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Italiens Ministerin Josefa Idem im stern: "Ich muss den Italienern ihr Land starkreden"

Von Hamm über Ravenna nach Rom: Völlig überraschend wurde die westfälische Kanu-Olympiasiegerin Josefa Idem Ministerin in Rom. Dem stern verriet sie, wie sie in ihrem neuen Job zurechtkommt.

Die Berufung der Olympiasiegerin Josefa Idem als Sport- und Gleichstellungsministerin in das neue italienische Kabinett war eine Überraschung. Die gebürtige Deutsche hat mit dem stern exklusiv über ihre neue Aufgabe in Rom gesprochen, über den Sinn der Sparpolitik - und warum gerade ihre Meinung im Kabinett gefragt ist: "Ich als Einwanderin aus Deutschland muss den Italienern ihr Land starkreden. Dabei gibt es keinen Grund, so sehr Trauer zu tragen. Unsere Probleme sind auf mittlere Sicht lösbar. Wir sollten weiter in Schulen und Universitäten investieren - aber derzeit sind uns noch die Hände gebunden. Unsere Unternehmen müssen den globalen Wettbewerb annehmen und lernen wollen, dann kommen wir aus diesem Tal heraus."

Josefa Idem ist für eine festgelegte Frauenquote, für die Homo-Ehe und will den Sport stärken und in die Verfassung schreiben lassen. Auf Gepflogenheiten in Rom nimmt sie dabei keine Rücksicht – und besteht darauf, Ministerin genannt zu werden, obwohl die feminine Form bei höheren Ämtern im Italienischen eigentlich nicht benutzt wird.

Im Herzen eine Deutsche

Angefangen hat sie in der italienischen Politik in ihrem Heimatort Ravenna, wo sie auch den stern empfing. Ihr Mentor, Bürgermeister Vidmer Mercatali, glaubt, dass es "deutsche Tugenden" sind, die Josefa Idem zu ihrem steilen Aufstieg verholfen haben: "Sefi spricht ein zauberhaftes Italienisch, aber im Herzen ist sie eine Deutsche geblieben. Zuverlässig, präzise, pünktlich. Das schätzen wir Italiener, auch, wenn wir das nicht gern offen sagen, weil es so langweilig klingt."

Idem sagt, sie spüre eine große Verunsicherung in Italien: "Die Staatsschuldenkrise hat das italienische Selbstbewusstsein angekratzt. Wir sind abhängig von Brüssel, dürfen fast nichts ausgeben, was ein Unsinn ist. Eine Stadt wie Ravenna hat Rücklagen in Höhe von zwei Jahreshaushalten und muss trotzdem sparen. Die lokale Wirtschaft ist völlig gelähmt. Wem soll das nützen?" In ihrem neuen Ministerjob fühlt sie sich wie damals, als sie mit ihrem italienischen Mann das Kajak-Training auf dem Canale Candio in Ravenna begann, ohne Verein, ohne Trainer, ohne Rückendeckung. "Es ist wieder ein Neustart. Ich muss mich in vieles einarbeiten, gerade in die Frauen- und Jugend-Themen. Aber manchmal hilft ein fremder Blick auch. Man entdeckt neue Wege."

Christian Ewers
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