Kommentar Geben Sie auf, Frau Senatorin!


Barack Obama hat North Carolina satt gewonnen und Indiana knapp verloren. Nach den Regeln des politischen Geschäfts ist ihm die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten nicht mehr zu nehmen. Hillary Clinton muss schnell aufgeben - zum Wohl ihrer Partei und ihres eigenen Ansehens.
Ein Kommentar von Florian Güßgen

Die Frau ist ein Polit-Star: Kenntnisreich, willensstark, taktisch und strategisch gewieft - und dazu mit einer schier übermenschlichen Energie gesegnet. Und so hat Hillary Clinton auch Wahlkampf geführt. Unermüdlich, unverzagt, trotzig - auch, als sie als Favoritin längst gestürzt war, als die Niederlagen sie wie Nackenschläge schwächten, als das Geld knapp wurde, als ihr Team versagte. Sie ist zurückgekommen, als Comeback-Kid, hat sich, welch' Ironie, zur Jeanne d' Arc der kleinen Leute, der Arbeiter stilisiert und den Gegner gleichzeitig ebenso hemmungs- wie gnadenlos attackiert.

Obama hat Steherqualitäten bewiesen

Aber es gibt einen Polit-Star, der in diesem Wahlkampf besser war als die Senatorin aus New York: Barack Obama. Mit seinem deutlichen Sieg bei den Vorwahlen im US-Bundesstaat North Carolina und vor allem der nur knappen Niederlage im Arbeiterstaat Indiana hat der smarte Mann aus Illinois nach allen Regeln des politischen Geschäfts die kritische Masse an politischem Gewicht erreicht, die nötig ist, um auf dem Parteitag im August in Denver zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gekürt zu werden.

Denn in North Carolina und Indiana hat auch Obama fast Clintonhafte Steherqualitäten bewiesen - und Clintons Comeback-Nimbus gebrochen. In den vergangenen Wochen war der vormals als Heiliger erscheinende St. Obama entzaubert worden, durch die Kritik an seiner vermeintlich elitären Betrachtungsweise der weißen Unterschicht und durch die Kritik an seiner langjährigen spirituellen Leitfigur, dem spalterischen Pastor Jeremiah Wright. Die Ergebnisse von North Carolina und vor allem von Indiana zeigen nun, dass auch Obama im Sturm bestehen kann. Er ist kein luftiger Eintageskandidat. Auch er hat das Zeug, in schwieriger Lage zu bestehen. Damit hat er viele in der eigenen Partei widerlegt, die ihm nachgesagt hatten, dass er nicht die Gewichtsklasse habe, um im Wahlkampf gegen den republikanischen Recken John McCain zu bestehen.

Clinton droht unehrenhafte Entlassung

Den Superdelegierten, die bei den Demokraten zum Zünglein an der Waage geworden sind, hat Obama es so unmöglich gemacht, den Vorsprung, den er bei den gewählten Delegiertenstimmen für den Parteitag hat, schlicht zu ignorieren. Nur ein weiter schwächelnder Obama hätte es vorstellbar werden lassen, dass das Parteiestablishment Clinton auf den Schild hebt - zum vermeintlichen Wohl der Partei, gegen die Mehrheit der Delegiertenstimmen, und auf völlig undemokratische Weise.

Nun muss das demokratische Establishment Clinton dazu drängen, möglichst schnell aufzugeben, besser heute als morgen. Zwar hat die Senatorin mit markigen Worten verkündet, dass sie weitermachen wolle. Aber damit verwehrt sie ihrer Partei nur die Chance, Gräben zuzuschütten, Wunden heilen zu lassen, sich für das Duell mit McCain zu wappnen. Sie zeigt, wie groß ihr Egoismus ist, wie wenig sie sich um das Wohl ihrer Partei schert. Clinton läuft Gefahr, Beharrlichkeit mit Starrsinn zu verwechseln - und Obama nimmt sie die Chance, sich inhaltlich, strategisch und finanziell auf die Auseinandersetzung mit McCain vorzubereiten - und auch Clintons Anhänger von sich zu überzeugen.

Für Hillary Clinton ist das Aufgeben unendlich schwer. Ein Traum ist geplatzt - und auch die Hoffnung auf eine Art Wiedergutmachung nach all den Demütigungen, die sie während der Präsidentschaft ihres Mannes erfahren hat. Aber ein echter Polit-Star weiß eben auch, wann ein Kampf verloren ist. Wenn Clinton das nicht einsieht, wird ihre Partei sie unehrenhaft entlassen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker