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Bleibt Justin Trudeau Premier?: Diese drei Dinge sollten Sie über die Wahl in Kanada wissen

Kanada entscheidet über seine künftige Regierung: Kann der gefallene Polit-Superstar Justin Trudeau im Amt bleiben oder holen sich die Konservativen die Macht zurück? Drei wichtige Fakten über die Wahl in Kanada.

Video: Parlamentswahl in Kanada: Trudeau im sanften Aufwind

In Kanada wird an diesem Montag ein neues Parlament gewählt. Im flächenmäßig zweitgrößten Land der Erde sind rund 27 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. In den Umfragen lieferte sich Premierminister Justin Trudeau von den Liberalen zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit seinem  konservativen Herausforderer Andrew Scheer. Die absolute Mehrheit von 170 der 338 Sitze im Parlament in Ottawa dürfte aber keine der beiden Parteien erreichen können. Die Abgeordneten werden per Direktwahl nach dem Mehrheitsprinzip gewählt. Mit ersten Wahlergebnissen wird ab Dienstagmorgen kurz nach ein Uhr deutscher Zeit gerechnet.

Drei wichtige Fakten über die Parlamentswahl in Kanada:

1. Die Wahl ist ein Referendum über Justin Trudeau

Als Trudeau 2015 mit damals 43 Jahren mit absoluter Mehrheit Ministerpräsident wurde, gab es einen regelrechten Hype um den Sohn des langjährigen und beliebten Regierungschefs Pierre Trudeau. Nach mehreren konservativen Regierungszeiten in Kanada stand Justin Trudeau für einen Aufbruch in eine liberale, tolerante und moderne Zeit und für einen Generationenwechsel. Im Ausland wurde er gar als Kanadas Kennedy und Gegenmodell zu US-Präsident Donald Trump gefeiert. Das "Rolling Stone"-Magazin sah in ihm die "beste Hoffnung der freien Welt".

Vor allem im Land selbst ist die Liebe zu dem einstigen Polit-Superstar mittlerweile aber deutlich abgekühlt. Zwar hat Trudeau eine Reihe von wichtigen Versprechen gehalten - von der Cannabis-Legalisierung bis hin zur Einführung eines bedarfsorientierten Kindergeldprogramms - er hat aber auch einige Ankündigungen nicht umgesetzt. Ein Gelöbnis zur Überarbeitung des kanadischen Wahlsystems wurde fallen gelassen und ein Versprechen, den Haushalt in diesem Jahr auszugleichen, gebrochen.

Und dann kratzte auch noch eine Reihe von Skandalen und Fehltritten an Trudeaus glänzendem Image. So ließ er sich 2016 vom Oberhaupt der schiitischen Glaubensgemeinschaft der Ismailiten, dem Milliardär Aga Khan, zu einem Urlaub auf dessen private Karibikinsel einladen und musste anschließend offiziell zugeben, Ethik-Vorschriften verletzt zu haben. Bei einem Besuch in Indien im vergangenen Jahr nahmen er und seine Familie in traditionelle Gewänder gekleidet an typischen Touristen-Aktivitäten teil, was selbst seine Gastgeber übertrieben fanden und Trudeau in der Heimat den Vorwurf einbrachte, öffentlichkeitswirksame Fototermine seien ihm wichtiger als Politik. Dann wurde bekannt, dass er Ermittlungen gegen das kanadische Unternehmen SNC-Lavalin wegen Bestechung in Libyen unterdrücken wollte - auch hier bescheinigte ihm eine Ethik-Kommission falsches Verhalten.

Ein Mann im Anzug steht im Mittelgang eine Flugzeuges und spricht in vier Mikrofone, die ihm Reporter hinhalten

Im September tauchten schließlich mehrere "Blackfacing"-Aufnahmen von Trudeau auf - die jüngste aus dem Jahr 2001 - die ihn mit dunkel geschminktem Gesicht zeigen, unter anderem als Aladdin verkleidet auf einer Party. Der Premierminister entschuldigte sich für sein "rassistisches" Verhalten und erklärte, er sei schon immer "von Kostümen begeisterter gewesen, als es manchmal angebracht ist."

Nach eigener Aussage ist Trudeau weiterhin die beste Option für Kanadier, die eine fortschrittliche Regierung wollen. Aber er kann nicht mehr als Außenseiter mit dem Versprechen auf Veränderungen Wahlkampf machen. "Er hat jetzt eine Bilanz, mit der er antritt", zitiert die BBC den Politologen Alex Marland. Am Ende werde es für die Wähler auf die Frage hinauslaufen: "Will ich, dass Justin Trudeau weiterhin Premierminister von Kanada ist oder nicht?"

