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Kanadischer Premier Justin Trudeau und die Skandale – der Saubermann, der keiner (mehr) ist

Kanadas Premier Justin Trudeau hat bereits mehrere Skandale und Skandälchen überlebt
Kanadas Premier Justin Trudeau hat bereits mehrere Skandale und Skandälchen überlebt, aber dieses Mal wird es besonders ungemütlich für den einstigen Vorzeige-Linksliberalen
© Alice Chiche / AFP
Als Justin Trudeau 2015 sein Amt antrat, wurde er weltweit als Posterboy der Progressiven gefeiert. Nach fünf Jahren als kanadischer Premier und mehreren Skandalen und Skandälchen ist sein Image arg angekratzt. Der aktuelle Skandal könnte sein letzter sein.

Ach, was war die Welt 2015 in Nordamerika noch heil: Im Weißen Haus saß noch nicht der rüpelhafte Tölpel, der kurz Zeit später das Oval Office okkupieren sollte, und einige Kilometer weiter nördlich wurde mit Justin Trudeau der linksliberale Posterboy schlechthin zum Regierungschef gewählt. Er war jung, gut aussehend und vertrat politische Positionen, die ihm wenig später den Titel des "Anti-Trump" einbringen sollten. Er bezeichnete sich stolz als Feministen, er spickte sein Kabinett mit Frauen und Minderheiten. Der "Daily Mirror" kürte ihn zum "sexiesten Politiker der Welt", und spätestens, als er auf die Frage, warum sein Kabinett paritätisch zwischen Frauen und Männern aufgeteilt war, mit einem schlichten "Weil es 2015 ist" antwortete, feierte ihn die halbe Welt für seine charmante, progressive Art.

Heute, rund fünf Jahre später, hat Trudeaus makelloses Image von damals stark gelitten. Der gehypte Politstar befindet sich mitten in seinem dritten größeren Skandal – und dieses Mal könnte es sein letzter sein.

Die großen und kleine Skandale des Justin Trudeau

Den ersten kleineren Riss bekam sein Bild in der Öffentlichkeit bereits 2016. Damals flog er mit seiner Familie in einem Helikopter des Milliardärs Aga Khan auf dessen Privatinsel auf die Bahamas. Dort akzeptierte er zudem auch noch Geschenke von dem Mann, dessen Organisation mehrere hundert Millionen kanadische Dollar an Bundeszuschüssen erhalten hatte. Die Annahme der Geschenke rechtfertigte Trudeau später damit, dass es Weihnachtszeit gewesen sei und er dem Milliardär schließlich auch einen Pullover geschenkt habe.

Im vergangenen Jahr stürzte Trudeau beinahe über die SNC-Lavalin-Affäre. Der kanadische Anlagenbauer war wegen Korruptionsvorwürfen ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten. Premier Trudeau hatte – so stellte es später eine Ethikkommission fest – die zuständige Staatsanwältin persönlich und durch Regierungsangehörige unter Druck gesetzt, einen Deal mit der Firma zu machen, weil sonst kanadische Arbeitsplätze in Gefahr seien. Dafür hatte Trudeau Regeln für Interessenskonflikte auf Bundesebene verletzt, so die Kommission.

Wenig später gingen die Kanadier an die Urnen, und der angeschlagene Trudeau verlor zwar nicht die Wahl, aber seine absolute Mehrheit und regiert seitdem mit einer Minderheitsregierung.

Dazwischen gab es auch mehrere kleinere Skandälchen wie etwa 2019 die Aufregung um knapp zwei Jahrzehnte alte Fotos von Trudeau, auf denen er während einer Kostümparty mit braun geschminktem Gesicht zu sehen ist. Außerdem bezichtigte ihn eine Journalistin, sie um die Jahrtausendwende herum befummelt zu haben. Der damals 28-Jährige wurde in einem Artikel zitiert: "Es tut mir leid, wenn ich gewusst hätte, dass Sie für eine nationale Zeitung arbeiten, wäre ich niemals so aufdringlich gewesen." Als Premierminister sagte er später, er könne sich an keine "negativen Interaktionen" an diesem Tag erinnern.

Gibt ihm der WE-Charity-Skandal den Rest?

Und nun droht ihm durch den sogenannten WE-Charitiy-Skandal die dritte Untersuchung einer Ethik-Kommission seit Amtsantritt. Besagte Wohltätigkeitsorganisation erhielt im April einen Regierungsauftrag für ein rund 900 Millionen kanadische Dollar schweres Programm für Schüler, die wegen der Corona-Pandemie keine Sommerjobs finden können. Mehr als 40 Millionen davon hätten direkt in den Kassen von WE Charitiy landen können.

Das Problem? Trudeaus Mutter und Bruder hielten in der Vergangenheit gut bezahlte Reden für die Organisation. Seine Mutter erhielt insgesamt rund eine Viertelmillion Dollar für 28 Auftritte, sein Bruder etwas mehr als 30.000 für acht Vorträge. Außerdem trat Trudeau auch selbst mehrfach bei Veranstaltungen besagter Organisation auf, seine Frau war als Botschafterin für sie tätig. Dennoch zog sich Justin Trudeau nicht aus der Entscheidungsfindung für das Regierungsprogramm zurück und könnte so erneut Regeln für die Verhinderung von Interessenskonflikten gebrochen haben. 

Zudem arbeitete die Tochter von Trudeaus Finanzminister direkt für WE Charity. Auch er zog sich nicht aus den Verhandlungen zurück. Die öffentliche Kritik daran wurde so groß, dass WE Charity sich inzwischen aus dem Regierungsprogramm verabschiedet hat.

Corona hatte Trudeau zu neuer Popularität verholfen

Der aktuelle Skandal kommt für den Premier zur Unzeit, denn sein Handling der Coronakrise hatte ihm einen deutlichen Aufschwung in den Umfragen beschert. Anders als der südliche Nachbar USA kommt Kanada bislang recht glimpflich durch die Pandemie. In Kanada leben etwas weniger als halb so viele Menschen wie in Deutschland. Mit unter 120.000 Fällen und knapp 9000 Toten steht Trudeaus Land damit im internationalen Vergleich relativ gut da. Das hatte ihm viel Sympathie bei seiner Bevölkerung zurückgebracht.

Kanadischer Premier: Justin Trudeau und die Skandale – der Saubermann, der keiner (mehr) ist

Doch seit dem WE-Skandal brechen seine Beliebtheitswerte wieder ein. Auch seine öffentliche Entschuldigung Mitte Juli half nicht dabei, die Öffentlichkeit zu beruhigen. Da das Unternehmen Minderheitsregierung grundsätzlich ein zerbrechliches Konstrukt ist, sehen nicht wenige Beobachter Trudeaus Posten in Gefahr. Ein Zerbrechen der Regierung und damit verbundene Neuwahlen würden vermutlich seinen Rücktritt und damit höchstwahrscheinlich das Ende seiner politischen Karriere bedeuten.

Das nächste Kapitel im Skandal wird am Donnerstagabend geschrieben. Dann wird Premier Trudeau unter Eid im Finanzausschuss zu der WE-Charity-Affäre aussagen.

Quellen:CNN / BBC / City News / Politico / Time / CBC / Independent /


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