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Kriegsberichterstatter: "Focus"-Reporter wiegte sich in falscher Sicherheit

In den knapp drei Wochen seit Kriegsbeginn am 20. März wurden bis zum Dienstag acht Kriegsberichterstatter getötet, unter ihnen auch ein Deutscher. "Focus"-Reporter Christian Liebig starb durch einen Raketeneinschlag in einem sicher geglaubten Feldlager.

Der im Irak-Krieg getötete "Focus"-Reporter Christian Liebig hatte sich nach Angaben der Redaktion aus Sicherheitsgründen entschieden, nicht mit der US-Armee nach Bagdad vorzurücken. Er starb durch einen Raketeneinschlag in dem sicher geglaubten Feldlager.

Liebig habe die Redaktion am Sonntag darüber informiert, dass er nicht wie andere Kollegen die US-Armee ins Bagdader Zentrum begleiten wolle, sagte "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort am Dienstag in einem Interview mit Reuters-TV in München. "Ich werde den Anruf nie vergessen. Er sagte: Ich habe mich für meine Sicherheit entscheiden." Er habe es vorgezogen, im Hauptquartier südlich von Bagdad zu bleiben.

"Wir waren den ganzen Tag schon in großer Sorge"

Liebig war mit der 3. US-Infanteriedivision unterwegs gewesen und starb am Montag mit einem spanischen Kollegen und zwei US-Soldaten, als eine irakische Rakete in dem Hauptquartier einschlug. "Wir waren den ganzen Tag schon in großer Sorge, weil sich Liebig gestern nicht mehr gemeldet hat", sagte Markwort.

Der 35-Jährige sei ein erfahrener Reporter gewesen, der sich freiwillig für den Einsatz zur Verfügung gestellt habe, sagte Markwort. "Sicherheit geht für uns vor Sensation." Liebig sei zu keinem Zeitpunkt leichtsinnig gewesen und habe bei der Bundeswehr einen Vorbereitungskurs absolviert.

Trotz des Todes des Reporters habe sich das Konzept der bei den US-Truppen "eingebettenen Frontreporter" bewährt. "Nie haben wir von einem Krieg mehr erfahren", sagte Markwort. Es sei eine Fehlentschätzung, dass die rund 500 mitreisenden Frontreporter von der US-Armee manipuliert würden. Sie sähen und berichteten als Journalisten wichtige Dinge, die sonst nicht bekannt würden.

Reporter riskieren ihr Leben

Die Fernsehzuschauer haben sich daran gewöhnt, von Journalisten hautnah über das Kriegsgeschehen im Irak informiert zu werden. Aber die Reporter riskieren bei diesem Einsatz ihr Leben. Nach einer Übersicht von "Reporter ohne Grenzen" wurden in den knapp drei Wochen seit Kriegsbeginn am 20. März bis zum Dienstag acht Kriegsberichterstatter getötet, unter ihnen auch ein deutscher.

Bereits am 22. März kam der australische Kameramann Paul Moran (39) bei einem Selbstmordanschlag im Nord-Irak ums Leben. Einen Tag später wurde der britische Kriegsreporter Terry Lloyd (50) bei Basra durch Beschuss von Alliierten getötet, die ihn und seine Begleiter für Iraker hielten. In Kurdistan kamen am 2. und 6. April die BBC- Mitarbeiter Kaveh Golestan und Kamaran Abdurazaq Muhamed ums Leben.

Als erster US-Korrespondent, der an dem "Embedding"-Programm der amerikanischen Streitkräfte teilnahm, starb Michael Kelly am 4. April bei einem Unglück mit einem Militärfahrzeug. Kelly war Kolumnist für die "Washington Post" und zugleich Chefredakteur der Zeitschrift "Atlantic Monthly".

Auch "Focus"-Reporter Christian Liebig "eingebettet"

Ebenfalls "eingebettet" in die US-Streitkräfte waren der "Focus"-Reporter Christian Liebig (35) und sein spanischer Kollege Julio Anguita Parrado (32) von der Zeitung "El Mundo". Beide wurden am Montag (7. April) in der Nähe von Bagdad bei einem irakischen Raketenangriff getötet. Sie hatten sich entschlossen, nicht mit anderen Kollegen ein Kommando ins Zentrum der Haupstadt zu begleiten. Ihre Einschätzung, es sei sicherer, im Hauptquartier zu bleiben, wurde ihnen zum Verhängnis.

Bei einem Angriff auf die Gebäude von zwei arabischen Fernsehsendern in Bagdad wurde am Dienstagmorgen (8. April) ein Reporter des Nachrichtensenders El Dschasira getötet. Der jordanische Korrespondent Tarik Ajoub, der erst drei Tage zuvor in Bagdad eingetroffen war, hatte auf dem Dach des Hauses gestanden, als eine Rakete einschlug. Reporter des Senders warfen den USA vor, den Sender wegen seiner «unabhängigen Berichterstattung» beschossen zu haben.

54 getötete Journalisten im Jahr 2002

Im vergangenen Jahr zählte das Internationale Presse-Institut (IPI) in Wien weltweit insgesamt 54 getötete Journalisten, darunter allein 15 in Kolumbien.

Ulf Laessing