2. Es gibt junge, neue Gesichter

Der Spitzenkandidat der Konservativen, Andrew Scheer, hat den Umfragen zufolge die beste Chance, Trudeau abzulösen. Der 40-Jährige war als relativ unbekannter Politiker in das Rennen um den Ministerpräsidentenposten gestartet. Ihm fehlt allerdings Trudeaus Star-Faktor und er wirkt häufig farblos.

Auch für den ebenfalls 40 Jahre alten Jagmeet Singh von der New Democratic Party (NDP) war es der erste Wahlkampf auf Bundesebene. Er hatte vor zwei Jahren das Steuer der Sozialdemokraten übernommen und lockt vor allem linke Wähler an. Obwohl die NDP in den Umfragen auf dem dritten Platz liege, sähen ihn die Wähler als den sympathischsten aller Parteichefs an, berichtet die BBC. Die NDP hatte allerdings dem Sender zufolge Probleme, ausreichend Wahlkampfspenden zu sammeln, ein Drittel ihrer Fraktionsmitglieder verzichtete auf eine erneute Kandidatur und die Partei brauchte lange, um überhaupt eine vollständige Kandidatenliste vorzulegen.

Der Vorsitzende der sozialdemokratischen NDP, Jagmeet Singh

Will bei der Wahl in Kanada der lachende Dritte werden: Der Vorsitzende der sozialdemokratischen NDP, Jagmeet Singh

AFP

Der regionale Block-Quebecois, der sich auf die Förderung der Interessen der Provinz Quebec konzentriert, hat ebenfalls einen neuen Führer: Yves-Francois Blanchet. Der 54-Jährige hat die Aufmerksamkeit der Wähler in dieser Region erregt und wird voraussichtlich erhebliche Gewinne erzielen.

Die Grünen treten dagegen mit einer echten Wahlkampfveteranin an. Für ihre 65 Jahre alte Vorsitzende Elizabeth May ist es bereits die vierte Parlamentswahl.

3. Der Klimawandel spielt eine große Rolle

Für die Wähler spielen nach BBC-Angaben vor allem Wirtschaftsfragen und Themen, die ihre eigene Brieftasche betreffen, eine wichtige Rolle bei ihrer Entscheidung - und die Umwelt. Die Konjunktur entwickle sich gut und die Arbeitslosigkeit sei auf einem fast historischen Tiefpunkt - aber nicht alle Familien hätten das Gefühl, dass sie davon profitierten, berichtet der Sender. Die Liberalen hätten deshalb mit Leistungen wie ihrem Kindergeldprogramm geworben, das 2017 laut Bundesstatistik rund 278.000 Kinder aus der Armut geholt habe. Die Botschaft der Konservativen hätte sich vor allem an Kanadier gerichtet, die um ihre finanzielle Zukunft besorgt sind.

Deutlich schärfer verläuft die Frontlinie zwischen den Parteien beim Thema Kohlendioxid-Steuer, die vier der zehn kanadischen Provinzen auferlegt wurde, weil sie es versäumt hatten, ihre eigenen Pläne zur Bekämpfung des Klimawandels vorzulegen. Der nationale Preis für CO2-Emissionen ist von zentraler Bedeutung für Trudeaus Bemühungen, Kanadas Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen zu erfüllen.

Politiker Heiko Maas

Die CO2-Abgabe verteuert zum Beispiel Benzin- und Treibstoff. Die Liberalen argumentieren, dass diese Kosten durch einen jährlichen Steuernachlass an die Kanadier zurückgezahlt werden. Aber "es gibt viele Menschen - vielleicht sogar unter denjenigen, die denken, dass der Klimawandel ein Problem ist -, die sagen: 'Ich habe im Moment nicht das Geld', zitiert die BBC den kanadischen Politikexperten Matthew John.

Andrew Scheer setzt auf diese Menschen. Er hat die Abgabe im Wahlkampf als "unfaire Steuer auf alles" bezeichnet und geschworen, sie als eine seiner ersten Amtshandlungen abzuschaffen, wenn er gewählt wird. "Die CO2-Steuer hat die Kosten auf die Dinge erhöht, die wir jeden Tag brauchen", wetterte er. Sein Klima-Programm soll den Kanadiern nicht weh tun. Kritiker halten es für entsprechend wirkungslos.

Jagmeet Singh hofft, im Klimastreit der lachende Dritte zu werden. Kanada müsse "nicht zwischen Herrn Verzögerung (Trudeau) und Herrn Leugnung (Scheer) wählen", stellte der NDP-Chef in einer TV-Debatte der Spitzenkandidaten fest. "Es gibt eine andere Option."

mad