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Klimawandel: Wie soll die klimafreundliche Stadt aussehen? In Leeds geben die Bürger die Antwort

Wie bringt man Bewohner einer Stadt dazu, nötige Veränderungen wegen des Klimawandels mitzutragen? Das englische Leeds gibt eine Antwort: Man lässt die Bürger den Wandel mitgestalten. Ein Komitee hat jetzt weitreichende Vorschläge vorgelegt.

Fußgängerzone in Leeds: Davon soll es nach den Vorschlägen eines Bürger-Komitees in einer klimafreundlichen Stadt mehr geben. 

Fußgängerzone in Leeds: Davon soll es nach den Vorschlägen eines Bürger-Komitees in einer klimafreundlichen Stadt mehr geben. 

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Die großen Fragen rund um die Erderhitzung werden derzeit auf der Weltklimakonferenz in Madrid diskutiert. Die konkreten Fragen stellen sich aber vor Ort: Wie können wir uns auf den Klimawandel einstellen? Und was können wir konkret tun?

Dass sich unsere Städte verändern müssen, um lebenswert zu bleiben, steht für Experten außer Frage: weniger Autoverkehr, mehr Grünflächen, mehr Schneisen für einen Luftaustausch - das sind die wichtigsten Stichworte in diesem Zusammenhang. Viele Politiker fürchten aber, dass die Einwohner mit den einschneidenden Veränderungen, die zu erwarten sind, überfordert sein könnten und sie deshalb nur schwer davon zu überzeugen seien. Umso bemerkenswerter scheint da das Beispiel des nordenglischen Leeds. Dort sprechen Bürger, Organisationen und Firmen in der Leeds Climate Commission bei der Umgestaltung ihrer Stadt ein gehöriges Wort mit. Nach eingehender Diskussion hat eine von der Kommission gebildete Bürgerjury kürzlich ihre Empfehlungen für eine klimafreundliche Zukunft ihrer Stadt vorgelegt.

Klimawandel: Sache für "Akteure aus der ganzen Stadt"   

Leeds liegt in West Yorkshire, hat inklusive aller Vororte gut 750.000 Einwohner und ist Zentrum eines Ballungsgebietes, in dem etwa drei Millionen Menschen leben. Dass Stadt und Region mit den üblichen Problemen europäischer Metropolregionen zu kämpfen haben, versteht sich von selbst - Umwelt- und Klimabelastungen inklusive.

Um den sich abzeichnenden Problemen zu begegnen, entschied man sich hier schon vor zwei Jahren eine Einrichtung zu schaffen, die sich intensiv und kontinuierlich damit befassen soll, wie sich Menschen und Organisationen die Zukunft ihrer Stadt in Zeiten des Klimawandels vorstellen. Das Ergebnis war die Leeds Climate Commission, die kein geschlossener Club aus Experten und Stadtoberen ist, sondern eine Kommission, in der öffentliches und privates Leben der Stadt abgebildet sind: wichtige Organisationen, Vereine, Stiftungen, Firmen und andere "Akteure aus der ganzen Stadt" sind vertreten, wie es in der Selbstbeschreibung heißt. Den Vorsitz hat ein Fachmann: Andy Gouldson, Professor für Umweltpolitik und Klimawissenschaftler an der Leeds University. Unterstützt wird die Arbeit des LCC vom landesweiten Committee on Climate Change, das schon seit 2008 die britische Regierung in Klimafragen berät.

Bürgerjury: "Wusste nicht, wie ernst es ist"

So weit, so gut. In Leeds ging man vor knapp zwei Monaten noch einen Schritt weiter, wie das LCC berichtet. Nach einem vorgegebenen Verfahren wurde in Regie der Commission eine 21-köpfige, für die Bevölkerung von Leeds repräsentative Jury gebildet und deren Arbeit auch finanziert. Um Antworten auf die Leitfrage "Was sollte Leeds gegen den Klimawandel tun?" traf sich die Bürgerjury in acht Wochen nach eigenen Angaben zu neun Terminen und hörte insgesamt 22 "Kommentatoren" zu den Aspekten des komplexen Themas. Zum Schluss formulierte die Jury zwölf Empfehlungen, wie die Stadt und ihre Einwohner in eine klimafreundliche Zukunft gehen können.

Für etliche Mitglieder war die Arbeit in der Jury ein echter Lernprozess. Am Ende der letzten Sitzung befragt, sagte knapp die Hälfte der Mitglieder, dass die Arbeit ihre Meinung zum Klimawandel verändert habe. "Ja. Von Beginn an. Mir war nicht bewusst, wie ernst das Problem ist", gab ein Jurymitglied zu Protokoll. "Meine Meinung hat sich nicht verändert", äußerte sich ein anderes Mitglied, "aber bin jetzt sehr viel besser informiert. Ich kann etwas ändern und ich werde das tun."

