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Kooperation weiter eingeschränkt: Koreanisches Industrieprojekt vor dem Aus

Pjöngjang hat den Abzug seiner Arbeiter aus der Sonderwirtschaftszone Kaesong angekündigt. Der Industriepark galt als Symbol einer friedlichen Zusammenarbeit der beiden koreanischen Staaten.

Nordkorea schottet sich immer weiter ab. Jetzt will das stalinistische Land auch die letzte Bastion wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit Südkorea aufgeben - vorerst zumindest. Nordkorea beschloss am Montag den Abzug aller 53 000 nordkoreanischen Arbeiter aus der gemeinsam mit dem Süden betriebenen Sonderwirtschaftszone Kaesong. Die Produktion im grenznahen Industriepark auf nordkoreanischem Gebiet soll bis auf weiteres eingestellt werden.

Schon längst ist das wirtschaftliche Großprojekt zu einem politischen Spielball im Konflikt zwischen beiden Ländern geworden, der sich seit Nordkoreas Atomtest im Februar Stufe um Stufe verschärft hat.

Keiner weiß derzeit, wie es weitergehen soll. "Da alle nordkoreanischen Arbeiter abgezogen worden sind, ist es nun unmöglich für die 123 Unternehmen, den Betrieb aufrechtzuerhalten", wurde der Vizevorsitzende des Verbands südkoreanischer Firmen im Kaesong-Industriekomoplex, Yu Chang-geun, von der Zeitung "JoongAng Ilbo" zitiert. Bereits seit der vergangenen Woche ließ Nordkorea keine südkoreanischen Pendler und Lieferanten mehr nach Kaesong hinein. Die dort verbliebenen Südkoreaner konnten aber ausreisen. Noch über 470 Südkoreaner sorgten am Montag dafür, dass die Produktion unter ihrer Aufsicht zunächst weiterlief.

Schließung würde Nordkorea schaden

Jetzt droht Nordkorea erneut damit, den Komplex komplett zu schließen. Allerdings hält es die Tür zumindest einen Spaltbreit offen, um den Betrieb wieder aufnehmen zu können, sollten sich die Spannungen wieder einigermaßen beruhigen. Die Existenz des Industrieparks werde überprüft, teilte das Regime in Pjöngjang mit.

Mit der kompletten Schließung würde Nordkorea sich zwar selber schaden. Pjöngjang will aber mit dem Abzug der Arbeiter nach Ansicht von Beobachtern demonstrieren, dass es nicht von südkoreanischem Kapital abhängt. Der zum größten Teil von Südkorea finanzierte Gewerbekomplex war bisher ein wichtiger Devisenbringer für den verarmten, aber hochgerüsteten Norden. Auf zwischen 80 bis 90 Millionen Dollar, so die Schätzungen, würde Nordkorea im Jahr verzichten, sollte der Komplex komplett dichtgemacht werden. Einen großen Teil der Löhne hatte der Staat nicht an die Arbeiter ausbezahlt, sondern einbehalten.

Zum anderen schraubt Nordkorea mit dem Produktionsstopp weiter an der Eskalationsschraube im Konflikt um sein Atomprogramm. "Nordkorea benutzt den Kaesong-Industriekomplex als Druckmittel gegen Südkorea", zitierte die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap den Experten Chang Yong Seok vom Institut für Friedens- und Vereinigungsstudien an der Seouler Nationaluniversität. Die verhasste Regierung in Seoul solle ihre Politik gegenüber Pjöngjang ändern. Südkorea unterstützte unter anderem den Sanktionsbeschluss des #link;http://www.stern.de/politik/ausland/un-sicherheitsrat-90267215t.html;UN-Sicherheitsrats gegen Nordkorea nach dessen Atomtest im Februar.

15 000 Arbeitsplätze in Gefahr

Für das reiche Südkorea wäre die Schließung kein allzu großer volkswirtschaftlicher Verlust. Allerdings dürfe man die Auswirkung auch nicht ganz vernachlässigen, warnte die Zeitung "The Korea Herald" schon nach der Verhängung des Einreiseverbots. Der Schritt würde viele der 123 kleinen und mittelständischen südkoreanischen Unternehmen in den Ruin trieben. 15 000 Arbeitsplätze seien gefährdet.

Größer ist jedoch der politische Schaden. Lange Zeit schien der Kaesong-Industriepark immun gegen die immer wieder hochkochenden Spannungen auf der koreanischen Halbinsel. Denn trotz der Konfrontationen in den vergangenen Jahren schienen beide Länder bisher noch nicht gewillt, alle Brücken sofort abzubauen. Doch Nordkorea hatte zuletzt binnen kürzester Zeit den Waffenstillstand von 1953 zur Beendigung des Korea-Kriegs und den Nichtangriffspakt mit dem Süden aufgekündigt sowie den "Kriegszustand" ausgerufen. Die Existenz der Sonderwirtschaftszone hängt an einem seidenen Faden.

Von Dirk Godder, DPA / DPA