Krisenmanagement "Katrina" drückt Bush an die Wand


Die Situation in den vom Hurrikan "Katrina" betroffenen Gebieten ist nicht unter Kontrolle. Nun erfassen die Folgen des Sturms auch Präsident George W. Bush.
Von Katja Gloger, Washington

Der Präsident hat ein Problem. Und das heißt Katrina. Die womöglich größte Naturkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten traf auch George W. Bush mit voller Wucht – auf seinem Feriensitz im wüstentrockenen Crawford. Es dauerte zwei Tage, bis sich der Präsident ein persönliches Bild von dem Desaster verschaffte – aus sicherer Höhe, knapp 1000 Meter hoch, flog er in seiner Air Force 1 über das Katastrophengebiet – auf dem Rückweg aus dem Urlaub. Blasses Gesicht, schmale Lippen, ernster Blick aus dem Fenster. "Alles ausradiert", kommentierte er und flog weiter ins Weiße Haus, um von dort aus eine Liste mit der Lieferung von Hilfsgütern zu verlesen, wie ein kniffeliger Beamter, der Positionen abhakt, Zahl um Zahl. 13 Millionen Essensrationen, sieben Millionen Pfund Eis, Decken, Generatoren. Es wird alles gut, sagte er noch und rief zu Spenden auf. Sicher wollte er zeigen, er kümmert sich. Aber das ging ziemlich daneben.

Das war ungefähr zu dem Zeitpunkt, als dem Bürgermeister von New Orleans die letzten Ressourcen ausgingen. Als die Alten, die Kranken, die Babies in New Orleans begannen, an Austrocknung zu sterben. Als Tausende Menschen schon seit drei Tagen geduldig und betend im Convention Center von New Orleans ausharrten und warteten. Ohne Wasser, ohne Lebensmittel, ohne Medikamente. Man hatte ihnen gesagt, sich dort zu sammeln. Dann hatte man sie einfach vergessen. Niemand wusste von ihnen, niemand kümmerte sich um sie, um Tausende verzweifelter Menschen - bis ein Kameramann seine Bilder in die Wohnzimmer der fassungslosen Nation sendete.

"Mein Job ist es, Entscheidungen zu fällen"

Katrina droht gerade ein gewaltiges politisches Problem für George W. Bush zu werden. Ein Test für seine Präsidentschaft, vielleicht sogar wichtiger als der Irak. Hatte er nicht stets erklärt, dass er das Land führen werde wie der Vorstandsvorsitzende einer großen Firma? "Mein Job ist es, Entscheidungen zu fällen", sagt er gerne. War nicht fernsehgerecht inszenierte Führungsstärke und Zuversicht sein größtes politisches Kapital? Hatte er nicht nach einem chaotischen ersten Tag rasch den richtigen Ton gefunden in den dunklen, Stunden nach dem 11. September, auf den Trümmern des World Trade Center, vor nunmehr fünf Jahren? War der Glaube an die Entscheidungstärke ihres Präsidenten nicht der wichtigste Grund für Bushs Wiederwahl? Das ändert sich gerade gewaltig. Seine Popularitätswerte sind niedrig wie nie. Immer weniger Amerikaner trauen Bush eine Lösung des anderen Desasters zu: Irak. Immer mehr kriegsmüde Amerikaner haben Angst um ihre Kinder, die aus Reserven und National Guard in den Sumpf des Krieges geschickt werden. Und auch zuhause sieht es nicht gut aus. Zwar brummt die Wirtschaft. Doch das Wachstum basiert vor allem auf einer gewaltigen Immobilienblase. Viele sind hoch verschuldet. Und die Angst wächst, dass mit den steigenden Öl und Benzinpreisen die Blase platzt. Bushs umstrittene Pläne über eine Steuer- und Rentenreform werden von Senat und Kongress einfach ausgesessen. Denn dort stehen nächstes Jahr Wahlen an, die midterms. Und ihre Wiederwahl ist selbst Bushs republikanischen Parteifreunden wichtiger als die Agenda des Präsidenten.

