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Klammes Nordkorea: Kim bietet Ginseng statt Barem

Nordkorea will seine Schulden bei Tschechien tilgen - allerdings nicht in harter Währung. Diktator Kim Jong Il hat der Regierung in Prag stattdessen Kraftwurzeln angeboten. Doch die Sache hat einen Haken.

Von Torben-Gerd Schultz

Wer sich regelmäßig Ginseng gönnt, egal ob als Tee oder Tablette, kann eigentlich nicht krank werden. Die Wunderwurzel - davon sind Hobbymediziner überzeugt - hilft gegen alles: sei es Thrombose, Diabetes oder Krebs. Selbst Impotenz ist kein Thema mehr. Wohl deshalb wird der Ginseng mit seiner knorpeligen Knolle auch Kraftwurz genannt.

Nordkorea nun, einer der letzten Arbeiter-und-Bauern-Staaten, kultiviert die Kraftwurz in Hülle und Fülle. So satt ist die Ernte, dass das kommunistische Regime unter Diktator Kim Jong Il nach neuen Methoden sucht, die Knolle zu Geld zu machen. Kim plant, Nordkoreas Kredite mit Ginseng abzutragen. Einen ersten Versuch hat der Diktator in Tschechien gestartet. Der Deal: Pjöngjang liefert Kraftwurz, und Prag erlässt dem Regime im Gegenzug fünf Prozent seiner Schulden. Umgerechnet wären das rund 500.000 Dollar.

Wer Ginseng hatte, war ein gemachter Mann

Kim kann selbstbewusst auf die chinesische Geschichte verweisen. Schon vor 2000 Jahren schätzten die Kaiser der Han-Dynastie die Kraftwurz für ihre heilende Wirkung. Die Pflanze versprach Gesundheit und ein langes Leben - und wurde daher in purem Gold aufgewogen. Ergo: Wer Ginseng hatte, war ein gemachter Mann.

Heute gilt das nicht mehr. Nordkorea ist klamm. Schulden in Höhe von insgesamt 12 Milliarden Dollar lasten auf dem Regime in Pjöngjang. Weil Kim weiter in sein Atomprogramm investiert, ist das Land international isoliert und vom Kapitalmarkt abgeschnitten. Devisen ergaunert sich der Diktator mit Waffenschmuggel. Die Kraftwurz als Zahlungsmittel - das wäre die Lösung.

Doch die Sache hat einen Haken: Um wie geplant Schulden bei den Tschechen abzubauen, müsste Nordkorea zwölf bis 20 Tonnen Ginseng liefern - je nach aktuellem Weltmarktpreis. Das aber übersteigt den Knollenkonsum des osteuropäischen Landes von 1,4 Tonnen jährlich um ein Vielfaches.

Tschechien will noch eine Zugabe

Die Regierung von Ministerpräsident Petr Necas diskutiert trotzdem, ob sie Kims Angebot annehmen soll. Schließlich waren beide Länder einmal verbrüdert. Damals, zu Sowjetzeiten, lieferte die sozialistische Tschechoslowakei Maschinen, Lastwagen und Straßenbahnen nach Nordkorea. Auch Tauschhandel war damals üblich - und ist es bis heute: Im Gegenzug für günstiges Öl entsandte etwa Kuba Ärzte nach Venezuela.

Für Kims Angebot allerdings spricht nur, dass 20 Tonnen Kraftwurz besser sind als - nichts. Das weiß auch der tschechische Vizefinanzminister Tomas Zidek. Er will dem Diktator trotzdem noch etwas mehr aus den Rippen leiern. "Wir haben versucht, ihn davon zu überzeugen, beispielsweise eine Schiffsladung Zink zu schicken", sagt Zidek. "Die könnten wir immerhin zu Geld machen."

FTD
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