "Robin Hood Complex" spannend, denn es geht um Menschen und nicht nur um Waffen. 

In Deutschland wird nur wenig über diese Kämpfer berichtet, auch wenn es sie gibt. Lassen diese Männer nicht etwas zu Hause zurück? Oder fliehen sie vor etwas?

Als junger Mann bin ich selbst in den Krieg gezogen – in den Irak und nach Afghanistan. Ich diente zwölf Jahre lang bei den britischen Royal Marine Commandos. Damals achtete ich nicht auf die Auswirkungen, die diese Entscheidungen auf meine Familie hatten. Ich war jung und habe nie daran gedacht, was diese Kriege für meine Lieben bedeuteten.

Ich habe "Robin Hood Complex" gedreht und hatte das Glück, Zugang zu den Familien der Freiwilligen zu bekommen und zu sehen, wie es für sie aussieht. Das war sehr emotional, sehr hart für mich.

Zwei Männer aus der Dokumentation wurden getötet und ich bin ihren Familien jetzt sehr nahe. Es macht mich sehr traurig, ihren Schmerz zu sehen. Man kann sagen, dass viele dieser Freiwilligen, die Kinder und Partner haben, egoistisch sind. Aber gleichzeitig kann man es auch als großes Opfer ansehen.

Für die Familien ist so ein Einsatz sehr hart. Sie wissen, dass die Kämpfer dort nicht bezahlt und nicht richtig versorgt werden. Sie sorgen sich, weil der Kampf nicht wie beim westlichen Militär abläuft, wo es für alles Unterstützung gibt. Die Kurden haben keine medizinischen Hubschrauber, die kommen, wenn jemand verletzt wird. Es gibt keine Versorgung an Ort und Stelle. Und selbst wenn die Kämpfer fallen, erfahren das ihre Familien vielleicht eine ganze Zeitlang nicht.

Eine sehr persönliche Frage: Ihre Arbeit ist auch gefährlich – was haben Sie zurückgelassen?

Ich habe einen neunjährigen Sohn, aber ich bin Single. Seine Mutter hat mich bei meiner Arbeit sehr unterstützt. Ich habe ihr nicht wirklich viel über die Gefahren erzählt. Ehrlich gesagt, ist es nicht leicht, einen Partner kennen zu lernen, wenn man so eine Art von Arbeit wie ich macht. Viele Frauen verstehen das nicht und denken, dass man verrückt ist.

Nicht nur, weil mein ganzes Geld in diesem Projekt steckt. Auch weil mein soziales Leben gelitten hat. Jetzt, wo der Film fertig ist, fühle ich mich wie befreit von einer Last. Wer weiß, vielleicht treffe ich ja irgendwann mal jemanden!


Im zweiten Teil des Interviews spricht Ghessen über die Bedeutung der Freiwilligen für die Kurden, über die Rolle der Frauen und die Obsession der Medien mit dem Sujet "Girls and Guns" und über seine Einschätzung, warum das Ende des Kalifats noch mehr Terror mit sich bringen wird.


Der Film auf Vimeo

In Deutschland kann man den "Robin Hood Complex" als Stream oder Download auf der Plattform Vimeo unter diesem Link  als Video on Demand ansehen.

Hier sind einige der Aussagen der Kämpfer aus der Dokumentation:

"Der Westen hat diese Leute verraten. Ich würde für die Sache der   sterben. Ich wüsste keine Sache, für die es sich mehr lohnen würde."

"Als Arzt fühle ich die Pflicht, hierher zu kommen und diesen Leuten zu helfen."

"Ich glaube, dass man böse   töten muss. Wenn ich hier wegginge, würde mich die Schuld verfolgen. Das Töten ist meine Gabe und mein Fluch. Das kann ich am besten. Wenn ich einen von diesen Typen töte, rette ich Tausende. Was ist daran falsch?"

"Ich bin nicht hier um, Geld zu machen. Die Sache ruiniert mich. Ich musste mein   für das Flugticket verkaufen."