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Julia Ramelow: Gaddafis deutsche Gefährtin

Als Frau des libyschen Regierungssprechers lebt die deutsche Julia Ramelow in Tripolis. Im Fünf-Sterne-Hotel wartet sie auf das Ende des Bürgerkriegs - und verteidigt das Gaddafi-Regime.

Von Markus Götting, Tripolis

Frau Ramelow, haben Sie eigentlich schon so richtig begriffen, wo Sie hier reingeraten sind?
Es ist klar, dass das von außen nicht zu verstehen ist. Wir sind immer tiefer hineingezogen worden. Mein Mann wurde Anfang 2010 Generaldirektor eines neuen Medienhauses - mit Fernsehsender, Radiostation und angeschlossenen Zeitungen. Da war Aufbruchstimmung, die Regierung wollte mehr Pressefreiheit etablieren ...

Entschuldigung, aber das klingt absurd.
Überhaupt nicht. Dieses Land hatte sich in den letzten Jahren verändert, liberalisiert. Aber der Krieg wirft uns um mindestens zehn Jahre zurück. Und das nicht nur infrastrukturell.

Es ist trotzdem ein Unterschied, ob man ein Medienunternehmen leitet oder diese Regierung nach außen vertritt.
Er hatte keine andere Wahl. Als der Konflikt begann, hat er seinen Mund aufgemacht. Er sagte, man müsse sich öffnen und ausländische Journalisten ins Land lassen. Und dann sagten sie: Okay, dann kümmerst du dich darum.

Hätten Sie beide nicht einfach den Mund halten und das Land verlassen können?
Wir hätten sofort nach England zurückgehen können, Mussas Visum ist noch eineinhalb Jahre gültig. Aber er sieht das hier auch als patriotische Pflicht an. Es ist sein Land, und du lässt nicht einfach das zurück, was du gerade aufgebaut hast. Sich raushalten wäre schön, aber das geht nicht.

Aber wie geht es Ihnen dabei? Sie wirken wie eine Kriegsgefangene.
Es fühlt sich auch ein wenig so an. Der Begriff ist sicher unangemessen gegenüber echten Kriegsgefangenen, denen Gewalt angetan wird. Mir geht es ja vergleichsweise gut, ich sitze schließlich in einem Fünf-Sterne-Hotel. Seit die Journalisten hier ankamen, arbeitet mein Mann von morgens um acht bis nachts um eins, also sind wir mit ihm hier eingezogen. So ist es auch sicherer. Sein Gesicht ist bekannt, meines auch. Du weißt nie, wer Rache nehmen will. Aber ich vermisse unser Zuhause, so banale Dinge wie die Waschmaschine, den Geruch unserer Wohnung. Vor ein paar Tagen bin ich nach Hause gefahren. Ich bin nur dagesessen und habe versucht, diesen Geruch aufzunehmen, für mich abzuspeichern.

Sie wirken einsam.
Ich hatte mir einen Freundeskreis aufgebaut, eine spannende internationale Community, wollte meinen Sohn in den deutschen Kindergarten geben. Jetzt sind alle meine Freunde geflüchtet. Für mich fühlt sich das Leben irgendwie irreal an, grotesk.

Haben Sie Angst?
Im Hotel sind wir sicher. Auf meine Freunde, auf meine Familie daheim wirken die Bilder im Fernsehen bedrohlicher. Ich weiß ja, wann hier wirklich Bomben fallen, sie wissen das nicht. Am Anfang musste ich meine Mutter jeden Tag ein paar Mal beruhigen, wir halten ja Kontakt per Skype. Aber seit die Bombardierungen angefangen haben, frage ich mich immer wieder: Wie soll ich das aushalten? Auch moralisch - wo sollte ich sein?

Sicher nicht auf der Seite eines ruchlosen Regimes.
Libyen ist von außen angegriffen worden. Man hat diesem Land nicht die Zeit gegeben, seine Probleme selbst zu lösen.

Die Lösung wäre ein Gemetzel geworden. Gaddafi war, wie er sagte, auf Rattenjagd ...
... und diese sogenannten Rebellen? Die überfallen in Bengasi eine Fabrik, richten einfache somalische Arbeiter hin und behaupten, das seien Söldner gewesen. Wenn man die Bilder sieht, was die Leute sich gegenseitig antun, diese Brutalität, diese Entmenschlichung, dann muss einem schlecht werden.

Das ist eine Propagandaschlacht. Diese Bilder kennt man auch aus Bosnien und dem Kosovo. Es ist das Wesen des Bürgerkriegs, dass er barbarisch ist. Das gilt für beide Seiten.
Natürlich, hier werden jahrhundertealte Rechnungen beglichen. Dieses Land ist noch zu sehr geprägt von alten Stammesstrukturen, deshalb braucht es eine starke Zentralregierung, um das zusammenzuhalten. Und ich spreche da nicht von einer Diktatur.

Sie leben aber in einer. Die Menschen sind nicht bloß eingeschüchtert, es ist blanke Angst.
Das ist das Problem an diesem Krieg. Er hat den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess, der vielleicht zu langsam lief, gekidnappt. Ich hatte mich über den Aufstand in Ägypten gefreut, von ganzem Herzen. Und als die Proteste hier begannen, dachte ich, das ist ein schöner Tritt in den Hintern dieser Bürokratie, um endlich die Veränderungen zu beschleunigen. Aber der Aufstand wurde sofort gewalttätig. In unserer Nachbarschaft wurden Autos angezündet, das Feuer griff auf ein Wohnhaus über und eine Familie rannte schreiend raus. Und die Leute auf der Straße haben noch geklatscht. Das war keine friedliche Demo, sondern ein Horrorfilm.

Hätten Sie diesem Horror nicht lieber entkommen sollen? Allein Ihrem Sohn zuliebe?
Er gehört ja nicht nur mir, er hat hier seine Familie. Libyen ist unsere Heimat.

Ist das nicht eine falsch verstandene Loyalität?
Es ist sicher schwer zu begreifen. Ich bin nach Libyen gekommen, als es hier gut ging. Ich liebe dieses Land, ich habe ihm viel zu verdanken - es hat mir einen Mann geschenkt, einen wundervollen Sohn, eine große Familie. Ich kann, ich will das alles nicht im Stich lassen.

Glauben Sie wirklich, es gibt ein richtiges Leben im falschen?
In diesem Land, in dieser Situation gibt es kein richtig oder falsch.

Als Sie nach Libyen kamen, hatten Sie Träume, Ideale, Optimismus. Gut möglich, dass Ihr Mann schon jetzt als Gaddafi-Scherge auf der Fahndungsliste des Internationalen Gerichtshofs steht.
Er hat niemandem etwas getan. Man vergleicht ihn doch immer mit Bagdad-Bob, dem Sprecher von Saddam Hussein. Auch der ist nicht verurteilt worden. Aber Sie haben Recht, diese zwei Monate haben unser Leben fundamental verändert, nichts ist mehr, wie es war. Das gilt für die Gegenwart und auch für die Zukunft. Mein Mann ist eine weltweit öffentliche Figur geworden. Und ja, es kann sein, dass er erstmal das Land nicht mehr verlassen kann. Ich kann es nicht ändern. Wir werden immer weiter in diesen Strudel hineingezogen.

Ein langsames Ertrinken?
Ja, vielleicht. Obwohl - eigentlich sind wir schon längst ertrunken.

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