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Jahrestag des 11. September 2001: Ein Tag der Ruhe

New York hat der Anschläge vom 11. September 2001 gedacht. Es war ein Tag der Besinnung. Vor allem auf sich selbst.

Von Martin Knobbe, New York

Es war diese Ruhe, die New York an diesem Tag so besonders machte. Ruhe, die man in der Stadt nicht kennt. Die sie aber so dringend braucht, wie das ganze Land.

Ruhe auf der Fifth Avenue, die noch menschenleer war um 8.46 am Morgen, als vor zehn Jahren das erste Flugzeug in die Türme flog. Nur ein einsamer Verkäufer von amerikanischen Flaggen stand da, fünf Dollar das Stück. Ruhe am Ufer des Hudson Rivers, wo Feuerwehrleute aus der ganzen Welt der 343 gestorbenen Kameraden gedachten, und Katie Devlin beim Singen von „Amazing Grace" die Stimme versagte. Sie hatte ihren Vater an 9/11 verloren.

Ruhe auch in der St. Pauls Kapelle an Ground Zero, wo Ann Douglas lautlos ein Gebet für ihren toten Sohn Frederick sprach, die Hände fest um sein Foto geschlossen, ein Lächeln im Gesicht. Es war diese Ruhe, die so wichtig war für New York an diesem Sonntag, zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

Nach der Trauer der Blick nach vorn

Frederick John Cox starb im 104. Stock des World Trade Centers, Südturm, wo er als Investmentbanker für Sandler O’Neill und Partner arbeitete. Er war 27 Jahre alt. Ann Douglas, seine Mutter, steht in der Kapelle vor seinem Bild. Sie ist gerade von der Gedenkfeier gekommen, wo Barack Obama einen Pslam vorgelesen hat, George W. Bush einen Brief von Abraham Lincoln und die Familien der Opfer zum ersten Mal das neu gebaute Memorial zu sehen bekamen.

Die Trauer werde nie vergehen, sagt Ann Douglas, und doch bedeute dieser zehnte Jahrestag eine Zäsur für sie. Sie glaubt, sie habe nun endlich Frieden gefunden mit sich und ihrem Schicksal. Sie war in den vergangenen zehn Jahren sehr aktiv, hat Vorträge gehalten, Interviews gegeben, eine Stiftung gegründet und Schülern gelehrt, wie man einen Streit schlichtet. Es war ihre Art, mit der Trauer umzugehen, und auch mit ihrer Unruhe. "Es war wichtig, das alles zu tun, auch im Namen meines Sohnes", sagt sie. "Aber nun ist es Zeit, einen Schritt vorwärts zu gehen. Ich will wieder mehr nach innen sehen, auf mich selbst."

USA finden nicht zu alter Stärke

Ihr Aufruf könnte ein Appell für das ganze Land sein: Endlich zur Ruhe zu kommen. Sich wieder auf sich selbst zu besinnen. Sich neu zu definieren.

Zunächst war da die Wut, die der großen Demütigung folgte. Wut auf die Terroristen, auf al Kaida, auf alle, die nicht die Werte des Westens lebten. Zwei aggressive Kriege prägten diese zehn Jahre, der Sicherheitsapparat wuchs ins Unermessliche, seit 9/11 müssen die Amerikaner ihre Schuhe am Flughafen ausziehen. Amerikas Antwort auf seine Schmach war blinder Aktionismus. Zehn Jahre lang versuchte die Nation, so ihre alte Stärke wieder zu finden. Es ist ihr nicht gelungen.

In den vergangenen Monaten hat das Land gelernt, dass es so nicht weitergehen kann. 1,7 Billionen Dollar haben die Kriege bislang gekostet, insgesamt 3,3 Billionen die gesamten Folgen von 9/11, hat die "New York Times" jüngst errechnet. Es ist mehr, als sich die USA leisten können. Über die Frage, wie viele Schulden man den späteren Generationen noch aufladen kann, haben deshalb in den vergangenen Wochen die Politiker in Washington erbittert gestritten. Fast wäre das Wirtschaftssystem unter diesem Streit zusammengebrochen. Es wäre posthum der größte Triumph für Osama bin Laden gewesen.

Fast überall Wunsch nach einem Neuanfang

Die USA sind nicht mehr die Nummer eins auf der Welt, zumindest nicht aus Sicht einer Rating-Agentur. Die öffentliche Herabstufung hat die Amerikaner schwer getroffen, sie wog für manche schwerer als der Angriff auf die Twin-Towers. Die USA sind zehn Jahre nach 9/11 schwach wie nie zu vor, schwächer noch als kurz nach den Anschlägen.

Es wird Zeit für das Land, zur Ruhe zu kommen. Sich auf sich selbst zu besinnen. Sich zu fragen, für was die Nation in Zukunft stehen soll. Für sein Volk, für die ganze Welt. Der Jahrestag von 9/11 war dafür ein guter Anfang. Fast überall spürte man den Wunsch nach einem Neuanfang. Natürlich standen sie wieder auf dem Gehweg am Broadway und hielten Schilder hoch: "Das Bush-Regime hat 9/11 gesteuert!" Oder: "Sagt endlich die Wahrheit!" Natürlich krakeelten sie wieder, die Verschwörungstheoretiker, die nicht daran glauben wollen, dass Terroristen die Flugzeuge gesteuert haben. Doch das besondere war diesmal, dass ihnen kaum einer zuhörte.

Kampfstiefel als stille Mahnung

Ein paar Meter weiter krakeelte niemand. Dort standen mehrere Paare von Schuhen auf dem Pflaster, schwarze Kampfstiefel, mehrere mit Dreck bespritzt. Sie stammten von einigen der bislang knapp 6000 gefallenen Soldaten im Irak- und Afghanistankrieg. Es gab keine Reden, keine Erklärungen. Es war eine schweigende Mahnung, an die Vergangenheit und an die Zukunft. Ein stiller Aufruf, sich zu besinnen. Die Wirkung war viel stärker als die der lauten Proteste in der Nähe.

Es war die Ruhe, die diesmal in New York siegte.