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"New York Times"-Recherche "Sehr reale Auswirkungen von digitalen Echokammern" – wie der Sturm des Kapitols online vorbereitet wurde

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"Sei dabei, sei wild!" – Noch-US-Präsident Donald Trump warb offensiv für die Kundgebung in Washington, die in Gewalt umschlug. Seine Anhänger nahmen ihn beim Wort. Dabei war die Eskalation schon lange eingepreist.

Es ist der 19. Dezember des vergangenen Jahres, als Donald Trump zu Trommeln beginnt. Es ist einer dieser Tage, an denen sich der mächtigste Mann der Welt mal wieder in Rage twittert. Gestohlene Stimmen, Wahlbetrug, Fake News. Das übliche Programm. Doch einer seiner Tweets enthält quasi nebenbei einen Aufruf:

"Großer Protest in Washington D.C. am 6. Januar. Sei dabei, sei wild!"

Es wird nicht die letzte Werbung des scheidenden Präsidenten für die Demonstration am 6. Januar in Washington bleiben, über die später die ganze Welt sprechen wird.

"Tag der Abrechnung" am Kapitol in Washington

Der 6. Januar 2020. Für diejenigen, die dem Populisten nachrennen, also auch für all die Faschisten, Rassisten, White Supremacists, Alt-Rights und Verschwörungsgläubigen unter ihnen, ist dieser Tag schon länger im Kalender markiert. Als "Tag der Abrechnung". Es ist der Tag, an dem der Kongress den Sieg des Demokraten Joe Biden bei der Präsidentschaftswahl offiziell bestätigen soll. Der Tag, an dem die Niederlage Donald Trumps amtlich werden soll. Normalerweise ein weitgehend geräuschloser Vorgang. Aber normal ist in den Vereinigten Staaten schon lange vieles nicht mehr.

Und die Trump-Fans haben sich früh vorgenommen, dass der 6. Januar 2020 alles andere als geräuschlos und normal vonstattengehen soll. An jenem Mittwoch, diesem "Tag der Abrechnung", solle "Amerika gerettet" werden, der "Diebstahl der Wahlen" beendet werden – auch mit Gewalt, sogar mit Waffengewalt. So ist es seit Wochen schon in den sozialen Netzwerken zu lesen, wie Recherchen der "New York Times" (NYT) belegen.

Der Startschuss für die Mobilisierung fällt demnach am 4. November, einen Tag nach der Wahl. Bei Facebook wird an diesem Tag die erste "Stoppt den Diebstahl"-Gruppe gegründet. Die erste von Hunderten – und mit 320.000 Mitgliedern lange die größte. Bis Facebook sie vom Netz nimmt. Die immer restriktiver werdende Löschtaktik des sozialen Netzwerks führt dazu, dass die Trump-Anhänger ausweichen. Auf andere Social-Media-Dienste, die so gut wie alles zulassen. Parler und Gab zum Beispiel. Diese Orte werden in der Folge zum Zentrum des digitalen Widerstandes gegen die vermeintlich gestohlene Wahl. Die Organisation der Pro-Trump-Veranstaltung am 6. Januar in Washington kann hier ungehindert an Fahrt gewinnen.

Generalstabsmäßige Planung übers Internet

Rechtsextreme Meinungsführer und Verschwörungsideologen können hier ungehindert faktenfreie Behauptungen und Anschuldigungen verbreiten – und finden Gehör.

Während Donald Trump und seine Getreuen vor Gerichten eine Niederlage nach der anderen kassieren und immer deutlicher wird, dass Joe Biden der Sieg auf juristischem Wege nicht mehr zu nehmen ist, planen radikale Anhänger auf ihren Ausweichplattformen die "Abrechnung", so die NYT. Die Kanäle sind voll von Aufrufen ("Stürmt das Kapitol!"), die Rechten planen die Logistik, teilen Karten mit Anfahrtswegen nach Washington und beschreiben, auf welchen Wegen das Kapitol erreicht werden könne. Sogar Listen mit Adressen von politischen Gegnern werden zusammengestellt.

Auch in nicht gelöschten Facebook-Gruppen geht die Mobilisierung weiter. "Wenn Ihr nicht bereit sind, die Zivilisation mit Gewalt zu verteidigen, dann seid ihr bereit, die Barbarei zu akzeptieren", stachelt ein Mitglied einer rechtsextremen Vereinigung die Trump-Anhänger an. Diese posten unter dem Beitrag Fotos von Waffen – darunter auch Sturmgewehre –, die sie mit zum Kapitol bringen wollen. Ankündigungen, das Kapitol besetzen zu wollen und den Kongress zu zwingen, das Wahlergebnis nicht zu akzeptieren, machen die Runde. Donald Trump wirbt indes weiter für den Protest am 6. Januar.

"Sehr realen Auswirkungen digitaler Echokammern"

Renée DiResta, eine Forscherin der Standford University, die Online-Bewegungen untersucht, sagte der NYT, die fortwährenden und haltlosen Behauptungen über einen Wahlbetrug haben wie ein Brandbeschleuniger für die Umsturzfantasien gewirkt.

Am 6. Januar um 14.46 Uhr Ortszeit in Washington veröffentlicht CNN eine Eilmeldung:

"Pro-Trump-Demonstranten sind zum US-Kapitol durchgebrochen. Die Polizei des Kapitols fordert Unterstützung an."

Der "Tag der Abrechnung" wird zum Tag der Schande. Am Ende sind fünf Tote zu beklagen, das Herz der amerikanischen Demokratie ist schwer beschädigt – und Joe Biden als Gewinner der Präsidentschaftswahl vom Kongress bestätigt. Social-Media-Dienste schalten die Accounts von Donald Trump zumindest vorübergehend ab. In den Gruppen seiner extremen Anhänger wird indes über die nächsten Schritte fantasiert. Tag X diesmal: der 20. Januar. Der Tag der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten.

Forscherin Renée DiResta sagt über die Eskalation vorm und im Kapitol: "Das ist eine Demonstration für die sehr realen Auswirkungen digitaler Echokammern."

Quellen:"New York Times", Twitter-Account Donald Trump, CNN

wue

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