Kein Sinn für die Sorgen der Bürger

Auch in den vergangen Wochen war es nicht so gut gelaufen. Das Verfassungstheater im Irak hätte er ja noch ausgesessen. Doch dann hatte ihn in seinem fünfwöchigen Arbeitsurlaub die Soldatenmutter Cindy Sheehan mit ihrem Friedenscamp in Sichtweite seiner Ranch gequält und wollte gar mit ihm Tee trinken. Der Präsident lehnte ab – und Cindy Sheehan, deren Sohn im Irak fiel, wurde eine nationale Berühmtheit. Auch da hatte der sture Texaner schon eine wichtige Gelegenheit verpasst, sich als Mann zu präsentieren, der die Sorgen seiner Bürger versteht – auch von denen, die ihn kritisieren. Stattdessen fuhr er auf seiner Ranch Mountainbike mit Tour de France-Sieger Lance Armstrong.

Lag da schon etwas von der "lame duck" in der Luft, vom Präsidenten als lahme Ente? Und dann brach Katrina über die Golfküste herein. "Waiting for a leader!" Bitterböse kommentierte die New York Times den ersten Bush-Auftritt nach dem Sturm: "Nichts im Verhalten des Präsidenten - locker bis hin zur Sorglosigkeit - wies darauf hin, dass er das Ausmass der Krise wirklich verstanden hat." Denn schon zwei Tage nach dem Hurrikan wurden die Fragen immer drängender: warum sind soviele Soldaten der Nationalgarde zum Einsatz in den Irak abkommandiert, dass es offenbar nicht reicht für Katastropheneinsätze im eigenen Land? Warum schafften es die Behörden des reichsten Landes der Welt noch nicht einmal, die Krankenhäuser in New Orleans rechtzeitig zu evakuieren? Warum wurden die Dämme der Stadt nicht modernisiert, trotz jahrelanger, zahlreicher Warnungen und detailgenauer Szenarien einer möglichen Überflutung? So hatte nach der todbringenden Hurrikan-Saison des vergangenen Jahres das für Wiederaufbau und technische Hilfe zuständige Army Corps einen detaillierten Küstenschutz-Plan für Louisiana vorgelegt. Kosten: 18 Milliarden Dollar. Doch im Juni kam Nachricht aus Washington: kein Geld. Für Massnahmen in New Orleans stünden ganze 272 Millionen Dollar zur Verfügung. Kritiker machen die Bush-Administration für die katastrophale Fehlentscheidung verantwortlich. Empört kommentierte der schwarze Prediger und Politiker Al Sharpton die flaue Reaktion des Präsidenten: "Ja, es gibt Menschen in New Orleans, die plündern. Ja, sie brauchen Milch für ihre Babies. Sie brauchen Wasser, um zu überleben. Das ist da oben in der Crawford-Gegend wohl nicht so." Und ein Moderator des TV-Senders MSNBC legte wütend nach: auch Außenministerium Condoleezza Rice habe ihren Urlaub abgebrochen - nachdem sie sich in New York noch eine Komödie angesehen habe.

"Naturkatastrophen testen deine natürlichen Stärken"

Nun ist der Präsident nicht an allem schuld, nicht an jeder Fehlplanung, an jeder falschen Entscheidung. Kein Präsident kann die Entwicklung vor Ort aus Washington kontrollieren. Doch Bush muss den Eindruck erwecken, als habe er die Lage im Griff. Er müsste wissen, was auf dem Spiel steht. Vor 13 Jahren hatte sein Vater den Eindruck erweckt, die Weltpolitik im Irak sei ihm wichtiger als das Schicksal der 250.000 Opfer von Hurrikan Andrew in Florida, die damals monatelang auf Hilfslieferungen und Unterstützung warteten. Damit hatte Präsident Bush senior eine Menge politisches Kapital verspielt. Und noch im Wahlkampf 2000 hatte sich George W. Bush als Krisenmanager präsentiert: "Naturkatastrophen testen deine natürlichen Stärken."

An diesem Freitag nun testet er, zeigt sich im Katastrophengebiet. Zu Fuß will er gehen, der Präsident, durch die Trümmer von Biloxi, Mississippi. Er weiß, er muss eine starke, eine richtige Botschaft verkünden. Er weiß, das Erbe seiner Präsidentschaft steht auf dem Spiel, dort, in den Trümmern von Biloxi, Mississippi.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker