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Kuba: Fidels Finale

Der Rücktritt von Fidel Castro, seit über 50 Jahren kubanischer Präsident und letzter Held des real existierenden Sozialismus, sorgt auf der Karibikinsel selbst kaum für Aufsehen. Die Menschen in Havanna bewegt anderes: Baseball, zum Beispiel.

Von Uschi Entenmann

Kuba ohne Castro! Ohne den Maximo Lider, seit Menschengedenken das Bollwerk gegen die Gringos, die Erbfeinde aus den USA! Undenkbar. Doch wer erwartet hat, dass ein Aufschrei durch das Volk der Kubaner gehen würde, sah sich getäuscht. Keine Tränen, kein Jubel. Die wenigen in Kuba akkreditierten Fotografen und Journalisten, die sich in aller Frühe aufmachten, um die Stimmung auf den Straßen einzufangen, erleben, dass alles seinen mehr oder weniger sozialistischen Gang geht.

Männer diskutieren den letzten Home-Run

Im Parque Central vor dem schönen, nur von Touristen frequentierten Hotel "Inglaterra" hocken die üblichen Grüppchen älterer Männer und diskutieren den letzten Home-Run ihres Idols beim "Beisbol". Kein Wort über Raul Castro, der die Nachfolge seines Bruders Fidel nun wohl vollends antreten wird. Wozu auch? Der Mann spielt ja schon seit 20 Monaten die Präsidentenrolle. Einen Unterschied zu früher, als Fidel noch allgegenwärtig und allmächtig schien, sieht ohnehin keiner.

Schon gar nicht die braunen Frauen in Hotpants mit Lockenwicklern im Gassengewirr der Altstadt. Auch sie bilden palavernde Grüppchen, stehen in den Hauseingängen und tratschen über die letzte Sendung der Seifenoper und erörtern, ob es zum Wochenende endlich mal wieder Fleisch, Reis und Bohnen für das Nationalgericht Moros y Christianos gibt. Straßenverkäufer ziehen mit Bauchläden voller Erdnüsse durch die Calle Obispo zur Plaza de Armas.

Liebespärchen liegen sich in den Armen

Im Schatten des klotzigen Gouverneur¬spalastes, einst Regierungssitz des korrupten Regimes unter Batista, heute Museum der Stadt Havanna, bieten Schwarzhändler "garantiert echte Havannas" an, für einen Dollar das Stück, offiziell kosten Cohibas oder Romeo y Julietta das zehn- oder zwanzigfache. Auch auf den Steinbänken neben dem Jahrhunderte alten Ceiba-Baum zeigt sich das gewohnte Bild: Dort, wo die Stadt 1519 gegründet wurde, liegen sich Liebespärchen in den Armen und küssen sich selbstvergessen.

Das Pressezentrum im Stadtteil Vedado tut, was man von ihm erwartet: Es hält keine Pressekonferenz ab. Den Worten des Maximo Lider ist schließlich nichts mehr hinzuzufügen. "Für uns ist das keine spektakuläre Nachricht", sagt Elizardo Sánchez Santacruz, 64, Präsident der illegalen "Kommission für Menschenrechte und nationale Versöhnung". Der Philosophieprofessor und Oppositionführer zuckt die Achseln, "aber ich bin trotzdem froh." Wie es weitergeht, vermöge keiner zu sagen, "das bleibt ein totalitäres Regime", Fidel trete zwar als Präsident, aber nicht als Parteivorsitzender zurück, "dazu hat er jedenfalls nichts gesagt".

Es wird sich nichts ändern

"No me importa nada, das ist mir vollkommen egal", sagt Francisco Gonzales, 86, der im Stadtteil Miramar in einer Schlange vor einer Bodega ansteht, die eine Ladung Bananen feilbietet. "Ich hab's gelesen, dass er geht, na und? Er ist doch schon weg." Es wird sich nichts ändern. "Jeden Tag dasselbe, man muss sehen, dass man was zu essen kriegt." Den Artikel in der Zeitung habe er nicht mal bis zum Ende gelesen. "Fidel wird nicht mehr im Vordergrund stehen und die großen Reden schwingen, aber von hinten die Fäden ziehen", da ist sich Francisco sicher.

"Wer?", mischt sich eine Frau von hinter ein und schüttelt den Kopf, dass ihr zwei Dutzend bunte Lockenwickler um die Ohren schwirren. "Fidel!" Sie winkt ab. "Wetten, dass es unter Raul so weiter geht wie bisher! Wer Dollars hat, kriegt, was er will. Aber wir sitzen im Dunkeln, spätestens am Wochenende bei der nächsten Stromsperre."