Zwölf Empfehlungen für eine klimafreundliche Stadt

Die Empfehlungen der Bürger von Leeds für eine klimafreundliche Stadt sind für viele Experten keine Überraschung. Doch da sie von einem repräsentativen Bürgergremium kommen, geben sie einen Eindruck davon, welche Maßnahmen Stadt-Bewohner möglicherweise auch andernorts mittragen würden.

Dies sind die zwölf Empfehlungen der Jury:

  • Wichtigster Punkt: der Verkehr. Alle Juroren sind der Meinung, dass der Busverkehr unter öffentliche Kontrolle gestellt werden sollte. Die Stadt sollte "positive Maßnahmen ergreifen", um die Nutzung von privaten Fahrzeugen als letztes in Erwägung zu ziehen. Zudem sollte es sichere Fahrradwege, Fahrrad-Parkhäuser und mehr Fußgängerbereiche geben. Auch eine City-Maut oder Überlastungsgebühr sollte es geben.
  • Alle vorhandenen Wohnungen müssen energieeffizient umgebaut werden.
  • Umfassende Kommunikation mit allen Mitteln und auf allen Ebenen, um Einzelpersonen, Gemeinschaften und Organisationen klar, positiv und mit praktischen Hinweisen die Notwendigkeit zu vermitteln, dass die Klimakrise bewältigt werden muss und kann. Besonders wichtig dabei: der Schulunterricht.
  • Eine Vielzahl von Finanzierungsquellen sollen erschlossen werden: unter anderem Invenstmentfonds, Crowdfunding, Pensionsfonds. Die Finanzierung der Klima-Maßnahmen soll sich positiv auf das Verhalten der Menschen auswirken und möglichst jedem ein "Kohlenstoffbudget" verschaffen.
  • Bündelung der Kräfte: Die politischen Gruppierungen in Leeds und Yorkshire sollen bei der Lösung des Klimaproblems zusammenarbeiten.
  • Mehr Grün- und Freiflächen in der Stadt schaffen.
  • Alle Neubauten müssen so zukunftssicher wie möglich gebaut werden.
  • Durch einen Green New Deal für Leeds sollen kohlenstoffarme Lösungen und Vorhaben gefördert und entwickelt werden.
  • Der geplante Ausbau des Flughafens Bradford soll gestoppt werden. Der Stadtrat sollte keine weiteren Straßen oder Grundstücksverkäufe für den Airport genehmigen, die Bürger sollten einen Ausbau blockieren und über die Auswirkungen des Fliegen auf den jeweiligen CO2-Fußabdruck aufgeklärt werden. Die Jury spricht für eine Vielfliegersteuer (basierend auf Einkommen und Anzahl der Flüge) aus und es sollte verstärkt dafür geworben werden, im Inland Urlaub zu machen statt Fernreisen zu unternehmen.
  • Unternehmen und Organisationen in Leeds sollen sich verpflichten, bis 2030 klimaneutral zu sein. Eine "Leeds First"-Auszeichnung soll dazu ermutigen.
  • Ausbau von Recyclinganlagen, die für alle verfügbar und zugänglich sein sollen.
  • Geschäfte sollten aktiv dazu ermutigt werden, auf Plastik-Einwegverpackungen von Lebensmitteln und Getränken zu verzichten. Stattdessen soll Mehrwegpfand-Systeme bevorzugt werden).

+++ Lesen Sie hier den Abschlussbericht der Bürgerjury (auf Englisch) +++

Gegenüberstellung von grüner Wiese und einer verdorrten Wiese

Stadtrat von Leeds verspricht "zu reagieren"

"Einige der der Empfehlungen sind zweifellos herausfordernd", kommentierte LCC-Chef Andy Gouldson die Liste der Maßnahmen, "aber auf den Klimawandel zu reagieren, ist eine gewaltige Herausforderung, und unsere Reaktion muss von den Menschen in der Stadt aktiv gesteuert werden." Die Ergebnisse der Beratungen der Bürgerjury würden wichtige Einblicke geben "in die Art und Weise, wie die Menschen in Leeds über den Klimawandel denken und was wir dagegen tun sollten."

Die Climate Commission hat schon zugesagt, sich bei künftigen Aktivitäten an der Liste zu orientieren. Der Stadtrat von Leeds, so heißt es, hat versprochen, auf die Wünsche der Bürger "zu reagieren". Wieviel davon umgesetzt wird, muss sich zeigen. Immerhin: Den "Klimanotstand" hat der Stadtrat für Leeds schon erklärt.

Quellen: "Leeds Climate Commission", "Empfehlungen der Bürgerjury von Leeds", "Leeds live", "Yorkshire Evening Post", "Committee on Climate Change", "Yorkshire Post", Thema Klimawandel im Stadtrat Leeds

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