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Krise in Syrien Die Oppositionellen müssen die Metropolen verlassen


In Damaskus und Aleppo müssen sich die Rebellen zurückziehen. Für die Gegenoffensive verlegt das Regime Truppen aus anderen Landesteilen. Das schadet den Aufständischen - aber es hilft ihnen auch.

Kampfhubschrauber, Panzer und enorme Truppenverstärkungen: Dem Regime des syrischen Machthabers Baschar al Assad ist viel daran gelegen, die beiden Metropolen Damaskus und Aleppo möglichst rasch frei von Rebellen zu machen. Eine Kolonne von tausenden syrischen Soldaten, mit Panzern und Geschützen, bewegte sich im Morgengrauen auf Aleppo zu. "Wir stehen in erbitterten Kämpfen, und wir haben Verluste", sagte Abo Omar al Halebi, ein Kommandeur der Freien Syrischen Armee (FSA), wenige Stunden später.

In Damaskus kreisten und schossen die Hubschrauber am selben Tag über dem südlichen Viertel al Hadschar al Aswad. Schon vorher waren die Aufständischen aus Bezirken wie al Midan, al Messe und Barse verdrängt worden, in denen sie sich vor einer Woche festgesetzt hatten. Rebellen-Kommandeure sprechen etwas euphemistisch von "taktischen Rückzügen".

Von der Operation "Damaskus-Vulkan", die sie vor zehn Tagen ausgerufen hatten, ist nicht mehr viel übrig. "In fünf Tagen ist die Normalität wiederhergestellt", erklärte vor drei Tagen der Gouverneur von Damaskus. Dabei schien der Bombenanschlag auf den nationalen Krisenstab am Mittwoch vor einer Woche, dem vier Spitzenleute aus dem Sicherheitsapparat des Regimes zum Opfer fielen, die Rebellenoffensive in der Hauptstadt zu beflügeln. Einige wollten das verhasste Regime schon am Ende sehen. Doch dessen brutale Militär-, Milizen- und Geheimdienst-Maschinerie ist noch weithin intakt.

Desertionen häufen sich

Strategisch zu wichtig und vom Propagandawert her unbezahlbar sind den Machthabern die beiden Metropolen. Deshalb dreht sich auch in Aleppo das Blatt zugunsten der waffentechnisch weit überlegenen Regimetruppen. Vorerst. Denn die Konteroffensive hat ihren Preis. Hunderte Soldaten wurden aus der Unruheprovinz Idlib nach Aleppo verlegt. Diese wurde über die letzten Monate mit viel Mühe und nur unvollständig "befriedet". Der Abzug von Truppen gibt den FSA-Kräften dort die Gelegenheit, weitere Landgebiete unter ihre Kontrolle zu bringen.

Aber auch die Art und Weise der sogenannten Befriedung treibt den Aufständischen immer mehr Menschen in die Arme. Ist die Armee irgendwo wieder zurück, werden mutmaßliche und angebliche Sympathisanten der Rebellen an Ort und Stelle erschossen. Andere werden von den Geheimdiensten verschleppt und gefoltert, oft bis zum Tod. Das hinterlässt viele verbitterte Familien, viele Brüder und Söhne, die sich aus der Stadt hinaus zu den FSA-Stellungen schleichen.

Die grausamen Vergeltungsfeldzüge, aber auch die Nadelstichattacken der Rebellen zehren an der Moral der Truppe. Noch kaschiert die überlegene Waffentechnik die fehlende Motivation der meisten Rekruten. Doch Desertionen häufen sich, auch unter hohen Offizieren.

Das Ringen wird noch eine Zeit lang andauern, doch das Regime wandelt auf der Verliererstraße, meinte der prominente Beiruter Kommentator Rami Khoury im Nachrichtensender Al-Dschasira. Sein Befund: "Die syrische Regierung kann einfach nicht genügend Ressourcen und Enthusiasmus für ihre Truppen mobilisieren, um Kampfhandlungen im ganzen Land aufrechtzuerhalten."

Gregor Mayer, DPA DPA

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