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Krieg gegen die Hamas: Wo der Frieden gemacht wird

Die Operation "Gegossenes Blei" ist vorerst abgeschlossen. Israel will alle Kriegsziele erreicht haben. Doch von einem Frieden ist die Region genauso weit entfernt wie vor dem Feldzug. Nun schickt sich ausgerechnet ein "Schurkenstaat" an, den Konflikt zu entschärfen.

Eine Analyse von Niels Kruse

Nach drei Wochen Krieg will Israel seine Kriegsziele erreicht haben und zieht seine Truppen aus dem Gaza-Streifen ab. Aber welche Ziele waren das gleich noch? Die Hamas sollte geschwächt, die Versorgung des Gaza-Streifens durch die Tunnel zu Ägypten verhindert und die Raketen-Agriffe auf Südisrael unterbunden werden. All dies sei der Operation "Gegossenes Blei" gelungen, behauptet Israels Premierminister auf Abruf, Ehud Olmert.

Ist das so? Die Radikal-Islamisten waren trotz der israelischen Angriffe in der Lage, rund 700 ihrer fliegenden Rohrbomben Richtung Sderot und Aschkelon abzufeuern. Und selbst nach Inkrafttreten der Waffenruhe schlugen noch einige der Geschosse auf israelischem Boden ein. Das lässt sich kaum als abgeschlossene Mission bezeichnen.

Die Schmuggeltunnel im Süden des Gaza-Streifen scheinen fürs erste tatsächlich unbrauchbar zu sein, wie Bilder von unabhängigen Reportern zeigen. Um die Stollen zu zerstören, hätte es allerdings kein wochenlanges Bombardement des gesamten Küstenstreifens gebraucht. Und wer sagt, dass nicht binnen kurzer Zeit neue Tunnel ausgehoben werden?

Weiß die Hamas selbst, ob sie geschwächt ist?

Bliebe noch die Schwächung der Hamas. Eine Reihe ihrer Führer ist weiter am Leben, und überhaupt ist die Bewegung so undurchsichtig und uneinheitlich organisiert, dass sie vermutlich selbst nicht einmal weiß, ob sie nun geschwächt ist oder auch nicht. Wenn Israel ernsthaft geglaubt haben soll, dass die Gaza-Bewohner die Angriffe letztlich der Hamas in die Schuhe schieben würden - eine Idee, die tatsächlich einmal so geäußert wurde - dann war das ein reichlich naiver Gedanke. Nahe liegender ist wohl, dass nach der Trauer um die Toten der Groll gegen die Nachbarn weiter wachsen wird.

Sollte aber die Hamas tatsächlich Unterstützung und damit Einfluss verloren haben, ist nicht auszuschließen, dass der Widerstand gegen Israel sogar wieder zunimmt. Denn wer sollte den militanten Palästinensern Einhalt gebieten, wenn nicht die Denker und Lenker der Hamas? In den vergangenen Tagen, während den Verhandlungen über eine Waffenruhe, ist erneut deutlich geworden, wie uneins und zerstritten die Regierenden in Gaza-Stadt sind. Jedoch sind sie die entscheidenden Ansprechpartner für Israel. Sollten die palästinensischen Kämpfer mit ihren Raketen und Sprengstoffgürteln nicht mehr auf die Hamas-Führung hören, dann könnte es schnell wieder vorbei sein mit der Waffenruhe.

Doch unabhängig davon, in welchem Zustand die israelische Armee die Radikal-Islamisten zurückgelassen hat, führt kaum ein Weg an Verhandlungen mit ihnen vorbei. Und glaubt man dem syrischen Präsidenten Baschar al Assad, dessen Land als Hamas-Unterstützer gilt, dann passiert genau das seit einiger Zeit. Wenn auch hinter verschlossenen Türen. Ähnlich verfährt Israel auch mit eben jenem Erzfeind Syrien: Unter türkischer Vermittlung saßen Gesandte beider Seiten an einem Tisch, um über einen Friedensvertrag zu sprechen. Erst kurz vor dem Krieg in Gaza wurden die Verhandlungen abgebrochen.

Syrien ist eine der wenigen Mächte in der Region, die großen Einfluss auf die Hamas haben. Und Präsident al Assad, zeigt sich offenbar bereit, diesen Einfluss im Sinne einer "Stabilisierung der Region" auch zu nutzen, wie er jüngst sagte. In Rahmen eines Annäherungskurses an den Westen. Das Land, von George W. Bush als Schurkenstaat geächtet, will die Beziehungen zu den USA entspannen.

Es gilt, viele Schatten zu überspringen

Zwar nicht um jeden Preis, aber Bush-Nachfolger Barack Obama steht dem Ansinnen Assads offen gegenüber und soll auch zu einigen Zugeständnissen bereit sein. Zudem zählen die Syrer auch zu den Unterstützern der Hisbollah, die Israel vom Norden mit Raketen das Leben schwer macht. Ein israelisch-syrischer Frieden wäre vielleicht nicht der entscheidende Durchbruch, aber ein sehr, sehr großer Schritt in Richtung Befriedung des Nahen Ostens. Bis es aber soweit ist, sind noch einige Schatten zu überspringen - von beiden Seiten. Doch die Zeit dafür scheint gekommen zu sein.